Ulla Hahn: Mit Haut und Haar – Analyse

Ich zog dich aus der Senke deiner Jahre…

Text:

http://literatur-und-schriftsteller.blogspot.de/2007/09/ulla-hahn-mit-haut-und-haar-1981.html

http://www.fachdidaktik-einecke.de/5_Schreibdidaktik/aufgabenstellung_textanalyse_11.htm

http://www.daemonenforum.de/mit-haut-und-haar-t903.html (Text mit „gelehrter“ Sammlung von Stilmitteln)

http://lyrikonline.hep-verlag.ch/mod/data/view.php?d=2&rid=320 (Text mit kurzer hilfloser Erklärung – aus einem Lyriklexikon zur dt. Literatur)

 

Wenden wir uns zunächst der Überschrift zu, die später im Text noch zweimal auftaucht: „Mit Haut und Haar“. Das bedeutet so viel wie „völlig, vollständig, ganz und gar“. „Es handelt sich um eine alte Rechtsformel, die bereits im Sachsenspiegel (um 1239) mehrfach gebraucht wird. Sie bezeichnet die äußerlichsten Teile des menschlichen Körpers und vermittelt dadurch die Bedeutung des Extrems und der Vollständigkeit. Ursprünglich handelt es sich dabei um eine körperliche (Züchtigungs-) Strafe, die sich auf das Scheren des Haares und das Schlagen der Körperhaut mit Ruten erstreckte.“ (http://www.redensarten-index.de/suche.php?suchbegriff=~~mit+Haut+und+Haar+/+Haaren&suchspalte%5B%5D=rart_ou, vgl. auch Art. „Haut“ in Lutz Röhrich: Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten). Wer tat oder war etwas mit Haut und Haar – das ist die Frage, welche die Überschrift aufwirft.

Es spricht ein lyrisches Ich, das sich vorwurfsvoll an ein Du wendet; es berichtet davon, wie es ihm mit diesem Du ergangen ist, und zwar wie es ihm in der Liebe mit dem Du ergangen ist: übel nämlich. Das wird im Einzelnen expliziert.

Zunächst berichtet das Ich, was es für das Du getan hat (1. Str.). Bildhaft spricht es davon, dass es das Du „aus der Senke deiner Jahre“ gerettet hat. „Senke“ ist das Gegenteil von Höhe, aus diesem Senke-Loch hat das Ich das Du herausgezogen; das Attribut „deiner Jahre“ bezeugt, dass das Du in einem langdauernden Tief gesteckt hat und dann in einen „Sommer“ (V. 2) hineingeholt wurde: Sommer statt Senke (Alliteration), das war das Rettungsprogramm; Sommer ist Licht, Wärme, Leben. In den beiden nächsten Versen wird klar, dass es sich um ein Liebesverhältnis handelt, a) wegen des Verbs „lecken“ (pars pro toto: schmusen), b) wegen des Schwurs, „ewig mein und dein zu sein“. Zu „lecken“ gehören die drei Objekte Hand, Haut, Haare (Alliteration, V. 3), wobei zur Redewendung „mit Haut und Haar(en)“ noch die Hand hinzugefügt ist – die Hand lecken, das ist ein Bild hündischer Ergebenheit. Auffällig ist jedoch der Schwur, der die vermeintliche Unterwürfigkeit widerruft (V. 4). Gängig ist nämlich der Liebesschwur „auf ewig dein“ (vgl. „Dein ist mein ganzes Herz…“), hier aber heißt es „ewig mein und dein zu sein“ – das bedeutet, dass in aller Ergebenheit die Eigenständigkeit gewahrt bleiben soll, dass die Paradoxie von gleichzeitiger Hingabe und Autonomie das Ziel sei.

Das Ich spricht gebundene Sprache (Jambus, fünf Hebungen, Kreuzreim mit wechselnd weiblicher und männlicher Kadenz); jeder Vers ist ein Satz, die jeweils zweiten Sätzen setzen den vorhergehenden mit „und“ fort, haben aber wegen der weiblichen Kadenz eine ganz kleine Pause vor sich. Nach dem zweiten Satz setzt das Ich mit „Ich“ neu an, was eine größere Pause voraussetzt. Die Reime ergeben semantisch nichts, sind bloße Klangphänomene. – Entgegen den Vermutungen vieler Schüleranalysen ist hier über das Alter der beiden sowie über ihre Geschlechtszugehörigkeit nichts auszumachen; später könnte man aufgrund traditioneller Rollenmuster vielleicht spekulieren, wie sich die Rollen auf Mann und Frau verteilen.

