Kafka: Die Verwandlung – warum Gregor ein Ungeziefer wurde

Ich habe wieder die Kapitel und die Absätze (diese mit arabischen Ziffern) gezählt, damit Leser unterschiedlicher Ausgaben mit meiner Untersuchung arbeiten können.

In Kafkas Erzählung „fand“ Gregor sich „zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt“ (I 1), ohne dass er oder der Erzähler dafür einen Grund angäben. Die Frage ist jedoch, ob der Leser dahin geführt wird, so etwas wie einen Grund dieser scheinbar grundlosen Verwandlung zu sehen oder zumindest zu ahnen.

Dafür muss der Leser das Leben Gregor Samsas bedenken, das er vor seiner Verwandlung geführt hat. In diesem Leben hat es zwei Sphären gegeben, die des Berufs und die seiner Familie. Gregor war Reisender (I 2), der morgens um vier Uhr aufstehen muss (I 7), um seinen Zug zu erreichen. Er sieht, dass er „einen anstrengenden Beruf“ (I 4) hat, voller Plagen: das Reisen, das schlechte Essen, die flüchtigen Bekanntschaften (I 4). Sein Chef hat die üble Angewohnheit, von oben herab („vom Pult“) mit seinen Angestellten zu verkehren (I 6). Gregor hat intensiv gearbeitet, ist schon bald gut verdienender Reisender geworden (II 12), war in fünf Jahren nicht einmal krank (I 7, vgl. I 16 die Erwartung des Prokuristen); vor kurzem wurde ihm sogar das Inkasso anvertraut (I 18). Möglicherweise waren seine Leistungen in letzter Zeit unbefriedigend (I 18) – vielleicht ist diese Bemerkung des Prokuristen aber auch nur eines der üblichen Mittel, Druck auf Gregor auszuüben, wie ja auch seine Abfahrt mit dem Fünfuhrzug durch einen Geschäftsdiener kontrolliert wird (I 7). Gregor selber beklagt, er sei als häufig abwesender Reisender vom Klatsch bedroht (I 25); das ist vielleicht jedoch nur eine taktische Antwort zu seiner augenblicklichen Verteidigung. Jedenfalls denkt er daran, langfristig seine Anstellung zu kündigen (I 6).

Diese Strapazen hat Gregor auf sich genommen, um die Schuld der Eltern beim Chef abbezahlen zu können (I 6); er hat seiner Familie ein schönes Leben verschafft (II 3, vgl. II 12) und beinahe alles Geld zu Hause abgeliefert (II 14) – jedenfalls mehr Geld, als zum Lebensunterhalt der Familie nötig war. So hat der Vater Rücklagen bilden können (II 12) – seine Schwester wollte er zwecks musikalischer Ausbildung aufs Konservatorium schicken (II 12), was ihm sehr viel bedeutete (vgl. III 14). Sogar wenn er unterwegs im Hotel war, hat er an die lebhaften häuslichen Unterhaltungen gedacht (III 3). Hier zeigt sich eine überaus enge, ja zu starke Bindung an die Familie, die ihn offenbar unmündig gehalten hat. Gregor kannte schließlich als Hauptverdiener die Vermögensverhältnisse nicht (II 12) – dass er nachts die Türen abschließt (I 7), bezeugt jedoch weniger Vorsicht als untergründiges Misstrauen gegen diese Familie. Die Rücksichtnahme auf die anderen ist früher „sein Stolz gewesen“ (III 13), sein Lebensprinzip – er hatte sich selber aufgegeben.

Im Dienst der Familie war Gregor unter der Last des Berufs verkümmert: Er bleibt des Abends zu Hause, liest Zeitung und studiert Fahrpläne; er beschäftigt sich wie ein Kind mit Laubsägearbeiten (I 16), findet im Beruf immer nur wechselnden, nie herzlicher werdenden menschlichen Verkehr (I 4); er hat nur wenige flüchtige Damenbekanntschaften (III 6). Dabei war er in seiner Militärzeit ein fescher und selbstbewusster Leutnant (I 24) – er hätte also durchaus mehr aus sich machen können. Doch das Bild einer Dame, „die, mit einem Pelzhut und einer Pelzboa versehen, aufrecht dasaß“ (I 2), ist das einzige Objekt seines Begehrens; selbst als Käfer drückt er sich noch mit heißem Bauch dagegen (II 25). Ob man auch die Käferphantasie von dem erotischen Verhältnis zur eigenen Schwester (III 14) dem noch nicht verwandelten Gregor zurechnen darf?

Sein in Beruf und Familie verfehltes Leben lässt ihn nicht zum Mann, sondern zum Ungeziefer werden – zu dieser Erwägung wird der Leser geführt, wenn er im Lauf der Erzählung erfährt, wie Gregor vor seiner Verwandlung gelebt hat. Mit der Verwandlung werden die Verhältnisse umgekehrt: Während früher der Vater und die Schwester ein nutzloses Leben geführt haben (II 15), kommt dieses jetzt dem Gregor-Käfer zu (Ralf Sudau).

