Kafka: Die Verwandlung – Gregor Samsas Irrtümer

(Der Einfachheit halber zähle ich die Kapitel römisch und die Absätze darin arabisch, um für die Arbeit mit verschiedenen Ausgaben vergleichbare Ergebnisse zu belegen. I besteht aus 27, II aus 29, III aus 36 Absätzen.)

Bei einer ruhigen dritten Lektüre ist mir aufgefallen, wie oft Gregor sich in der Einschätzung seiner Situation irrt. Das beginnt schon, als er im Bett über seine Lage nachdenkt und die von ihm wahrgenommene Verwandlung zu den „Narrheiten“ zählt, die man besser vergisst (I 3); dementsprechend meint er, die Veränderung seiner Stimme als „Vorbote einer tüchtigen Verkühlung, einer Berufskrankheit der Reisenden,“ (I 8) verstehen zu können. In einer größeren Reflexion (I 17) zeigt sich, dass er seine Situation völlig falsch einschätzt: Seine Schwester mache sich „doch vorläufig wohl unnötige Sorgen“ um den Verlust seines Arbeitsplatzes; er werde „leicht eine passende Ausrede finden“, dass er den Prokuristen nicht vorgelassen habe. Diesen Irrtum spinnt er in einer Überlegung darüber fort, wie die anderen reagieren werden, wenn sie ihn sehen: Entweder erschrecken sie oder erschrecken nicht (I 19) – er sei in jedem Fall aus dem Schneider, indem er sich ihrem Urteil unterstellt. Als man nach einem Arzt und einem Schlosser schickt, glaubt er, man sei bereit, ihm zu helfen (I 21) – er fühlt sich „wieder einbezogen in den menschlichen Kreis“. Auch als die anderen ihn voller Entsetzen gesehen haben (I 23), glaubt er noch, er habe als einziger die Ruhe bewahrt und könne gleich mit seiner Kollektion wegfahren (I 25).

Dass er selber einen Widerspruch in sich trägt, offenbaren seine Überlegungen, wie er sich aus seiner hilflosen Lage befreien soll: Einerseits hält er es für das Vernünftigste, „alles zu opfern“ – anderseits weiß er, dass „besser als verzweifelte Entschlüsse ruhige und ruhigste Überlegung“ ist (I 11; ähnlich ist der Widerspruch: unbedingt aufstehen wollen, I 8 – im Bett bleiben wollen, I 10). Vielleicht kann man diesen Widerspruch als „Grund“ seiner zahlreichen Irrtümer ansehen, aber auch als Grund dafür, dass er von anderen Hilfe erwartet („wie einfach alles wäre, wenn man ihm zu Hilfe käme“, I 12) und dass er „in irgendeiner unsinnigen Hoffnung“ befangen ist (I 14).

Auch in der Einschätzung der Lage der Familie (Verschuldung, die er erst in fünf oder sechs Jahren abtragen kann, I 6), irrte er sich, wie der Vater später darlegt (II 12). Er bescheinigt sich selber „Voraussicht“, die den Eltern abhanden gekommen sei (I 27), die Zukunft der Familie hänge von ihm ab – ein Irrtum, wie man in Kap. III sieht. In dieser Situation zeigt der Erzähler erneut Gregors Zwiespalt auf: Er agiert, ohne an seine realen Möglichkeiten zu denken (I 27); doch er fühlt „zum ersten Mal an diesem Morgen ein körperliches Wohlbehagen“, als er sich wie ein Käfer bewegen kann (I 27): Mit dem Denken verfehlt Gregor seine Verwandlung, mit seinem Fühlen stellt er sich ihr.

Gregors Irrtümer setzen sich fort, als er die Hilfsbereitschaft seiner Schwester einschätzt: Sie handle „aus Zartgefühl“ (II 7), wo sie doch offenbar Gregor mit den Essensresten wie ein Tier füttert und seinen Napf nicht mit den Händen, „sondern mit einem Fetzen“ anfasst (II 7); oder sie wolle den Eltern eine kleine Trauer ersparen (II 8), wo doch der Vater ihn wie ein Tier gescheucht hat (I 27). In diesem Irrtum bleibt er befangen (II 17, das Fenster öffnen). Unklar ist eine Bemerkung des Erzählers, als er über die Gründe spekuliert, warum Grete auf der Entfernung sämtlicher Möbel aus Gregors Zimmer besteht (II 22): „Vielleicht aber spielte auch der schwärmerische Sinn der Mädchen ihres Alters mit…“ – falls diesen Satz der auktoriale Erzähler spricht, kann er nicht dem irrenden Gregor zugerechnet werden. In der Einschätzung der Aktion irrt Gregor sich jedoch (II 24): Es geschehe nichts Außergewöhnliches, die beiden Frauen handelten aus guten Absichten – dabei nehmen sie ihm „alles, was ihm lieb war“. Als die Mutter ihn Ohnmacht fällt, meint er, er könne helfen (II 27) und den bald informierten Vater besänftigen (II 28) – dabei hat Grete ihn längst als Tier qualifiziert („Gregor ist ausgebrochen.“).

