M. Nawrat: Die vielen Tode unseres Opas Jurek (2015) – Besprechung

Ein köstlicher Roman, eher eine Sammlung von Geschichten ist anzuzeigen. Sie kreisen hauptsächlich um den Opa Jurek des Ich-Erzählers, dann auch um dessen Frau Zofia und andere Familienmitglieder; erzählt wird von der Kindheit des Opas, seinem Aufenthalt in Auschwitz, dem Umzug nach Opole (ehemals Oppeln) im Jahr 1945, seiner Heirat, seinem Leben als Direktor eines Delikatessengeschäftes ohne Delikatessen, seinen Fähigkeiten als Händler auf dem Schwarzmarkt, seinen Problemen mit der Geheimpolizei und von den Problemen der Polen mit den russischen Freunden, die in Wahrheit eine Besatzungsmacht waren…

Das Köstliche an dieser Sammlung von Geschichten, deren Rahmen das Begräbnis des Opas bildet, wozu der mit den Eltern inzwischen nach Bamberg ausgewanderte Erzähler nach Opole gefahren ist, das Köstliche ist die Perspektive: scheinbar naiv, scheinbar das Bedrückende willig ertragend, dadurch von einem eigenartigen Humor, der an die Abenteuer Schweijks erinnert.

Das sei nur an einem Beispiel aufgezeigt, das für das Leben im kommunistischen Polen von Bedeutung war: Es ist die Idee der Gleichheit, die dem Opa nach dem Krieg von einem (nie so genannten) Russen vorgetragen und an deren Verwirklichung mitzuarbeiten er eingeladen wird: „Man sei gewissermaßen genauso gleich wie alle anderen, und darauf wolle man jetzt mit einem Glas französischen Kognaks anstoßen, der über zwölf Jahre alt sei, und danach wolle man die Aufgaben verteilen.“ (S. 97) Der Opa will die neue Idee auch gleich zu Hause einführen und schlägt vor, dass man alle Arbeiten in der Küche und beim Aufräumen des Schutts und der Besorgung von Lebensmitteln von allen reihum erledigen lassen soll. „Woraufhin Herr Bryk zu bedenken gab, dass er in der Küche nur Ungenießbares zustande bringe. Aber unser Opa beruhigte ihn, indem er sagte, auch wenn das Essen ungenießbar sei, sei es immerhin Essen, und außerdem habe dann jeder von ihnen das gleiche ungenießbare Essen, und das sei ja dann wiederum gerecht.“ (S. 99) Mit vielen dialektischen Tricks erklärt der russische Beamte, wieso es im Sinn der Gleichheit sei, wenn die führenden Köpfe ungleich behandelt, also bevorzugt würden und wieso sie dabei eigentlich ein Opfer und die Idee der Gleichheit voran brächten (S. 115-117). Und so taucht immer wieder die schöne Idee der Gleichheit auf (S. 252, 329), bis der Opa schließlich bemerkt, dass in der neuen polnischen Gesellschaft nach 1990 die Gleichheit als Gleichheit der Möglichkeiten (wie im kapitalistischen Westen) begriffen wird, wobei aber je nach Ausgangslage auch wieder einige im Vorteil sind (S. 378 ff.). Die ganze Geschichte der letzten 50 Jahre sei aus dem Glauben „an zwei unterschiedliche Arten der Gleichheit“ zu verstehen; „aber in Wirklichkeit seien die Menschen in beiden Fällen trotzdem sehr ungleich gewesen, und da habe man genau abwägen müssen, welche Form der Ungleichheit besser sei“ (S. 380), und dass das Leben und die Weltgeschichte nur aus diesem einen Grund so kompliziert gewesen seien, dass es fast zum Atomkrieg gekommen wäre…

Zwei kleine kritische Anmerkungen: So ab Seite 270 hat das Buch einen Durchhänger, der Erzähler fängt sich aber wieder. Jedoch hat er Schwierigkeiten mit der Präposition „außer“; da könnte er noch lernen, dass sie regelhaft mit dem Dativ gebraucht wird.

http://www.dwds.de/?qu=außer (außer)

http://www.canoo.net/services/OnlineGrammar/Wort/Praeposition/Kasus/Dativ.html (Präpositionen mit dem Dativ, dort „außer“)

https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Polens (Geschichte Polens)

http://www.demokratiezentrum.org/wissen/timelines/polen-im-20-jahrhundert.html (Geschichte Polens im 20. Jh.)

http://www.tagesspiegel.de/kultur/roman-die-vielen-tode-unseres-opa-jurek-kabale-und-opole/12445630.html (Rezension)

http://www.mdr.de/mdr-figaro/literatur/buchderwoche-matthias-nawrat-opa-jurek100.html (dito)

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=21302 (vorsichtig kritisch)

http://www.literaturmarkt.info/cms/front_content.php?idart=9140 (begeistert)

http://static.nzz.ch/files/8/5/9/BamS_20150927_1.18618859.pdf (dito – dort S. 4 f.)

http://www.op-marburg.de/Lokales/Kultur/Kultur-lokal/Die-Perspektive-der-kleinen-Leute

http://www.srf.ch/sendungen/52-beste-buecher/die-vielen-tode-unseres-opas-jurek-von-matthias-nawrat (Gespräch mit M. Nawrat)

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