Ralf Sudau (in: Franz Kafka: Kurze Prosa/ Erzählungen. 16 Interpretationen, Stuttgart 2007) erklärt die Verwandlung folgendermaßen: In der objektiven Funktion entlastet also die Verwandlung Gregor. Sie mutet wie eine übernatürliche Trotzreaktion aus dem Unbewussten an: Sie befreit ihn von der unliebsamen Arbeit, sie ermöglicht ihm die Verschreckung seiner diktatorischen Vorgesetzten, sie fordert die Familie zu Aufmerksamkeit und Fürsorge ihm gegenüber auf (gleichsam als Rückforderung all des emotionalen Engagements, das er für die Familie aufgebracht hat). All diese Gegebenheiten formulieren einen objektiven Sinn der Verwandlung, ohne dabei von einer ursächlichen Herleitung zu sprechen.“ (S. 154 – ich verdanke ihm zwei nützliche Hinweise; Sudau arbeitet aber manchmal etwas unsauber) Diese Interpretation ist aber fragwürdig, weil m.E. die Verwandlung im Rahmen des Vater-Sohn-Konflikts verstanden werden muss und der sich in dieser Erzählung im Rahm der Familie abspielt:

  1. Durch die Verwandlung wird Gregors Rolle in der Familie verändert:
  • Er verliert seine Bedeutung als Ernährer der Familie. Er hatte „der erstaunten und beglückten Familie zu Hause“ das Geld auf den Tisch legen können (II 12); niemand brauchte zu arbeiten. Mit der Verwandlung entfällt diese Rolle Gregors (I); der Vater gewinnt neue Macht über ihn (I 27) und drängt ihn gewaltsam in sein Zimmer zurück. Er erscheint Gregor sogar wie verwandelt und verletzt ihn beinahe tödlich (II 29).
  • Allerdings hatte sich das ursprüngliche Ansehen Gregors im Lauf der Zeit schon verloren. „Nur die Schwester war Gregor doch noch nahe geblieben […].“ (II 12). Mit der Verwandlung verliert er auch die Zuneigung der Schwester, die ihn nur noch voller Abscheu versorgt (II).
  • Die Mutter scheint sich zwar anfangs für ihn einzusetzen (I 16 – das könnte aber auch dem Versorger der Familie gelten), kann jedoch seinen Anblick nicht ertragen und flüchtet sich wie selbstverständlich zum Vater (I 27, II 29).
  • Als sich die Schwester mit dem Vater gegen Gregor verbündet (II 28, III 25 f.), fordert sie, Gregor aus der Familie zu entfernen, weil er bloß noch ein Tier sei (III 17 ff.).
  • Gregor, schon lebensmüde (III 9), macht sich in seiner Schwäche diesen Wunsch zu eigen und stirbt (III 29). Ohne ihn lebt die Familie auf (III 30 ff.).
  1. Wenn man die Verwandlung als einen „Aufstand“ Gregors gegen die Familie verstehen will, wäre dieser völlig missglückt. Wenn man sie als schicksalhaftes Ereignis versteht, wäre sie Strafe für sein verfehltes Leben: Er hat sich der schmarotzenden Familie untergeordnet, sich mit dem Bild einer schönen Frau, „das er vor kurzem aus einer illustrierten Zeitschrift ausgeschnitten und in einem hübschen, vergoldeten Rahmen untergebracht hatte“ (I 2), begnügt und auf ein eigenes Leben verzichtet (I 16); dafür wird er jetzt bestraft, indem man ihn in sein Zimmer einsperrt. Wenn man die Verwandlung als Auswirkung väterlicher Macht versteht, wäre sie der entscheidende Schritt, mit dem Gregors vaterähnliche Versorgerrolle beendet wird und der Vater seine Übermacht (er verwaltet das Geld, II 12) sowohl zeigt wie festigt (II 29), und zwar im Verein mit der Schwester. – Durch die Verwandlung wird Gregors Rolle in der Familie geschwächt; er wird überflüssig und lästig. Folgerichtig verschwindet er als „Untier“ (III 17) aus diesem Verbund, in dem es für ihn Liebe und „Glanz“ nur um des Geldes willen gegeben hatte (II 12).

 

Hartmut Binder macht in seinem „Kafka-Kommentar zu sämtlichen Erzählungen“ (1977, 2. Aufl., S. 158 ff.) plausibel, dass sich bis in die Ungeziefer- und Käfervorstellung hinein Franz Kafka hinter Gregor Samsa verbirgt. So wird nicht nur im „Brief an den Vater“ der Kampf des Sohnes gegen den Vater mit dem Kampf eines Ungeziefers verglichen, sondern Kafkas Vater hat sogar dessen Freund J. Löwy als Ungeziefer bezeichnet und im Blick auf andere Freunde Kafkas das Sprichwort ziert: „Wer sich mit Hunden ins Bett legt, steht mit Wanzen auf.“ Binder wertet diese und andere Belege so aus: „Man kann also sagen, in der Verwandlung werde eine für ihn wichtige [metaphorisch gemeinte, N.T.] Selbstbewertung wörtlich genommen und erzählerisch entfaltet.“ (S. 159)

Doch das alles sind Erklärungen, welche von Lesern stammen – der Erzähler schweigt eisern über den Grund oder den Urheber der Verwandlung; vermutlich kennt er selber nicht den Grund. Der Erzähler sagt auch nicht ausdrücklich, das Ungeziefer sei ein Käfer; Hartmut Binder weist jedoch darauf hin, dass Kafka in seinen Tagebüchern später von einem Schwarzkäfer spricht und dass die Bedienerin ihn offensichtlich vergleichsweise einen Mistkäfer nennt. Auch Einzelheiten des Körperbaus wiesen auf diese Insektenart ebenso wie Gregors Problem, aus der Rückenlage sich in die Bauchlage zu bewegen (a.a.O., S. 160 f.), hin.

Vgl. auch http://dito42.blogspot.de/2016/02/kafka-motiv-der-verwandlung.html!

 

3 thoughts on “Kafka: Die Verwandlung – warum Gregor ein Ungeziefer wurde

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