Kafka: Die Verwandlung – wie Gregor sie in I erlebt

Zugleich eine Anleitung, wie man einen literarischen Aufsatz schreibt

Aufgabenstellung: Untersuchen Sie in Kap. I,

a) wie Gregors Verwandlung vor sich geht (Liste der Fundstellen genügt),

b) wie Gregor sie erlebt und damit umgeht.

Mögliche Lösung (Stellen im Text):

a) Er findet sich zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt (Rücken panzerartig, Bauch gewölbt), hat dünne Beine, I 1

findet an sich kleine weiße Pünktchen, I 4

seine Stimme ist verändert (mit Piepsen vermischt), I 7

b) Er ist hilflos (Beine), I 1

denkt über das Geschehen nach, I 2

möchte weiterschlafen und „alle Narrheit“ vergessen, I 3

kann sich nicht auf die gewohnte rechte Seite legen, I 3

bekommt Schmerzen bei seinem Versuch, dies zu tun, I 3

denkt über seinen anstrengenden Beruf nach, I 4 (?)

empfindet leichtes Jucken, I 4

versteht die Pünktchen nicht zu beurteilen, I 4

erlebt Kälteschauer bei Berührung, I 4

schiebt das frühe Aufstehen als Erklärung vor, I 5 (?)

hat sich gegen alle Gewohnheit verschlafen, kann sich das Verschlafen nicht erklären, I 7

fühlt sich wohl, ist schläfrig, hat Hunger, I 7

erschrickt über seine Stimme, I 7

schränkt seine Mitteilung an die Mutter ein, I 7

spricht zur Kompensation langsamer, mit Pausen, I 7

widersetzt sich der Bitte, die Tür zu öffnen (= will nicht gesehen werden), I 7

erklärt sich die Veränderung der Stimme ‚vernünftig‘, I 8

will nicht im Bett bleiben, I 8 (vs. I 10)

kann Beinchen nicht kontrollieren, I 8, I 11

will sich dem Urteil der anderen stellen (I 9)

kann sich kaum bewegen, I 9

kann sich seinen Körper nicht vorstellen, I 9

stößt bei Bewegung an, was Schmerzen verursacht, und erlebt den unteren Teil seines Körpers als empfindlich, I 9

hat Angst vor Verletzung, I 10

will im Bett bleiben, I 10 (vs. I 8: Zwiespalt)

ist im Zwiespalt, was er tun soll, I 11

erwartet die Wiederkehr „der wirklichen und selbstverständlichen Verhältnisse“, I 11 (? im irrealen Vergleich!)

denkt über seine Lage nach, I 12

erwartet Hilfe, will aber nicht um Hilfe bitten, I 13

hegt unsinnige Hoffnung, I 14

steht auf, als er den Prokuristen hört, und verletzt sich dabei am Kopf, I 14

spricht vorsichtig (leise) mit der Schwester, I 15

lehnt Begegnung mit dem Prokuristen ab, I 16

hält „Sorgen“ der Schwester für unnötig, I 17

denkt, er könne sich herausreden, I 17

bittet den Prokuristen um Verständnis, I 18

will wissen, wie die anderen auf seinen Anblick reagieren, I 19

steht entschlossen auf, achtet nicht auf seine Schmerzen, erlangt „Herrschaft über sich“, I 19

wird ruhiger, fühlt sich „wieder einbezogen in den menschlichen Kreis“, I 21

bemüht sich um eine klare Stimme, I 21

öffnet die Tür mit dem Mund, I 22

hält sich für den einzigen, der Ruhe bewahrt, I 25

verhandelt mit dem Prokuristen um Nachsicht, I 25

hält sich für klüger als die Familie, I 27

er denkt im Eifer zu wenig, fällt auf die Beinchen und empfindet danach körperliches Wohlbehagen, I 27

fühlt sich vom Vater bedroht und wie ein Tier vertrieben, I 27

er will einlenken, I 27

er wird getreten, I 27

Auswertung

1. Die Verwandlung wird von Gregor „eines Morgens“ festgestellt (I 1); „finden“ bedeutet „erstrebend oder unabsichtlich gewahr werden, auf etwas […] kommen“ (Weigand, 1909). Dass er mit Pünktchen gezeichnet (I 4) und die Stimme verändert ist (I 7), gehört vermutlich zur nächtlichen Verwandlung und wird erst später von Gregor bemerkt. Ob die „unruhigen Träume“ (I 1) mit der Verwandlung zusammenhängen, bleibt offen; ein Grund der Verwandlung wird – anders als in vielen Märchen – nicht genannt.