Darauf berichtet das Ich davon, wie das Du agierte und welche Folgen das hatte: In zwei bildhaften Wendungen (mich umwenden, mir dein Zeichen ins Fell brennen – das zweite Bild entstammt der Viehzucht, das Zeichen des Besitzers wird Tieren ins Fell gebrannt) wird berichtet, dass das Ich sich selbst enteignet wurde; weil bildhaft gesprochen wird, wird eben nicht gesagt, was genau geschah – das kann sich jeder selbst ausmalen: Auch wenn das Feuer „sanft“ war, schmerzte das Brandzeichen, weil das Fell dünn war. Die Folge der Enteignung wird wieder in abgeblassten Metaphern berichtet: Ich ließ von mir ab, ich wich vor mir zurück: ein Ich-Verlust. Was das bedeutet, wird nach dem Enjambement in der 3. Strophe nachgetragen: Aufgabe oder Bruch des ursprünglichen Schwurs (V. 9), Scheitern der großen paradoxen Liebeshoffnung.

Die Reimform wechselt in der 2. Strophe zum umarmenden Reim, was nicht viel besagt. Der Reim „Zeichen/weichen“ (V. 5/8) ist jedoch bedeutungsvoll, weil er die Enteignung (das Zeichen einbrennen) mit dem Ich-Verlust (vor mir zurückweichen) verbindet. Auch die Veränderung des Satzbaus fällt auf: Jeweils ein kurzer Satz (du/ich) mit einem längeren Folgesatz, der übers Versende hinausgreift, beim zweiten Mal sogar übers Strophenende: eine größere Unruhe im Sprechen.

In den folgenden Versen wird über den Prozess der Enteignung in zwei weiteren Stufen gesprochen: Zuerst begann er (V. 8), darauf wird er fortgesetzt (V. 9-12), schließlich ist er vollendet (V. 13). Die Fortsetzung der Enteignung wird wieder bildhaft umschrieben: Es ist noch ein Rest vom Ich da, der sich an das ehemals ganze Ich erinnert und danach ruft (V. 9 f.); das Ich jedoch ist im Inneren des Du verborgen worden, es ist sozusagen verschlungen oder aufgefressen – „tief“, wird nachgetragen, also unrettbar verloren, wie im nächsten Satz ausdrücklich gesagt wird (V. 13); „ganz in dir aufgegangen“ (V. 13), das ist der totale Ich-Verlust.

In der 3. Strophe bestimmt wieder der Kreuzreim den Ton, die Reime kann man diesmal beide semantisch entschlüsseln: nur noch Erinnern, da in deinem Innern (V. 9/11); der Überrest rief, aber du verbargst mich tief (V. 10/12). Im Satzbau haben wir wieder eine Entsprechung zur 2. Strophe, nur dass in V. 12 der kurze Satz am Ende steht. Die Zweiteilung der Strophe gilt auch für die 2. und 3. Strophe, hier wird jeweils mit „Da“ eine Folge des vorher benannten Geschehens eingeleitet.

An den bereits besprochenen V. 13, wo der Abschluss des Ich-Verlustes berichtet und beklagt wird, folgt eine Überraschung – „da spucktest du mich aus mit Haut und Haar.“ (V. 14) Mit dieser Anklage, diesem Vorwurf schließt das Ich seinen Klagegesang vom Ich-Verlust ab. Hier spricht das Ich in der Fortsetzung des Bildes vom Verbergen im Inneren (= Verschlucken, Vernaschen) vom Ausspucken. Das ist Anklage, weil damit gesagt wird, dass das Ich dem Du kein Subjekt war, sondern ein Genussmittel, das nach Gebrauch ausgeschieden wird. Ausgespuckt wird, was nicht ins Innere gehört, was ein ungenießbarer Rest ist oder abgesondertes Sekret, was einem nicht bekommt. Ausspucken statt verabschieden, das ist entwürdigend: mit Haut und Haar, total.

Die vier Schlussworte ergeben die Überschrift des Gedichts; die beiden letzten Verse reimen sich als Paar, hier sind zwei Gegensätze im Klang aneinander gebunden (verschluckt / ausgespuckt). Das Klagelied des Ich endet mit einer großen Anklage.

