C. F. Meyer: Die Füße im Feuer – Analyse

Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm …

Text:

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&id=459&spalten=1&noheader=1 (beide Fassungen)

https://www.martinschlu.de/kulturgeschichte/neunzehntes/vormaerz/meyer/gedichte/fuesse.htm (mit historischem Hintergrund)

http://www.handmann.phantasus.de/g_fuesseimfeuer.html (mit Erläuterungen)

http://www.lyrik123.de/conrad-ferdinand-meyer-der-hugenot-11788/ (frühe Fassung, 1863)

 

Wer ist der Held dieser Ballade? Zweifellos der Edelmann, der den Kurier des Königs nicht tötet, obwohl dieser drei Jahre zuvor seine Frau ermordet hat und jetzt in seine Hand gegeben ist („Durch die Tapetentür“ unbemerkt ins Zimmer zum schlafenden Kurier gekommen, V. 55). Eine epische Pointe besteht darin, dass der Erzähler die Begegnung der beiden teilweise „neutral“, teilweise unvermittelt aus der Sicht des Kuriers erzählt: das Wiedererkennen und seine Todesangst, während die Rettung und die Erklärung dafür aus neutral berichtet werden. – Ich begnüge mich mit den wichtigsten Erläuterungen.

Zuerst ein Blick auf die beiden Fassungen: In der ersten Fassung („Der Hugenot“) wird im vierhebigen Jambus erzählt, teilweise im Kreuz- (V.1-4 jeder Strophe), teilweise im Paarreim (jeweils V. 5-8); wenn man den Text laut liest, merkt, man, wie schematisch das klingt. In der späten Fassung hat Meyer den sechshebigen Jambus gewählt, auf Reime verzichtet und öfter den Takt durch semantisch abweichende Betonung (z.B. „Wíld zúckt der Blítz“) gestört, was ein viel lebendigeres Erzählen möglich macht.

In der 1. Str. wird berichtet, wie der Reiter aus dem Gewitter (wilder Blitz, V. 1 ff.) das rettende Schloss (schimmert goldenhell, V. 5) erreicht, wobei er lärmend (V. 3) noch den Lärm des Gewitters mittbringt (Kontrast – Übergang). Sphäre des Reiters ist Gewitter und Lärm, Sphäre des Edelmanns Ruhe und Geborgenheit.

Es folgt die Begegnung der beiden – wer ist der Fremde? Knecht des Königs, der Forderungen stellt (Imperativ „Herbergt mich!“, V. 8) / ein Gast, der gut aufgenommen wird (V. 9 f.) – der Anspruch des Fremden wird zurückgewiesen („Dein Kleid…“, V. 9). Es taucht das Stichwort „König“ (und sein Anspruch) auf, welches das Ende des Gedichts bestimmt. In der nächsten Szene ruht der Blick auf dem Reiter, wie er den Saal erlebt: Herd und Feuer, Bild einer Frau, von ihm als bedrohlich empfunden (V. 14) – damit wird das dramatische Erleben vorbereitet und eingeleitet: „Leis sträubt sich ihm das Haar. Er kennt den Herd, den Saal …“ (V. 18). Das Geschehen in V. 19 – für den Leser rätselhaft – ist die Erinnerung des Reiters, also innerer Monolog, der in der folgenden Strophe entfaltet wird.

Die 3. Strophe beginnt ganz ruhig mit einer Beschreibung der Essenvorbereitung. In V. 23 signalisiert das Präteritum die Erinnerung des Reiters, die durch das präsentische Verhalten der Kinder bestätigt wird (V. 22 f.): Sie erkennen ihn, verbinden ihn mit dem Herd und mit Schrecken – die Erklärung dafür folgt in der Erinnerung des Reiters (V. 26 ff.). Wieder taucht das alte Geschehen in seiner Vorstellung auf (V. 24 = V. 19), gefolgt von einem Kommentar (V. 25) und der Erinnerung an die Schreckensszene damals (V. 26-32). Der Reiter kommt in Gedanken in die Gegenwart zurück, kommentiert sein Handeln und spricht seine Befürchtung aus (V. 32-34). Mit dessen Angst kontrastiert das Wort des Edelmanns, auch die Anrede „Gast“ statt „Mörder“ (V. 35).

In der nächsten Strophe dominiert der Schrecken der Kinder (aufgerissene Augen, kein Tischgebet, V. 37 f.) und des Gastes: überhastetes Trinken, Hektik, er sieht den flüsternden Knaben (der wohl seinen Vater informiert – das deuten die drei Punkte an), Taumel. Im Vergleich „wie ein Hund“ (V. 41) umschreibt er zwar nur das Wort „hundemüde“, aber doch so, dass er selber auf die Stufe des Tieres gestellt wird. Das korrespondiert seiner Erinnerung an die „Hugenottenjagd“ (V. 26) – so wie andere Hasenjagd betreiben, haben die Truppen des Königs sich auf die Hugenottenjagd gemacht; damit wird das Geschehen sowohl bewertet als auch indirekt datiert.

In der kurzen fünften Strophe erreicht die Spannung ihren Höhepunkt und klingt dann massiv ab: Sicherheitsmaßnahmen, Sturm, deshalb „Lärm“ im Haus (Decke stöhnt, Treppe kracht, V. 46 f.) – so nimmt der angstgepeinigte Reiter es wahr, wie man auch seinen bangen Fragen entnehmen kann (V. 47, wieder mit den drei Punkten der Angstphantasie). Der Erzähler wechselt in seine eigene Perspektive: „Ihn täuscht das Ohr.“ (V. 48), vor allem täuscht ihn sein angsterfülltes Herz. Die darauf folgenden Worte des Erzählers strahlen semantisch Ruhe aus: vorüberwandeln schlummern, plätschern (V. 48 ff.). Die „Regenflut“ (V. 50) nach dem Gewitter (V. 1 – 46), Entspannung.

