Die Geschichte vom Wolf und vom Fuchs

Die Geschichte vom Wolf und vom Fuchs

Jahrelang hatten Wolf und Fuchs gemeinsam in einer Höhle gelebt, und der Wolf hatte den Fuchs oft geschlagen und gebissen. Nun aber war der Fuchs die Frechheiten des Wolfes leid geworden. Er ließ sich auf einem Baumstumpf nieder und dachte nach. Endlich hatte er das Gefühl, eine Lösung gefunden zu haben. Er lief zum Wolf und traf ihn vor der Höhle. Der Fuchs näherte sich dem Wolf und wartete auf die Erlaubnis zu sprechen.

„Was willst du, du Sohn eines Hundes?“, fuhr ihn der Wolf nach einer Weile mürrisch an. „O Gebieter, ich bitte dich, mir zu erlauben, dass ich dir einen Vorschlag mache.“ „Rede“, erwiderte der Wolf gelangweilt. „aber fasse dich kurz.“ Mit demütiger Stimme begann der Fuchs: „Du weißt, mein Gebieter, dass der Sohn Adams, der Mensch, schon so lange einen Krieg gegen uns führt. Er kämpft mit Fallen, Schlingen und Angriffen aus dem Hinterhalt. Der Wald ist so gefährlich für uns geworden, dass wir kaum mehr darin wohnen können. So schlage ich vor, dass alle Füchse und alle Wölfe miteinander einen Vertrag abschließen. Gemeinsam sollten wir gegen den Menschen vorgehen.“ „Das ist unverschämt, dass du auf meine Hilfe hoffst, elender Fuchs“, erwiderte der Wolf. Und er holte aus und schlug dem Fuchs die Vorderpfote so hart gegen die Wange, dass er umfiel.

Nur mit Mühe richtete er sich wieder auf. Er schluckte seine Wut herunter, verbeugte sich und sprach: „Verzeih, mein Herr, dass ich es wagte, so mit dir zu sprechen. Ich tat Unrecht und sehe ein, dass die Ohrfeige gerecht ist.“ Heimlich aber dachte der Fuchs bei sich: „Meine Zeit wird kommen. Dieser Wolf wird seine Schuld büßen.“ „Es ist gut, dass du meine Erziehung zu würdigen weißt“, knurrte der Wolf. „Aber nun schere dich an deine Arbeit. Gehe in den Wald und kundschafte ihn aus. Und wenn du ein Wild siehst, komm’ sofort zurück und melde es mir.“ „Gerne“, beeilte sich der Fuchs zu sagen. Und er ging fort, in den Wald hinein.

Als er durch den Wald gegangen war und zu einem Weinberg kam, stand er vor einem Platz, der ihm verdächtig vorkam. Er sah aus wie eine Falle; der Fuchs hielt an und überlegte: „Wenn jemand hier entlang kommt und so dumm ist, die Falle nicht zu bemerken, wird er wohl hineinfallen.“ Er näherte sich vorsichtig dem verdächtigen Ort und erkannte, dass es sich um eine Grube handelte, die mit Laub überdeckt war. Als er das sah, freute er sich: „Bei Allah, welch ein schöner Weinberg!“, sagte er zu sich. „Und welch eine schöne Falle – schön für den, der es versteht, nicht hineinzufallen. Auch Fallen können am Ende ihr Gutes haben.“

Schnell kehrte er zum Wolf zurück. „Ich bringe gute Nachrichten“, sagte er. „Denn siehe, Allah hat gut für dich gesorgt. Ich sah einen wunderschönen Weinberg mit dicken reifen Trauben. Der ist wie gemacht für dich.“ Der Wolf zweifelte keinen Augenblick an den Worten des Fuchses. Gierig fuhr er den Fuchs an: „Was wartest du noch, Elender. Führe mich sofort dahin.“ Da führte der Fuchs den Wolf zum Weinberg. Und als sie am Eingang angekommen waren, trat er ehrerbietig zurück und ließ dem Wolf den Vortritt. Der rannte in die Richtung, die der Fuchs ihm gewiesen hatte. Dabei achtete er nicht auf den Weg, lief über die dünnen Äste, die die Grube verbargen, und stürzte hinein.

Als der Fuchs das sah, wurde er sehr fröhlich. Vor Vergnügen wälzte er sich im Gras. Dann aber besann er sich und schaute in die Grube. Hier saß der Wolf gefangen, und vor lauter Kummer über sein Schicksal liefen ihm Tränen die Wangen hinunter. Da begann auch der Fuchs zu weinen. „Weinst du aus Mitleid?“, fragte der Wolf. „Aber nein“, entgegnete der Fuchs. „Ich weine darüber, dass du nicht schon eher in die Grube gestürzt bist. Denn bei Allah, mein Leben wäre so schön friedlich und ohne Heuchelei verlaufen, wenn ich dich schon früher losgeworden wäre. Mein Mitleid verdienst du nicht. Das verdient nur einer, der auch mit anderen Mitleid hat.“

(Stark gekürzte und vereinfachte Fassung von http://www.labbe.de/lesekorb/index.asp?themaid=92&titelid=718, offenbar eine Erzählung der Märchen aus 1001 Nacht)

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