Das Gedicht ist ein Sonett, aber folgt nicht den gängigen Schemata vom Aufbau eines Sonetts. Vielmehr haben wir ein Schema von Aufstieg (1. Str.) und Verfall (V. 5-13) oder von Gewinn und Verlust vor uns; es endet mit einem dramatischen Schlusspunkt (V. 14)

Nur aufgrund gängiger Klischees oder Rollenbilder kann man im Ich eine Frau, im Du einen Mann erkennen: die Frau devot, der Mann vernascht sie, zum Schluss verstößt er sie – in der Wirklichkeit kann es auch umgekehrt sein, heute zumindest. Wenn man den Text genau liest, gibt es keine Anhaltspunkte für eine Identifizierung von Ich und Du; die Tatsache, dass die Autorin eine Frau ist, verführt ebenfalls leicht dazu, auch im lyrischen Ich eine Frau zu sehen – aber das Ich heißt nicht Ulla, es heißt nur Ich. Wie man den zahlreichen Schüleranalysen entnehmen kann (es gibt noch mehr davon), sind die Schüler in der Regel nicht so vorsichtig wie ich bei der Identifizierung von Ich und Du; das gilt auch für meine ehemalige exzellente Schülerin Sonja, die abschließend kommentierte: „So ein fieser Kerl!“ – Eine wirklich produktive Aufgabenstellung zum Gedicht wäre: „Was sagt das verklagte Du dazu? Formulieren Sie eine mögliche Antwort.“

P.S. Wenn man jenseits von „Gedichtanalysen“ über das Gedicht nachdenkt und es nicht nur zur moralischen Empörung nutzt, stößt man schnell auf die Frage, was denn „ewig mein und dein sein“ bedeuten kann. Seit Jahrzehnten ist die Selbstverwirklichung („mein sein“) das große emanzipatorische Ziel, das aber nur in einem langwierigen Prozess zu erreichen ist: Was das zu verwirklichende Selbst ist, kann nicht definitiv festgelegt werden. Wie lässt sich damit Liebe („dein sein“) vereinbaren?

„Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertigwerden; weil wir sie lieben, solange wir sie lieben.“ (Max Frisch, Tagebuch) Wenn Max Frisch mit seiner Erklärung recht hat, dann wird in der Liebe auch das „mein Sein“ verändert, dann ist darin für die vorrangige Selbstverwirklichung kein Platz.

Die Formel „ewig mein und dein sein“ weiß keine Antwort auf die Frage, wie Liebe und Selbstverwirklichung zusammenpassen; die eher abstrakten Bilder des Gedichts erlauben vielleicht nur die Geste des Vorwurfs aus der Sicht eines enttäuschten Ichs, das sich doch sehr einseitig als der anfängliche Wohltäter empfindet („zog dich aus der Senke deiner Jahre“) und das schon im „Sommer“ lebte, aber nicht mit dem Du in ihn hineingekommen ist.

 

http://www.lerntippsammlung.de/Interpretation-Mit-Haut-und-Haar.html (schülerhaft)

http://www.klausuren.de/inhalt/kategorie/deutsch-1/gedichtinterpretation-mit-haut-und-haar-von-ulla-hahn.html (etwas besser)

http://www.rhetoriksturm.de/mit-haut-und-haar.php (typisch „Rhetoriksturm“: so was von schülerhaft!) – es gibt weitere Exemplare dieser Art.

https://www.yumpu.com/de/document/view/25872868/in-dem-gedicht-quotmit-haut-und-haarquot-von-ulla-hahn-wird-die- (Sammlung mehrerer Schüleranalysen)

http://www.manuelfilm.de/Website/Mit_Haut_und_Haar.html (Vortrag: Manuela Reiser, gut; Verfilmung beliebig: unsinnig)

http://www.literaturportal-westfalen.de/main.php?id=00000086&article_id=00000214 (zehn Gedichte Ulla Hahns vorgetragen, u.a. „Mit Haut und Haar“)

https://www.youtube.com/watch?v=vULql089YjE (Vortrag, zwei Stimmen: so nicht gut, auch zu viel Musik)

https://www.youtube.com/watch?v=FR8h3K5X1fg („Visualisierung“ des Textes: leider dem Text nicht gemäß!)

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