Verwandlungen als Kafkas Kernmotiv

Monika Schmitz-Emans: Poetiken der Verwandlung, Innsbruck 2008, schreibt über Kafkas Verwandlungsgeschichten: „Verwandlungen sind Kafkas Kernmotiv und zugleich das prägende Gestaltungsprinzip seiner Texte. Seine Figuren wechseln dauernd ihre Erscheinung; dem korrespondiert ein Erzählstil, der keine festen und verlässlichen Auskünfte gibt, sondern alle Mitteilungen relativiert und verunklärt. Wie die narrativ evozierten Figuren sich in permanentem Übergang befinden, so vollziehen sich auch auf sprachlicher Ebene ständig Übergänge. Kafkas Erzählungen fixieren keine Gegenstände, Sachverhalte oder Situationen, sondern halten ihre imaginären Inhalte in ständiger Bewegung. Flüchtig, sich entziehend, unfasslich bleibt auch die Instanz des Erzählenden selbst. Auch zwischen sprachlich gefassten Ideen und fiktiven Wesen vollziehen sich vielfältige Übergänge: Aus einem Gedankenspiel wird etwa in ‚Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande‘ eine Geschichte, die an ‚Die Verwandlung‘ erinnert…“ (S. 160)

Sie nennt folgende sechs Erzählungen als Basis ihrer Argumentation:

Ein Bericht für eine Akademie (1917) https://de.wikipedia.org/wiki/Ein_Bericht_f%C3%BCr_eine_Akademie

http://www.xlibris.de/Autoren/Kafka/Werke/Ein%20Bericht%20f%C3%BCr%20eine%20Akademie

http://philosophieundliteratur.de/steilpass-in-die-tiefen-der-metaphysik/

Der Bau (e 1923/24) https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Bau

Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse (1924) https://de.wikipedia.org/wiki/Josefine,_die_S%C3%A4ngerin_oder_Das_Volk_der_M%C3%A4useb

http://www.mythos-magazin.de/methodenforschung/ms_kafka.pdf

Eine Kreuzung (e 1917) https://de.wikipedia.org/wiki/Eine_Kreuzung

In unserer Synagoge (= Die Synagoge von Thamühl, e 1922) https://de.wikipedia.org/wiki/In_unserer_Synagoge

Blumfeld, ein älterer Junggeselle (e 1915) https://de.wikipedia.org/wiki/Blumfeld,_ein_%C3%A4lterer_Junggeselle

http://www.mythos-magazin.de/methodenforschung/ez_kafka.pdf

http://revistas.ucm.es/index.php/RFAL/article/viewFile/36582/35415

Zusätzlich nennt Schmitz-Emans im Zusammenhang mit der kaum beschreibbaren resp. nicht exakt beschriebenen, nicht feststellbaren Figur des käferartigen Ungeheuers als Gefährten Gregor Samsas den Odradek („Die Sorge des Hausvaters“, 1920): https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Sorge_des_Hausvaters.

https://www.academia.edu/3230143/%C3%84hnlichkeiten_zwischen_Odradek_und_anderen_hausgeistern_und_ihrer_Symbolik_des_Heims_und_der_Familie_in_der_Kurzerz%C3%A4hlung_Die_Sorge_des_

http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2011/8090/pdf/JuliMirjam_2009_05_11.pdf – Wenn man ehrlich ist, muss man aber festhalten, dass eine echte Verwandlung nur in „Die Verwandlung“ erfolgt – in den anderen Erzählungen treten einfach Tiere oder andere seltsame Gegenstände auf, teilweise als Ich-Erzähler (z.B. in „Der Bau“). Bei den von Brunner Ungricht (s.u.) genannten Erzählungen liegen auch keine dramatischen Verwandlungen wie in „Die Verwandlung“ vor. Frau Schmitz-Evans ist ganz einfach dem Sog ihres Themas erlegen: Sie schreibt über die Poetik der Verwandlung und sieht dann überall Verwandlungen, auch dort, wo gar keine geschehen sind. Richtiger wäre es, über Tiere und Fabelwesen bei Kafka zu sprechen. Die Verwandlung Gregors muss zudem im Rahmen des Vater-Sohn-Konflikts verstanden werden.

