Donna Tartt: Der Distelfink – Besprechung

Zuerst sollte man sich das Bild anschauen, das dem Roman den Namen gibt und um dessen Besitz es großenteils auch geht:

http://www.zeno.org/Kunstwerke/B/Fabritius,+Carel%3A+Distelfink

http://www.wikiwand.com/de/Carel_Fabritius (Leben des C. Fabritius, mit dem Distelfink)

http://www.wikiwand.com/de/Carel_Fabritius („Der Distelfink“)

Dieses Bild ist nach einer Explosion in einem Museum verschwunden, weil eines der Opfer sich retten konnte und dabei das Bild mitgenommen hat: Theo Decker, der Held des Romans. Theos Mutter ist bei dieser Explosion ums Leben gekommen, sein Vater hatte die Familie verlassen, so kommt er als Pflegekind in die vornehme Familie Barbour. Irgendwann taucht sein Vater auf und nimmt ihn mit nach Texas, wo er weithin sich selbst überlassen ist und den jungen Russen Boris kennenlernt, durch den er an Drogen und Alkohol kommt. Das Bild hat Theo die ganze Zeit eingepackt bei sich und versteckt es irgendwo.

Damit ist der Rahmen abgesteckt, innerhalb dessen die Handlung spielt: Theo zwischen Oberschicht (Barbour) und Unterschicht (Boris); hinzu kommt noch Hobie, der alte Möbel restauriert und sich irgendwann Theos annimmt, nachdem sein Vater, ein Spieler (natürlich auch ein Säufer und Drogenabhängiger), sich totgefahren hat. Irgendwann taucht Pippa wieder auf, die gleichfalls bei der Explosion verunglückt war und in die Theo sich zuvor verguckt hatte.

Die Handlung schwankt also zwischen Höhen und Tiefen, Personen verschwinden und tauchen teilweise plötzlich wieder auf, hart wie ein Film ist die Erzählung dann geschnitten. Dabei wird entsetzlich viel getrunken und gekokst und gekotzt und geklaut und betrogen – Boris klaut das Bild, Theo behütet ein eingepacktes Buch, schließlich wird das Bild wieder irgendwo entdeckt, mit Waffengewalt zurückgeholt, verschwindet wieder und so weiter – was man halt alles schreiben muss, um die 1000 Seiten voll zu kriegen. Theo verlobt sich nach einem Zeitsprung von acht Jahren mit der Barbour-Tochter und trauert Pippa nach, die allein er liebt, schmacht, schmacht, aber… Ach ja, Theo hat auch als Partner Hobies Kunden betrogen und ihnen restaurierte Möbel als Antiken verkauft, was ein übler Bursche herauskriegt und was Theo belastet, was er vertuscht und dann doch Hobie beichten muss und zum Schluss mit den von Boris geschenkten Millionen wieder gutmacht.

Ja, und dann gibt es noch die philosophische Seite: Theo, der Ich-Erzähler, der angeblich das Ganze aufgeschrieben hat, verzweifelt an seinem Drecksleben und am Leben insgesamt, nur die Kunst hält ihn aufrecht, und das erklärt er am Schluss so ausführlich und deutlich, dass man nicht weiß, ob nun die Schicksals- und anderen Schläge die Hauptsache sind oder eher die tiefsinnigen Betrachtungen (ab S. 1004): Am Bild „Der Distelfink“ geht Theo die absolute Schönheit auf – „der gleitende Vorgang der Transsubstantiation, bei dem Farbe Farbe ist, aber auch Feder und Knochen. Es ist der Ort, wo die Realität das Ideal trifft, wo Witz zu Ernst wird und alles Ernste ein Witz ist. Der magische Punkt, an dem jede Idee und ihr Gegenteil gleichermaßen wahr sind. / Und ich hoffe, es gibt hier auch noch eine größere Wahrheit über das Leiden oder zumindest über das, was ich darunter verstehe – obwohl mir inzwischen klar ist, dass die einzigen Wahrheiten, die mir wichtig sind, diejenigen sind, die ich nicht verstehe und nicht verstehen kann. Das Geheimnisvolle, Vieldeutige, Unerklärliche. Was nicht in eine Geschichte passt und was keine Geschichte hat.“ (S. 1016) Und so trieft und trieft der unverständliche Tiefsinn aus jedem Buchstaben heraus, egal ob er offen oder geschlossen ist. Wie gesagt, zum Schluss könnte man auf die Idee kommen, dieser Tiefsinn sei der Sinn des Buches; aber ich glaube, er dient eher zur schönen Rechtfertigung der Schilderungen von Lug und Trug und Kokserei.

Auf eine erzählerische Schwäche möchte ich hinweisen: Ich halte das Buch für nicht durchkomponiert; dafür verweise ich darauf, dass zum Beispiel die Pippa-Schwärmerei erst ab S. 609 erzählt wird, wo Theo erwachsen ist, obwohl er angeblich jeden Tag an sie gedacht hat – wovon vorher aber nie die Rede war. Das Gleiche gilt von Theos Aufzeichnungen, die erstmals S. 1011 erwähnt werden, obgleich er angeblich sein ganzes Leben lang Aufzeichnungen gemacht hat – das ist aber nie erzählt worden und dafür war er auch zu oft weggetreten.

Die Erzählung plätschert munter vor sich dahin, spannend wird es erst ab Seite 800; von den über 1000 Seiten könnte man die Hälfte streichen, dann bliebe immer noch genug von den Höhen und Tiefen im Leben Theo Deckers übrig. Warum das Buch den Pulitzer-Preis bekommen hat? Das weiß ich nicht, da müsste man die Jury fragen.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/donna-tartts-roman-der-distelfink-zum-entsetzen-zum-entzuecken-12836657.html (begeistert)

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article125644021/Das-naechste-grosse-Ding-nach-Dickens.html (voller Lob)

http://www.fr-online.de/literatur/donna-tartt–distelfink-und-sie-steckt-mittendrin,1472266,26975402.html (begeistert, mit kritischen Tönen)

http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/ein-meisterwerk–ein-meisterwerk-1.18286456 (differenzierter)

http://www.fda-berlin.de/rezensionen/donna-tartt-distelfink/ (kritisch)

http://www.explizit.net/Archiv/Rezension-Der-Distelfink-von-Donna-Tartt (katholisch)

http://www.zeit.de/2014/14/donna-tartt-der-diestelfink (über die Autorin und das Buch)

http://www.dieterwunderlich.de/Tartt-distelfink.htm (typisch Wunderlich: große Nacherzählung)

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