Unklar sind die beiden nächsten Stellen: dass die Verfolgung nicht den Anschein einer Verfolgung hat (II 29) und dass Gregor noch ein Familienmitglied ist (III 1) – je nachdem wen man dafür als Sprecher annimmt, handelt es sich um Irrtümer Gregors oder Einschätzungen des Erzählers. Bei der oft gebrauchten erlebten Rede ist nämlich nicht immer klar zu entscheiden, wo die Sicht des Erzählers endet und Gregors Sicht die Erzählrede bestimmt. Keinen Zweifel gibt es dagegen bei der nächsten Stelle: „Manchmal dachte er daran, beim nächsten Öffnen der Tür die Angelegenheiten der Familie ganz so wie früher in die Hand zu nehmen“ (III 7) – daran ist natürlich nicht zu denken; bei dieser Gelegenheit erscheinen auch die Figuren seiner Berufswelt und zwei junge Frauen in seinen Gedanken – doch sie helfen ihm und der Familie nicht und entschwinden wieder, ohne dass Gregor ihnen nachtrauerte: Die Episode stellt ein kurzes Aufbäumen in der Geschichte seines großen Niedergangs (s. Ende von I und von II) dar.

Der letzte große Irrtum unterläuft ihm, als er seine Schwester Violine spielen hört und die Zimmerherren davon bald nicht mehr angetan sind, während Gregor von der Musik ergriffen ist: „War er ein Tier, da ihn die Musik so ergriff?“ (III 14) Diesen Satz denkt Gregor. Der Satz ist doppeldeutig, er kann auf die Antworten Ja und Nein hinauslaufen; m.E. passt zur Logik des Gedankens („von Musik ergriffen sein“) nur die Antwort, dass er dann ja wohl kein Tier sein könne. Er ist entschlossen, zur Schwester vorzudringen und sie ganz für sich allein zu gewinnen, er will sie zu Tränen rühren und schließlich „ihren Hals küssen“ (III 14) – dabei lässt man ihn längst verkommen (III 7), sein Leben geht schon zu Ende („Gregor aß nun fast gar nichts mehr“, III 9); und als der verkümmerte Käfer gestorben ist, dehnt die aufblühende Tochter „ihren jungen Körper“ (III 36).

Wir haben von Gregors Irrtümern gesprochen, von der falschen Einschätzung seiner Lage und seiner Stellung in der Familie; ich habe auch auf Gregors inneren Widerspruch hingewiesen und darauf, dass er Hilfe von anderen erwartet, was offenbar verfehlt ist. Man müsste nun untersuchen, wie diese Phänomene zusammenhängen.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch auf zwei Paradoxa hinweisen: Das erste ist die Tatsache, dass der Erzähler den verwandelten Gregor immer noch Gregor nennt, weil(?) er trotz seines Käferkörpers und -lebens noch denkt. Das zweite ist ein ungeheuerlicher Satz Gretes: „Wenn es Gregor wäre, er hätte längst eingesehen, daß ein Zusammenleben von Menschen mit einem solchen Tier nicht möglich ist, und wäre freiwillig fortgegangen.“ (III 25) Hier liegt eine Art negativer double bind der Geschwister vor: Wenn es ein Tier ist, sollte es entfernt werden, und wenn er mein Bruder ist, sollte er gehen, das Tier: Er sollte in jedem Fall gehen. Wie weit mit dieser Ambivalenz die Situation der Familie Samsa zu verstehen ist, wäre eine neue Frage, welche die Psychologen beantworten müssten.

Siehe https://norberto68.wordpress.com/2016/02/23/merkmale-und-zweck-der-erlebten-rede/!

3 thoughts on “Kafka: Die Verwandlung – Gregor Samsas Irrtümer

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