Ulla Hahn: Angeschaut – Analyse

Du hast mich angeschaut jetzt…

Text:

https://www.randomhouse.de/leseprobe/Gesammelte-Gedichte/leseprobe_9783421042200.pdf (dort S. 35)

 

Um das Gedicht zu verstehen, reduziere ich es auf seinen syntaktischen Kern:

 

Du hast mich angeschaut // jetzt

hab ich plötzlich …

 

Du hast mich angefasst // jetzt

wächst mir …

 

Du hast mich geküsst // jetzt

fliegen mir …

und du tatest dich gütlich.

 

Du hast mich vergessen // jetzt

steh ich da

frag ich …

 

Ergebnis: 1. Es spricht ein Ich zu einem Du; es berichtet (oder stellt fest – das Du weiß das ja alles, hat es aber vergessen: d.h. es erinnert daran), was das Du getan hat (jeweils Perfekt: „Du hast mich angeschaut“ usw.) und was offenbar die Folge davon ist (jeweils Präsens: „jetzt hab ich“ usw.). 2. Die Taten des Du bilden eine uns geläufige Reihe in einer Liebesbeziehung, die vom Anschauen übers Küssen zum Vergessen geführt hat. 3. Am Ende steht das Ich ratlos da („frag ich“). 4. Die Bedeutung all dessen für das Ich muss sich aus dem ergeben, was das Ich von den Folgen fürs eigene Leben und Erleben sagt (und was bisher ausgelassen worden ist); damit ist auch noch nicht klar, wozu das Ich so zum Du spricht.

In der 1. Strophe wird deutlich, welche Haltung das lyrische Ich einnimmt: Es beschreibt seinen Zustand. Als Folge des Angeschautwerdens habe es „plötzlich zwei Augen mindestens“ (V. 2); evtl. kann die modifizierende Partikel „mindestens“ auch zu „(mindestens) einen Mund“ gehören. Als weitere Folge wird beschrieben: „die schönste Nase / mitten im Gesicht“ (V. 3 f.). Das modifizierende „mindestens“ und die Ortsangabe „mitten im Gesicht“ qualifizieren die ganze Beschreibung als ironisch, da beide Angaben selbstverständlich und daher überflüssig, also sachlich unsinnig sind; „die schönste Nase“ ist dem Blick des (damals) verliebten Du zuzurechnen, wovon sich das Ich im Sprechen ironisch distanziert.

Ein Problem bereitet das Adverb „jetzt“, das viermal die präsentische Ich-Aussage einleitet. Ohne weiteres zu verstehen ist es in der 4. Strophe; problematisch ist es in den ersten drei Strophen – sinngemäß wäre dort ein „da“ + Präteritum, wie man besonders deutlich in der 3. Strophe sieht, weil der letzte Satz dort ebenfalls Präteritum aufweist („du tatest“), was nur nach dem Satz „dann flogen mir…“ möglich ist. Wir haben zwei Möglichkeiten, diese Schwierigkeit mit dem Adverb „jetzt“ aufzuheben: a) Wir erklären es in den ersten drei Strophen für fehlerhaft, als Analogiebildung zur 4. Strophe. b) Wir halten am Präsens fest und nehmen an, damit sei eine dauerhafte Folge gültig umschrieben, welche das Ich dem Du und seiner damals verliebten Sicht zuschreibt, von der sich das Ich jedoch durch seine ironische Sicht heute (im Sprechen) absetzt.

Die 2. Strophe und das dort erwähnte Engelsfell habe ich bereits erklärt (s.u. Link: norberto68); in der 3. Strophe werden die Folgen des Küssens beschrieben: Die köstlichen Speisen des Schlaraffenlandes strömen dem geküssten Ich aus dem „Maul“ (V. 11) – mit dieser Abwertung wird das Ich in seiner Sicht als bloßer Lieferant (aus Sicht des Du, die Sichtweisen überschneiden sich wieder!) bewertet. Es folgt ein klagendes „ach“ (V. 11), darauf die Erinnerung, dass das Du die guten Gaben genossen hat (V. 12) – ob und warum das lyrische Ich das Küssen bzw. Geküsstwerden nicht genossen hat, wird verschwiegen. Ich kann die Aussage „du tatest dich gütlich“ (V. 12) allerdings nicht als Vorwurf ansehen; dass sich jemand im Schlaraffenland an den herumfliegenden Speisen (man beachte die altertümlichen Bezeichnungen, die zum Märchen vom Schlaraffenland passen!) gütlich tut, ist schließlich Sinn und Zweck des Schlaraffenlandes. Die Pointe steckt hier in der Spannung zur 4. Strophe: „was / fang ich allein / mit all dem Plunder an?“ Hier werden die Köstlichkeiten des Küssens ironisch vom Ich zum heutigen „Plunder“ abgewertet, der für das verlassene Ich natürlich überflüssiges Zeug ist.