2. Manchmal ist es problematisch, ob eine Fundstelle zu berücksichtigen ist (z.B. ist unklar, ob die Gedanken über das frühe Aufstehen tatsächlich in Zusammenhang mit der Verwandlung stehen, I 5; oder ob die in einem irrealen Vergleich ausgesprochene Erwartung als faktische Erwartung gewertet werden darf, I 11). Mit dieser Einschränkung kann man Folgendes dazu sagen, wie Gregor die Verwandlung erlebt und damit umgeht:

  • Er nimmt sich als körperlich verändert wahr,
  • er erschrickt,
  • er versteht nicht, was mit ihm vorgegangen ist,
  • er ist bzw. fühlt sich beeinträchtigt,
  • er ist unsicher, in einem Zwiespalt,
  • er weicht den Tatsachen aus, flieht in Pseudoerklärungen,
  • er überschätzt sich, schätzt seine Lage falsch ein,
  • er erwartet Hilfe von anderen,
  • er denkt über das Geschehen nach, stellt sich ihm also,
  • er kompensiert sein Manko, stellt sich ihm also,
  • er fühlt sich wohl.

Diese Gliederung ist systematisch angelegt, bildet also keine chronologische Reihenfolge ab; trotzdem kann man sagen, dass die Tendenz dahin geht, dass Gregor sich der Verwandlung stellt. Einige Fundstellen kann man unter mehreren der genannten Aspekte verstehen; ich verzichte hier auf eine Absicherung der Gliederung durch Nachweis der Fundstellen, diese Zuordnung kann jeder selbst vornehmen. Ich halte auch andere Gliederungen für möglich. – Die Gliederung müsste nun als Aufsatz (mit Belegstellen) ausgearbeitet werden. – Vgl. auch die Untersuchungen https://norberto42.wordpress.com/2016/02/12/kafka-motiv-der-verwandlung/ und https://norberto42.wordpress.com/2016/02/21/kafka-die-verwandlung-reaktion-der-anderen-in-i/! Zur Erzähltechnik der erlebten Rede s. http://norberto42.blogspot.de/2016/02/merkmale-und-zweck-der-erlebten-rede.html!

 

Reflexion: Wie schreibt man einen literarischen Aufsatz?

1. Wir haben den Text nach den thematisch relevanten Stellen durchsucht und diese notiert (d.h. eine Liste angelegt, mit Fundstellen, s.o.).

2. Wir haben im Blick auf die Textstellen Kategorien (allgemeine Begriffe: abstrahiert, verallgemeinert) gebildet, um die Textstellen auch zu verstehen.

3. Diesen Kategorien haben wir die einzelnen Fundstellen zugeordnet, der Einfachheit halber im Manuskript mit Buchstaben abgekürzt (b = beeinträchtigt, d = er denkt nach, w = er weicht den Tatsachen aus, usw. – den gleichen Buchstaben nicht zweimal verwenden!).

4. Die verschiedenen Aspekte haben wir geordnet – das ist die Gliederung, die oben zu sehen ist.

5. Jetzt müsste der Aufsatz geschrieben werden, indem die verschiedenen Aspekte mittels der zugehörigen Belegstellen entfaltet werden, inklusive Einleitung und Schluss. – Es handelt sich dann um eine Darstellung des verstandenen Geschehens, die von der zeitlichen Abfolge der Ereignisse wie auch des Erzählens abgelöst ist.

Ich habe wieder die Absätze des Kap. I mit arabischen Ziffern gezählt, damit auch Leser unterschiedlicher Ausgaben mit meiner Untersuchung arbeiten können. Ich empfehle, für das Verständnis Kafkas mit zeitgenössischen Wörterbüchern (hier: Weigand, 1909) zu arbeiten, die man im Netz leicht findet.

3 thoughts on “Kafka: Die Verwandlung – wie Gregor sie in I erlebt

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