Zusätzlich nenne ich: Forschungen eines Hundes (e 1922) https://de.wikipedia.org/wiki/Forschungen_eines_Hundes

http://www.mythos-magazin.de/methodenforschung/an_kafka.pdf

Gabriela Brunner Ungricht (Die Mensch-Tier-Verwandlung, Bern 1998, S. 283) weist auf zwei Texte Kafkas hin, in denen ein Tier in einen Menschen verwandelt worden ist:

* Der neue Advokat (1920 – Alexanders Schlachtross wird Mensch) https://de.wikipedia.org/wiki/Der_neue_Advokat

https://www.alexandria.unisg.ch/export/DL/49676.pdf

http://www.textlog.de/32068.html

* Das Fragment von Isabella, dem Apfelschimmel:

„Es ist Isabella, der Apfelschimmel, das alte Pferd, ich hätte sie in der Menge nicht erkannt, sie ist eine Dame geworden, wir trafen einander letzthin in einem Garten bei einem Wohltätigkeitsfest. Es ist dort eine kleine, abseits liegende Baumgruppe, die einen kühlen beschatteten Wiesenplatz einschließt, mehrere schmale Wege durchziehen ihn, es ist zu Zeiten sehr angenehm dort zu sein. Ich kenne den Garten von früher her und als ich des Festes müde war, bog ich in jene Baumgruppe ein. Kaum trete ich unter die Bäume, sehe ich von der andern Seite eine große Dame mir entgegenkommen; ihre Größe machte mich fast bestürzt, es war niemand sonst in der Nähe, mit dem ich sie hätte vergleichen können, aber ich war überzeugt, daß ich keine Frau kannte, welche dieser nicht um mehrere Kopflängen – im ersten Staunen dachte ich gar um unzählige – nachstehen mußte. Aber als ich näherkam, war ich bald beruhigt. Isabella, die alte Freundin! „Wie bist Du denn aus deinem Stall entwichen?“ „Ach, es war nicht schwer, ich werde ja eigentlich nur gnadenweise noch gehalten, meine Zeiten sind vorüber, erkläre ich meinem Herrn, daß ich, statt unnütz im Stall zu stehn, nun auch noch ein wenig die Welt kennen lernen will, solange die Kräfte reichen, erkläre ich das meinem Herrn, versteht er mich, sucht einige Kleider der Seligen aus, hilft mir noch beim Anziehn und entläßt mich mit guten Wünschen.“ „Wie schön Du bist!“ sage ich, nicht ganz ehrlich, nicht ganz lügnerisch“ (http://www.kafka.org/index.php?einj)

 

Allgemein über die Tiere bei Kafka:

http://www.pfarrerblatt.de/text_219.htm (H. Aßmann: Tiere aus der Ich-Perspektive bei Franz Kafka)

http://www.zeit.de/2003/19/KA-Sbib-19 (P. Kümmel: Kafkas Tiere, unsere weisen Vorfahren)

http://www.klassik-stiftung.de/uploads/tx_lombkswdigitaldocs/Nietzsche_2009_Oschmann.pdf (D. Oschmann: Skeptische Anthropologie: Kafka und Nietzsche – geht auf Nietzsches Formel vom Menschen als dem nicht festgestellten Tier zurück)

Vgl. auch https://norberto42.wordpress.com/2016/02/12/kafka-motiv-der-verwandlung/ und https://norberto42.wordpress.com/2016/02/29/kafka-die-verwandlung-motiv-vater-sohn-konflikt/!

P.S. Von Friedmann Harzer: Erzählte Verwandlung, Tübingen 2000, habe ich Folgendes gelernt:

  1. Man muss zwischen den Tier- und den Verwandlungsgeschichten Kafkas unterscheiden. Zu den letzteren zählt er (außer „Die Verwandlung“) nur „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“ und „Beschreibung eines Kampfes“.
  2. Es gab in der deutschen Literatur schon vor Kafka das Motiv der Verwandlung. Harzer nennt Rilkes Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ (seit 1904, 1910 veröffentlicht) und Carl Einsteins Erzählung „Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders“ (1906/09, 1912 veröffentlicht, Text: http://gutenberg.spiegel.de/buch/bebuquin-7911/1)
  3. Als man Kafka auf die Erzählung „Lady into Fox“ David Garnetts, 1922, hinwies, sagte Kafka: „Das liegt in der Zeit. Wir haben es beide von ihr abgeschrieben.“

