Ferdinand von Schirach: Terror – Besprechung

P.S.

Wenn man Schirachs Buch (2015) liest, achtet man mehr auf die Sachfrage als auf die Darstellungsform des Theaterstücks: Ist der Bundeswehrpilot, der in letzter Sekunde ein von Terroristen gekapertes Flugzeug gegen den ausdrücklichen Befehl abschießt, um zu verhindern, dass es ins besetzte Münchener Fußballstadion gesteuert wird, nach unserem Recht schuldig? Diese Frage wird zwischen Staatsanwältin und Verteidiger diskutiert; es kommen auch der Angeklagte und eine Nebenklägerin, die Witwe eines der Todesopfer, zu Wort. Der dritte Akt steht in zwei Versionen da: Einmal sprechen die Geschworenen den Angeklagten frei, einmal sprechen sie ihn des Mordes schuldig. Es gibt eine Besprechung, in der die Sachfragen erläutert werden: https://dasgrauesofa.wordpress.com/2016/01/04/ferdinand-von-schirach-terror/ (ausführlich, mit Abstimmungsergebnissen aus verschiedenen Theatern)

In der Sache möchte ich drei Aspekte ergänzen:

  1. Es wird nicht nach der Schuld des Piloten der gekaperten Maschine gefragt, der es versäumt hat, sich von den Jägern der Luftwaffe abdrängen zu lassen bzw. die Flugroute einfach zu verlassen und ins Nirgendwo zu steuern; erst durch dieses Versagen kommt der Bundeswehrpilot in die Bedrängnis seiner Entscheidung.
  2. Gegen die Argumentation der Staatsanwältin muss man fragen, ob der Bundeswehrpilot wissen oder annehmen konnte, dass möglicherweise die Passagiere den Terroristen überwältigen oder dass man das Stadion in 15 Minuten (angeblich) räumen konnte – das alles verfängt außerdem sowieso nicht, da er bis zur letzten Sekunde gewartet und dann erst geschossen hat.
  3. Aus der katholischen Moraltheologie ist die Gedankenfigur der unbeabsichtigten Nebenwirkung bekannt: Der Bundeswehrpilot wollte den Terroristen und das von ihm gekaperte Flugzeug abschießen, um die 70.000 im Stadion zu retten; unbeabsichtigte Nebenwirkung war der Tod der 164 Passagiere. – Dieser Gedanke wird nicht explizit entfaltet, er wird unter dem Prinzip des kleineren Übels subsumiert. Der katholische Weihbischof Hans-Jochen Jaschke hat sich zu dieser Frage geäußert, ist aber nur zu erbaulichen Ergebnissen gekommen, die keinem Handelnden weiterhelfen (http://www.katholische-friedensstiftung.de/downloads/Abschiessen%20oder%20nicht.pdf). – Das Prinzip des kleineren Übels wird zwar überall angewendet, aber nirgendwo grundsätzlich diskutiert.

Zur Form möchte ich sagen, dass ich manche auflockernden Schlenker im Theaterstück für überflüssig halte; aber vielleicht sind sie lebensecht, ich kann das nicht beurteilen.

Fazit: Man liest das Stück und ist nachher so klug wie vorher; es bietet nichts Neues, auch wenn es angesichts terroristischer Aktionen in Europa Fragen stellt, auf die wir eine Antwort finden müssen. Philosophisch müsste diskutiert werden, ob wir mit der Befolgung universaler Prinzipien (z.B. Menschenwürde) in einer unvollkommenen Welt unser Handeln in jedem Fall justiziabel steuern können. – Urteil des BVG vom 15. Februar 2006: http://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2006/02/rs20060215_1bvr035705.html (zum Verstoß gegen Recht auf Leben/Menschenwürde ab Rn. 118)

P.S. Am 17. Oktober 2016 hat die ARD eine Verfilmung des Stücks „Terror“ ausgestrahlt, wonach über 80% der Zuschauer den Piloten von Schuld freigesprochen haben. Dieses Ereignis hat eine große Diskussion im Feuilleton hervorgerufen, in der sehr scharf argumentiert wurde, v.a. gegen die fehlende Unterscheidung von objektivem Rechtsbruch und subjektiver Schuld:

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-10/ard-fernsehen-terror-ferdinand-von-schirach-fischer-im-recht (scharf kritisch)

http://www.sueddeutsche.de/medien/ard-themenabend-terror-als-populisten-porno-1.3211228?reduced=true (kritisch)

http://www.lz.de/kultur/20952411_Bielefelder-Jura-Professor-kritisiert-ARD-Film-Terror.html (dito)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/ard-zeigt-verfilmung-terror-von-ferdinand-von-schirach-14484320.html und

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tv-kritik/schirachs-terror-in-der-ard-eine-frage-der-schuld-14486192-p2.html (wenig kritisch)

http://www.abendblatt.de/kultur-live/tv-und-medien/article208421789/TV-Experiment-Terror-Die-Zuschauer-faellen-das-Urteil.html (dito)

http://www.tagesspiegel.de/kultur/ferdinand-von-schirachs-gerichtsdrama-terror-algorithmen-des-todes/14015252.html (dito)

http://www.taz.de/!5345685/ (positiv)

Wolfgang Schild: Verwirrende Rechtsbelehrung. Zu Ferdinand von Schirachs „Terror“, Münster 2016

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