Ulla Hahn: Irrtum – Analyse

Und mit der Liebe sprach er ists…

Text:

http://www.fachdidaktik-einecke.de/1_Unterrichtsplanung/stundenentwurf_giolda_gk11_hahn_irrtum.pdf (Stundenentwurf, Text dort S. 9 – die sauberste Textbasis)

https://www.klett.ch/mediafiles/probeseite2/978-3-12-927206-0.pdf (geringfügig abweichend: sauberste Textbasis)

 

In einer Darstellung der Prüfungsanforderungen für das Fach Deutsch im Abitur hat das Kultusministerium des Saarlandes (Ministerium für Bildung, Familie, Frauen und Kultur) 2008 auch eine Musteranalyse des Gedichtes von Ulla Hahn dargeboten; da es keine bessere im Netz gibt, sie in den Prüfungsanforderungen jedoch eher versteckt als veröffentlicht ist, soll sie hier noch einmal präsentiert werden:

 

Analysieren und interpretieren Sie das Gedicht von Ulla Hahn.

 

Ulla Hahn:

Irrtum 

 

Und mit der Liebe sprach er ists

wie mit dem Schnee: fällt weich

mitunter und auf alle

aber bleibt nicht liegen.

 

Und sie darauf die Liebe ist

ein Feuer das wärmt im Herd

verzehrt wenns dich ergreift

muß ausgetreten werden.

 

So sprachen sie und so griff

er nach ihr sie schlugs nicht aus

und blieb auch bei ihm liegen.

 

Er schmolz sie ward verzehrt

sie glaubten bis zuletzt an keine Liebe

die bis zum Tode währt.

(1988)

aus: Ulla Hahn: Süßapfel rot. Gedichte, Stuttgart 2003, S. 20

 

 

Erwartungshorizont Textinterpretation (Lyrik)

 

Thematik:

In dem Gedicht „Irrtum“ entwickelt die Autorin in freundlich-ironischer Paradoxie die Macht einer dauerhaften Liebe gerade aus deren Leugnung heraus.

 

Formale Aspekte und deren Funktion:

Das Druckbild offenbart bereits auf den ersten Blick eine Sonettform, die den Schülern spätestens seit der Behandlung von Barocklyrik in der Einführungsphase vertraut sein sollte. So gibt sich das Gedicht von vornherein traditionell-konventionell, freilich mit Abweichungen (die als bewusste Freiheiten bzw. als [post]moderner Umgang mit vorgegebenen Formen deutbar sind):

    • Reimverzicht – mit Ausnahme des recht „unreinen“ Gleichklangs der Versenden 12/14 („verzehrt/währt“).
    • vorwiegend  jambische Metrik, aber auch hier mit Unregelmäßigkeiten (Vers 6 und Vers 9, es sei denn, man lege im letzteren Falle die Betonung auf das zweite „so“; dann ergibt sich eine Fortführung des jambischen Rhythmus zusammen mit Vers 10, der mit einer trochäischen Hebung einsetzt)
    • ungleiche Verslängen mit ungleicher Hebungszahl (z.B. drei Hebungen in Vers 3, fünf Hebungen in Vers 13)

 

Textaufbau und Sinnbeziehungen, sprachliche Merkmale:

Jede Strophe bildet eine Sinneinheit, was nicht zuletzt durch den jeweiligen Schlusspunkt deutlich wird.

Im Gegensatz dazu schafft der Verzicht auf jedes trennende Komma innerhalb der Strophen einen auffälligen Textfluss, der zur sinnerschließenden Aufmerksamkeit zwingt.

(Letzteres ist ein allgemeines Stilmerkmal der meisten Gedichte der Autorin und bedarf von daher keiner individuellen Interpretation; es ist jedoch möglich, wenn auch nicht zwingend, etwa die enge Verschränkung in den Strophen 3 und  4 in Sinnzusammenhang zum Verschmelzen der beiden Partner zu setzen.)

