Ulla Hahn: Winterlied – Analyse

Als ich heute von dir ging…

Text:

http://www.maths.ed.ac.uk/~aar/surgery/ulla2.pdf

http://www.dtv.de/_pdf/blickinsbuch/13604.pdf?download=true (Wintergedichte, dort S. 20)

https://www.randomhouse.de/leseprobe/Gesammelte-Gedichte/leseprobe_9783421042200.pdf (dort S. 41 – diese Links sind wichtig, weil in den umlaufenden Versionen oft in V. 7/8 ein falscher Zeilenschnitt vorliegt)

 

Das Gedicht aus „Herz über Kopf“ (1981) hat bereits 1979 in der FAZ gestanden. Es heißt „Winterlied“, ist aber kein Winterlied – oder wenn doch, dann in einem anderen Sinn als gewöhnlich. Nur die beiden ersten Verse scheinen ein Winterlied einzuleiten, da wird vom ersten Schnee gesprochen; die Autorin variiert hier den ersten Vers von Brechts Gedicht „Als ich nachher von dir ging“; die Situation ist jedoch anders als bei Brecht, dafür steht „der erste Schnee“. Danach geht es spielerisch-subversiv weiter: „und es machte sich mein Kopf / einen Reim auf Weh.“ (V. 3 f.) Hier fällt mir zunächst der Kopf auf als derjenige, der sich einen Reim macht – normalerweise sagt man ja, dass ich mir einen Reim auf etwas mache. Wenn nun der Kopf sich den Reim macht, dann ergibt das wohl etwas (bloß) Erdachtes – ich (das Ich des lyrischen Ichs) kann es anscheinend nicht. Das Zweite ist der „Reim auf Weh“ – im Gedicht ist „Weh“ (V. 4) überraschend der Reim auf „Schnee“, aber das Ich kann sich auf sein Weh keinen Reim machen und bemüht dafür seinen Kopf.

Diese Lesart wird durch die zweite Strophe, angeschlossen mit kausalem „Denn“ (V. 5), bestätigt: Dem Ich ist ja „Ungereimtes“ widerfahren (V. 8), worauf es sich keinen Reim machen kann. In Anlehnung an gängige Winterlieder wird verneint, dass die Kälte dem Ich die Tränen beschert hat (V. 5-7), „es war / vielmehr Ungereimtes“ (V. 7 f.). Dem entspricht hier die formale Eigenschaft, dass in dieser Strophe auch der Reim von V. 2/4 entfällt, den es in den übrigen Strophen gibt. V. 8 endet erstmals mit einer weiblichen Kadenz, während die ersten sieben Verse alle eine männliche Kadenz aufweisen. Ob man hierfür auch die Enjambements in V. 6 und 7 bemühen muss, lasse ich offen; bereits in V. 3 gab es ein Enjambement. Jedenfalls weisen die Verse ein einfaches trochäisches Sprechen auf, der Tonfall ist schlicht und beinahe volksliedhaft. Einem Vers mit vier Hebungen folgt einer mit dreien, wodurch eine Pause entsteht, welche die Strophe teilt bzw. von den anderen Strophen absetzt.

„Ach“ (V. 9) ist die traditionelle Klage des verlassenen Liebenden; hier wird beklagt, dass das untreue Du „schon zu weit“ entfernt war (V. 9, vgl. V. 1: Als ich von dir ging), als das Ich fragte. Mit diesem „Ach“ äußert das lyrische Ich seinen gegenwärtigen Kummer über die misslungene Kommunikation, von der es (im Präteritum) berichtet. Seine Frage greift die eigene Äußerung über das Ungereimte (V. 7 f.) auf: Dem für das Ich Ungereimten muss ja etwas Gereimtes entsprechen, eben Reime, nach denen es fragte (V. 10 f.): ‚Wer schlief die Nacht in deinen Reimen?’ Das heißt: ‚Wer schlief die Nacht in Harmonie mit dir, in deinen Armen?’ Die Frage des verlassenen Ichs erreicht das gefragte Du nicht mehr – der Abstand ist „schon zu weit“ (V. 9); zwischen ihnen steht nur noch Ungereimtes, meint jedenfalls das enttäuschte Ich. – Der letzte Vers weist einen zusätzlichen Auftakt auf: Ob man dem Bedeutung beimessen muss? Oder ob die Entscheidung fürs Possessivpronomen „deinen“ (statt für den Artikel „den“) diese Störung bedingt? Es mag ungeklärt bleiben angesichts des vielen Ungereimten.

 

http://www.planetlyrik.de/karl-krolow-zu-ulla-hahns-gedicht-winterlied/2015/03/ (Karl Krolows Eindrücke, 1982)

http://www.sprachverein.ch/sprachspiegel_pdf/Sprachspiegel_2013_3.pdf (Mario Andreotti: Gute Zeiten für Gedichte? – dort S. 75 über die Reime in Ulla Hahns Gedicht)

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