Pascal Nicklas’ Buch „Die Beständigkeit des Wandels“, Hildesheim 2002, ist seine Habilitation und entsprechend ausgearbeitet. Zum Begriff der Metamorphose schreibt er: „Differenz und Identität müssen gleichermaßen vorhanden sein: Aus einer Sache muß etwas anderes werden, und sie muß doch die gleiche bleiben.“ (S. 12) Das Grimm’sche Wörterbuch kenne Verwandlung in dreifachem Sinn: 1) durch übernatürliche Kraft; 2) durch menschliches Tun oder soziologische Vorgänge; 3) Verwandlung von Personen durch Veränderung ihrer Wesensart. (S. 14)

Hermann Bahr („Die Überwindung des Naturalismus“, 1891, http://www.univie.ac.at/bahr/sites/all/ks/2-ueberwindung.pdf), habe die Moderne als die Zeit charakterisiert, in der die individuelle Identität in Frage gestellt worden sei; sie sei verbunden mit verstärkter künstlerischer Selbstreflexion (S. 20 f.).

Außerdem sieht Nicklas die Moderne unter dem Einfluss der Evolutionstheorie, und zwar schon im 18. Jh., erst recht seit Darwin: Seitdem seien die strengen Grenzen zwischen Tier und Mensch aufgehoben; das Tier erscheine „als ein lebendes Dokument der Vergangenheit und ist damit zugleich Vorläufer und Ahn des Menschen, in dem sich die Herkunft und das wahre Wesen des Menschen findet“ (S. 220).

Die Verwandlung Gregor Samsas bringe auch eine Verwandlung der Welt mit sich, weil im personalen Erzählen die Perspektive auf die Welt sich verändert habe (S. 229). Gegen die gängigen Auffassung betont Nicklas, die Verwandlung Gregors sei zu Beginn der Erzählung nicht abgeschlossen, es ändere sich später also mehr als die Stimme [und die Sehkraft, N.T.] (S. 230). Der Körper Gregors führe ein Eigenleben, was man zum Beispiel an seinem Appetit sehe (S. 231 f.). Die Figuren sähen immer mehr und schließlich nur noch das Tier resp. „Untier“, während der Erzähler immer noch von Gregor spreche und so den Eindruck erwecke, es gebe ihn noch (S. 232).

Die Verwandlung in einen Käfer bedeute eine Reduktion Gregors, die in seiner Vernichtung endet (S. 234). Gregor verschwinde immer mehr, auch aus der Erinnerung; er wolle die Erinnerung an seine menschliche Vergangenheit aufrecht erhalten (S. 237). Dass das Tierische in Gregor die Überhand gewinnt, sehe man an seinem Drang zum Bild der Frau, deren Hände im Pelzmuff stecken (S. 237). Der Tod Gregors sei eine Erlösung, für ihn wie für die Familie; danach werde er vergessen, er sei damit vernichtet (S. 238). Er sei schlicht verhungert, wozu sowohl die schlechte Versorgung durch die Schwester wie sein eigenes Hungern beigetragen hätten (S. 239). – Nicklas sieht hier eine Parallele zu Kafkas Erzählung „Ein Hungerkünstler“.

Außerdem untersucht Nicklas „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“, wo jemand die Verwandlung in einen Käfer resp. die Abtrennung des Ich vom Käferkörper sich vorstellt (S. 221 ff.), und „Bericht vor einer Akademie“ (S. 240 ff.).

Mir ist noch aufgefallen, dass auch der Erzähler mit der Beschreibung vom sterbenden Gregor diesen zu den Tieren zählt: „Dann sank sein Kopf ohne seinen Willen gänzlich nieder, und aus seinen Nüstern strömte sein letzter Atem schwach hervor.“ (III 29) „Nüstern“ hat nur ein Tier, Menschen haben eine Nase.

2 thoughts on “Verwandlungen als Kafkas Kernmotiv

  1. Pingback: Kafka: Motiv der Verwandlung | norberto42

  2. Pingback: Kafka: Die Verwandlung, Motiv: Vater-Sohn-Konflikt | norberto42

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s