Der Gedichtanfang blendet sich mit der Konjunktion „Und“ unmittelbar in ein – wie es scheint – bereits laufendes Gespräch ein, in dem es unter anderem auch um die Liebe geht. Denkbar wäre, dass damit schon angedeutet werden soll, dass beide Gesprächspartner (Mann und Frau) der Liebe rational begegnen und ihr keinen großen Stellenwert in ihrem Leben einräumen wollen.

Ihre beiden Ansichten über die Liebe werden in konträrer Bildlichkeit einander gegenübergestellt: „Er“ betont das Vergängliche, „sie“ das Bedrohliche der Liebesleidenschaft (schmelzender Schnee – verzehrendes Feuer), gemeinsam ist beiden allerdings die negative Sicht.

Von der inneren Struktur her sind die beiden Strophen sehr gleichsinnig aufgebaut: Zunächst die Ankündigung einer Definition (Verse 1 und 5), dann das scheinbar Positive (Verse 2 und 6: weicher Schnee und wärmendes Herdfeuer), in den jeweiligen Folgeversen die Umkehrung ins Negative („bleibt nicht liegen“ –  „muß ausgetreten werden“).

Somit sind die die beiden Quartette bestimmt vom Prinzip der Parallelität und des Gegensatzes.

Dem getrennten theoretisierenden Reden wird die ganz anders geartete ‚Praxis’, das gemeinsame Handeln und dessen Wirkung, in den Terzetten entgegengesetzt. Von daher wirken die Aussagen der ersten beiden Strophen letztlich nur wie vorangestellte intellektuelle Absicherungen, nach denen man sich doch (bzw. erst) miteinander einlässt – wohl zunächst nur sexuell (3. Strophe), dann aber doch grundsätzlicher. Dabei klingen die Verben der ersten  beiden Strophen an, erhalten aber umgekehrte Wertigkeit, wenn das Verhalten der Frau beschrieben wird: Sie „blieb […] bei ihm liegen“ (im Gegensatz zum Schnee) und „schlugs nicht aus“ (im Gegensatz zum Feuer, das angeblich „ausgetreten werden“ muss).

Die Schlussstrophe führt die Umdeutung fort: Schmelzen und Verzehren erfahren die Wendung ins Positive.

Die beiden letzten Verse enthalten die Steigerung zum ironisch-humorvoll dargebotenen Hauptgedanken des Gedichts. Beider Skepsis bleibt, aber eben die Liebe auch „bis zuletzt“ – ein sehr positiver, produktiver „Irrtum“, den der Titel bereits benennt, der aber nun erst erklärt wird. Damit hält bis „zuletzt“ die Spannung des Lesers (wie die des Liebespaares) an.

Dieser Gedanke teilt sich mit in einer Sprache, die deutlich an Lyrik des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts gemahnt, sei es im Auftaktvers, der etwas von der bewussten Heine’schen Schlichtheit hat, oder in dem altertümlichen „ward“ der Schlussstrophe. Es sind postmoderne Anklänge, die den zart-ironischen Gedichtgestus noch erhöhen und – beinahe wie die Vorreden der Liebenden – als eine Art von Absicherung der Autorin beim Schreiben über ein geradezu inflatorisch behandeltes Thema dienen mögen. Hierbei schließt sich auch der Kreis zur Gedichtgestalt selbst, die ja ebenfalls eine spielerische Traditionsanknüpfung an die barocke (Liebes-)Lyrik darstellt (s.o. zur Sonettform).

 

http://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/DO01_3-12-350511_AB5-03.pdf (Analyse im Schulbuch)

http://www.rhetoriksturm.de/irrtum-ulla-hahn.php (schülerhafte Analyse)

http://archive-de-2012.com/de/x/2012-07-21_174869_7/Irrtum-Ulla-Hahn-Gedicht-Analyse/ (Paraphrase)

http://www.zeit.de/1983/39/mit-grazie-mild-wie-vanille (über Ulla Hahn, 1983)

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