Lars Gyllensten: Kains Memoiren – vorgestellt

Suhrkamp Verlag 1968 (schwedische Originalausgabe 1963)

Vor Jahren habe ich schon einmal eine kleine Rezension des Buches geschrieben: https://norberto42.wordpress.com/2012/01/30/gyllensten-kains-memoiren/; ich möchte an die alte Arbeit erinnern und noch einmal etwas zu diesem zutiefst philosophischen Buch schreiben, das ich dieser Tage erneut und wieder mit Begeisterung gelesen habe. Es ist ein Buch

  • von der Übermacht der Zeit, die alles verschlingt,
  • von der Unbehaustheit des Menschen in einer Welt, die ihm Mühsale auferlegt, was er sich mit dem Trugbild eines guten Gottes verschleiert,
  • von der Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit, die Wahrheit zu erkennen,
  • von der Konsequenz, dass man sich mit den unterschiedlichsten Menschen arrangieren muss,
  • und von der Notwendigkeit, die Trug- und Götzenbilder zu zertrümmern.

Erzählt wird von den Kainitern, die zufrieden am Rande Oberägyptens lebten, am Ende der Welt, und deren Leben dadurch endete, dass die Wüste vordrang, das Römische Reich unterging, ihre klare griechische Sprache zu einem banausischen Koptisch wurde und die intoleranten Christen sie vertrieben. Als die Kainiter sich daran machten, die Erinnerungen an ihre alte Lebensart aufzeichnen zu lassen, wurden auch diese Berichte ins Koptische übersetzt und dadurch verdunkelt, sie wurden von den Christen vernichtet und von Händlern zerteilt und verkauft, und was danach übrig blieb, ließ wieder viele Deutungen zu… Ich möchte ein paar Stellen aus dem Buch zitieren – vielleicht besorgt sich ja doch jemand noch ein antiquarisches Exemplar:

Die Kunst, Schlußfolgerungen zu ziehen, ist eine nützliche und beachtliche Gabe; dennoch empfiehlt es sich, Mißtrauen gegenüber solchen Schlußfolgerungen zu hegen, die die Welt um- und umkrempeln würden, falls man sie allzu ernst nähme. Diese kluge und vorsichtige Regel sollte vor allem in der Lage beachtet werden, in der man die Schlußfolgerung zieht – wie unbestreitbar sie auch zu sein scheint. […] Zwar soll man die Wahrheit ehren, aber doch nicht im Übermaße. Der Genuß in gewissen Grenzen und auf ruhige, besonnene Art ist wahrhaftig eine Quelle der Erquickung wie der Wein – doch der Kluge genießt ihn in Zucht und Maß, damit der Wein nicht die Oberhand gewinnt…“ (S. 44 f.)

Über die Ägypter, die mit Stöcken die Würmer aus ihren Füßen ziehen, welche sich da hineingefressen haben, und sich dann darüber freuen: „Der Gott, der die Welt geschaffen hat, ist kein guter Gott, denn er hat den Fuß, den Stock und den menschlichen Verstand geschaffen, der die Würmer dazu bringt, ihr Loch zu verlassen. Er ist böse, weil er die Begierde des Wurmes, im Fleisch des Menschen zu leben, geschaffen hat. / Wenn man die Freude des Menschen untersucht, stellt man oft fest, daß sie ihre Ursache in einem Mißverständnis hat.“ (S. 87)

Die Ordnung der Welt ist eine Täuschung, die aus der Gutgläubigkeit der Menschen entsteht. Die Güte der Götter ist ein Betrug, der seinen Grund in der Furcht der Menschen hat. Nur die Erkenntnis kann Befreiung schenken, indem sie den Schein der Welt sprengt und dessen falsche Gesetze auflöst. / Entweder gibt es keine Götter, oder sie müßten in den Scherben gesucht werden, die übrigbleiben, wenn alles zerschlagen ist, was die Menschen zerschlagen können.“ (S. 91)