In der 6. Strophe steigert sich die Angst des Reiters noch einmal in seinen Träumen (wieder Erinnerung an die Mordnacht, V. 51 f. – Wiederholung von V. 19 und V. 28 f.) bis da hin, dass ein Feuermeer ihn verschlingt (V. 53). Hart geschnitten wechselt der Blick, die Szene und die Stimmung: Unbemerkt (!, V. 54 ff.) ist der Edelmann ins Schlafzimmer gelangt (trotz verriegelter Tür, V. 45) und weckt den Schlafenden (eventuell noch Träumenden?). Hier sind die Tapetentür aus dem genannten Grund und der Hinweis auf das plötzliche Ergrauen (V. 56) von Bedeutung. Karl Lyncker berichtet in „Deutsche Sagen und Sitten in hessischen Gauen“ von einem Heinrich von Baumbach, dem einmal gespenstischer Spuk begegnet ist, so dass er „in der Nacht eisgrau geworden, da er doch sonst noch ein junger Gesell gewesen“; das Motiv ist auch sonst bekannt (Suchworte „ergrauen +Schrecken“). Wie es zu diesem Ergrauen gekommen ist, wird im Schlusswort des Edelmanns indirekt erklärt (V. 69-71): Er hat in der Nacht mit sich und seinem Gewissen gerungen, ob er den Mörder seiner Frau ungestraft entkommen lassen soll, obwohl er ihn leicht töten könnte.

Vom Frühstück wird nichts berichtet – nach einem Szenenschnitt lenkt der Erzähler den Blick auf den Abschied der beiden Männer: „Sie reiten durch den Wald …“ (V. 68 ff.). Nach dem Sturm ist Ruhe eingekehrt, teilweise wird die Szene idyllisch beschrieben (Vöglein, friedselige Wolken, Erdgeruch, ein Pflug). Wichtig ist der Vergleich der ziehenden Wolken mit den (Schutz)Engeln (V. 62): Die Engel haben den Edelmann vor dem Mord bewahrt, wird so indirekt gesagt – seelisches Geschehen und Naturgeschehen sind einander parallel. Im zweiten Teil der Strophe (V. 65 ff.) wird das letzte Gespräch der beiden berichtet: Der Reiter hat immer noch Angst („lauert“, V. 65) und droht quasi damit, dass er im Dienst des Königs steht, um sich zu sichern („dem größten König eigen“, V. 67), als er sich „Auf Nimmerwiedersehn!“ empfiehlt. Dessen Wort greift der Edelmann auf, erkennt es als wahr an, gibt ihm aber einen neuen Sinn: Der größte König ist für ihn nicht der französische König, sondern Gott, als dessen Diener er nicht morden darf („Heute ward / Sein Dienst mir schwer“, V. 69 f., weshalb er ergraut ist: V. 70 f.). Die drei Punkt im letzten Vers ersetzen eine Silbe, sind also vom Leser zu füllen, gedankenschwer. Als Maßstab seines Handelns [und Mahnung für den Leser] nennt er ein Bibelwort („Die Rache ist mein“, Dt 32,35), welches schon Paulus als gültig zitiert („Rächet euch selber nicht, meine Liebsten, sondern gebet Raum dem Zorn; denn es stehet geschrieben: ‚Die Rache ist mein; ich will vergelten’, spricht der HERR.“, Römerbrief 12,19).

Damit greift er die erste Äußerung des Reiters auf: „Ich bin ein Knecht des Königs“ (V. 7), natürlich in einem anderen Sinn; dieses das erzählte Geschehen umklammernde Wort muss also als thematischer Leitfaden der Erzählung gelten, die von den indirekten Andeutungen des Erzählers, vom Perspektivenwechsel, von Anstieg und Fallen der äußeren (Gewitter) und inneren Erregung (Wiedererkennen, Erinnerung, Angst, Gewissenskonflikt) lebt.

 

https://www.youtube.com/watch?v=V4xhffoAIow (Vortrag C. Brückner)

https://www.youtube.com/watch?v=q6rfs-YS0v4 (Vortrag Martin Hofer, sehr gut)

https://www.youtube.com/watch?v=q6rfs-YS0v4 (Vortrag D. Strobel)

http://conrad-ferdinand-meyer.de/werke/Gedichte/ (Meyer: sämtliche Gedichte)

https://www.youtube.com/watch?v=4onbjeILuW8 (Vortrag F. Stavenhagen, sehr gut)

https://www.youtube.com/watch?v=_AlunN9xz4M (Vortrag S. Weiss, gut)

https://www.youtube.com/watch?v=W0kxIXXijuo (Vortrag G. Westphal, schnell, sehr gut)

https://www.youtube.com/watch?v=fCmvmSERqvY (Vortrag C. von Ramin, nicht so gut)

http://www.lutzgoerner.de/alle-gedichte-des-tages/67-conrad-ferdinand-meyer (Vortrag Lutz Görners, heute nicht abrufbar)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Meyer,+Conrad+Ferdinand/Gedichte (Gedichte, 1892)

http://www.deutschestextarchiv.de/book/show/meyer_gedichte_1882 (Gedichte, 1882)

https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Meyer,_Conrad_Ferdinand (Biografie)

http://www.deutsche-biographie.de/ppn118581775.html (dito, neuer)

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