Ulla Hahn: Anständiges Sonett – Analyse

Komm beiß dich fest ich halte nichts…

Text:

http://www.maths.ed.ac.uk/~aar/surgery/ulla1.pdf (1979 in der FAZ)

http://www.lyrikline.org/de/gedichte/anstaendiges-sonett-10714#.VoaexPH1eHk (in: Herz über Kopf, 1981)
https://deutschunterlagen.files.wordpress.com/2014/12/hahn-anstacc88ndiges-sonettrilke.pdf (dort S. 4)

Der Titel „Anständiges Sonett“ stellt einen kleinen Scherz zu Beginn dar: Wie durch den „Untertitel“, eine Aufforderung durch St. H. (Stefan Hermlin?), einmal „ein anständiges Sonett“ zu schreiben, ausgewiesen ist, soll dieses Gedicht das Ergebnis sein, mit dem Ulla Hahn der Aufforderung nachkommt. Dabei ist „anständig“ in dieser Aufforderung das umgangssprachliche Wort für „angemessen, zufriedenstellend“ (DWDS), ordentlich, solide; diese Qualitätsbezeichnung hat Ulla Hahn dann als Titel genommen, wobei sie mit einer anderen Bedeutung des Wortes spielt: „anständig“ war man früher – Ulla Hahn ist immerhin Jahrgang 1945 und stammt aus dem Sauerland! – wenn man sich sexuell zurückhielt und „der bösen Lust“ nicht nachgab, ganz anders als das lyrische Ich dieses Gedichts.

Das Ich spricht ein geliebtes Du in Imperativen an, bittet es darin um erotisch-sexuelle Zuwendung: „Komm…“ (V. 1 ff.). Diese Aufforderungen zum wilden Liebesspiel sind anfangs noch konkret (küss, V. 2; beiß, V. 1) und werden dann zunehmend bildhaft („miss“, V. 3, gehört noch zu „küss“ – Reimwort; „Mal“, V. 4, und erst recht „lass mich springen“, V. 6 f., sowie „Zeig mir…“, V. 7 f., bezeichnen keine konkreten Handlungen mehr, sondern umschreiben die Intensität der sexuellen Spiele, während „drunter und drüber“ in diesem Zusammenhang auch wörtlich zu nehmen ist). Ein indikativischer Satz in V. 8: Das Ich beschreibt sein Agieren im Augenblick höchster Lust.

Wir haben bisher die Quartette des Sonetts betrachtet: Enjambements entsprechen der Leidenschaft der beiden, die umarmenden Reime machen das anständige Sonett aus, während der Wunsch, dass es drüber und drunter geht (V.7 f.), gar nicht so „anständig“ klingt. Der Wunsch „lass mich springen unter der Hand in deine“ (V. 6 f.) ist semantisch schleierhaft – „unter der Hand“ wird vielleicht in „drunter … und drüber“ aufgenommen. Die Reime sind eher zufällig, was wohl mit der Konstruktion versübergreifender Sätze zusammenhängt.

Die beiden Terzette sind nach Art eines Kehrreims wenig originell gebaut: wieder / auch / Lieder / Bauch / Lider / auch (V. 9 ff.). Es dominieren wieder Aufforderungen, wobei der Aussagesatz (V. 9-11) als Begründung zur Aufforderung „Warte“ (V. 9) dient. Die erste Bitte ist der selbstverständliche Wunsch aller Liebenden („Bleib bei mir.“), die zweite („Warte“) wird durch die folgende Aussage erst klar: „Ich komm wieder zu mir“ (V. 9 f.), zurück aus der Benommenheit des Liebesrausches; im Wortspiel [zu sich kommen / kommen als Bewegung] setzt das Ich fort: „zu dir dann auch“ – das als Zitat ausgewiesene Adverbial (V. 11) vergleicht den erneuten Ablauf des Liebesspiels mit der Wiederholung des Kehrverses beim Singen.

Es folgen drei Bitten: die erste um „ewiges“ („ein und allemal“, V. 13) zärtliches Schmusen (die Sonnenkringel auf dem Bauch verreiben), die beiden folgenden umschreiben indirekt die neuen unendlichen Liebesspiele, wobei Lider/Lippen (V. 13 f.) in Alliteration aneinander gebunden sind: nicht einschlafen lassen, küssen!

http://www.biblioforum.de/forum/read.php?31,945,1047 Walter Hinderer (1996)

http://www.litde.com/stationen-der-deutschen-lyrik/das-liebesgedicht-kommt-in-fahrt/ulla-hahn-geb-i-anstndiges-sonett-liebe-nach-dem-gesetz-des-kehrreims.php

https://www.youtube.com/watch?v=KQfHfTxP57o (Vortrag, zu sanft)

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