Über die Menschen, die meinten, es sei ihnen verboten, an bestimmten Tagen Fleisch zu essen, die aber die Ringelgans nicht zum Fleisch zählten: „Jene, die als besonders klug galten, hielten dies für ein Zeichen der Güte Gottes: Zwar verbot er ihnen, Fleisch zu essen, aber er bot Fleisch, das kein Fleisch war, so daß sie Fleisch essen konnten, das nicht den Namen Fleisch trug, weil es verboten war, etwas zu essen, was Fleisch genannt wurde. Diese Art, die Betrachtung umzukehren, ist eine der nützlichsten Erfindungen, welche die Frommen hervorgebracht haben: Denn indem sie den Inhalt des Wortes umkehrten, konnten sie gleichzeitig behaupten, die Welt sei böse, doch der Gott, der sie geschaffen hat, sei gut.“ (S. 118)

Über die beinahe unmögliche Deutung der Fragmente der Schriften der Kainiter: „Doch überschätze man nicht die Zeugungskraft des Eigenwillens und des Gutdünkens der Menschen. Der Verstand birgt eine Enge, und hier setzen sich die Dinge fest, die man zuerst gelernt hat. Sie verteidigt man, statt nach fremden Neuigkeiten zu greifen. Das Auffassungsvermögen hat eine nützliche Trägheit, und der Verstand erfindet am liebsten etwas, das sich nicht allzu sehr von dem Üblichen und Gewöhnlichen unterscheidet. […] Die Wirklichkeit erreichen sie nicht, ebensowenig das wahre Wissen voneinander, sondern sie bleiben sich in ihrem Innern immer fremd. Der Zufall ist ihr Schöpfer und die Willkür ihr Richter. Sie leben in einer Scheinwelt, ein jeder für sich. Doch sie ähneln einander in Mangel und Unruhe und schaffen sich in ihrer Armut gleichartige Lügen, Abgötter und Verirrungen.“ (S. 131 f.)

Ein Reiz des Buches ist in der Erzähltechnik begründet: „Im Lauf der Jahre handelte man mit Wein und Öl, Mais, Weizen, Hirse und Kleie, mit frischen und getrockneten Trauben, mit Getreide, Pfeffer, Affen, Idioten mit Riesenköpfen, mit Branntwein aus gegorenen Bananen, Männern mit Frauenbrüsten, Frauen mit Bärten, mit Feigen, weißen Raben mit roten Augen, Zwergen, Bier, mit tanzenden Störchen und tanzenden Schlangen, Federn Melonen, Orangenblüten, Menschenfingern, Hirschgeweihen…“ (S. 15) usw.: Die wahllose Aufzählung zeigt, wie bunt und oberflächlich und nichtig die Menschen ihr Leben führen, genauso wie die beiläufige Erwähnung des unzerstörbaren Oberägyptischen Reiches, das verging, oder des unzerstörbaren Römischen Reiches, das ebenfalls unterging, den Sieg der alles verschlingenden Zeit andeutet; und wie die Christen dieses bunte Leben in Ägypten, in dem die Kainiter ihre humane Lebensart bewahrten, aus Glaubenseifer und Intoleranz zerstörten.

Im letzten Kapitel erzählt dann ein Ich, das sich als Kain herausstellt, seine Geschichte: „Über Kains Testament“, was andere Leute auch „Kains Memoiren“ oder „Das Evangelium nach Kain“ nennen. So erklärt sich dann der seltsame Titel dieses überwältigenden Buchs.

Über Lars Gyllensten:

https://de.wikipedia.org/wiki/Lars_Gyllensten

http://literatur-schweden.blogspot.de/2012/10/lars-gyllensten-philosphische-gedanken.html

http://www.gbv.de/dms/faz-rez/690107_FAZ_0017_17_0003.pdf (eine Rezension des Buches von Helmut Mader, 1969, ein Verriss – aber wer ist schon Helmut Mader?)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s