Jetzt können wir auch sagen, wozu das Ich seine gescheiterte Liebesgeschichte rekapituliert: Es erinnert das Du an die gemeinsamen Erlebnisse und wirft dem Du vor, dass es sich vom Ich abgewandt, dass es das Ich „vergessen“ (V. 13) hat. Das Ich hat also erwartet, dass nach Anschauen, Anfassen, Küssen das werbende Du nicht weggeht, sondern bleibt; in dieser Erwartung ist es enttäuscht worden. – Ob das eine berechtigte Erwartung ist, ist damit noch nicht erwiesen. Dass das Du sich an den köstlichen Speisen gütlich tat, klingt wie ein Vorwurf; der eigentliche Vorwurf besteht jedoch darin, dass das Du zu schmausen aufgehört hat und die guten Gaben des Schlaraffenlandes ungenutzt liegen lässt.

Die Rollenverteilung Ich/Du ergibt sich aus dem Engelsfell (s. norberto68). Die formalen Dinge sind in den Schülerinterpretationen genannt, deshalb kann ich sie hier übergehen.

Ich zitiere zum Abschluss die zwei Anfänge der im Netz greifbaren Schüleranalysen, um deren Problematik aufzuzeigen:

  1. „In dem Gedicht ‚Angeschaut’ von Ulla Hahn geht es um ein Ich, das durch die Liebe eines Du in seinen Gefühlen entfesselt und in seinem Wesen geformt wird.“ Hier fehlt außer dem Hinweis auf einen Rückblick die Distanz des Ich, die Ironie seines Rückblicks wird nicht gewürdigt; dass es in seinem Wesen geformt wird, steht nicht im Text.
  2. „Das 1981 entstandene Gedicht ‚Angeschaut’ von Ulla Hahn (geb. 1946) beschreibt eine Beziehung zwischen zwei Personen, die sich näher kommen und schließlich, am Ende des Gedichtes, wieder alleine da stehen. / In der ersten Strophe schauen sie einander an, in der zweiten berühren sie sich, in der dritten küssen sie sich. Die vierte Strophe beschreibt, dass das Lyrische Ich alleine ist.“ Das Gedicht beschreibt nichts, sondern das lyrische Ich beschreibt etwas oder vielmehr berichtet von etwas Vergangenem, erinnert jemanden daran; damit macht es dem Du einen Vorwurf, dass es allein steht. Sie schauen sich auch nicht in der 1. Strophe an, sondern in der 1. Strophe wird berichtet, dass das Du das Ich angeschaut hat usw.

Ein Lehrer weiß oder ahnt vielleicht, was die Schüler meinen, aber diese können nicht sagen, was sie (vielleicht) meinen, vielleicht aber auch nicht gesehen haben.

 

http://www.diesterweg.cidsnet.de/conpresso/_data/Interpretation_Ulla_Hahn__Angeschaut.doc (Text und überarbeitete Interpretation einer Schülerin)

http://www.lyrikschadchen.de/Interpretation_Angeschaut__Hahn_.pdf (dito)

https://norberto68.wordpress.com/2015/09/17/ulla-hahn-angeschaut-didaktische-erwaegungen/ (ältere Überlegungen von mir, schrittweise angestellt und deshalb zunächst fehlerhaft)

https://de.wikipedia.org/wiki/Schlaraffenland (Schlaraffenland)

https://de.wikisource.org/wiki/Das_M%C3%A4rchen_vom_Schlauraffenland_(1857) (Grimm: Das Märchen vom Schlaraffenland)

http://southernoregonlivemusic.com/music/live/downloads/ulla-hahn/ (tunes of Ulla Hahn)

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