Stanisic: Vor dem Fest – statt einer Besprechung

Der Roman ist 2014 bei Luchterhand erschienen. Das erzählte Geschehen spielt in einem Dorf in den neuen Bundesländern, ca. im Jahr 2000. Der Erzähler ist einer der Dorfbewohner („Unsereiner“, S. 39); er weiß auf unbegreifliche Weise, was die Fähe ahnt (zum Beispiel von der Eiszeit, S. 20), aber deutet nur an, dass wir „das Jahr soundso“ schreiben (S. 32) und dass die Einwohnerzahl von Fürstenfelde „ungerade“ (S. 14) ist – wozu diese Geheimniskrämerei? Er spricht die Umgangssprache. Mit unvollständigen Sätzen. Oder mit „weil“ als Hauptsatzkonjunktion (S. 17 u.ö.), was mich sowieso verärgert. Er kennt desillusionierte Fahrräder (S. 13) und ähnlich schräge Metonymien. Manchmal redet er so kryptisch, dass man ihn kaum, sogar gar nicht versteht: „(dass) die Väter Tage noch grübeln, wo man den Fehler gemacht hat, und erst die neuen Bundesländer, dann ihre Männlichkeit in Frage stellen, und am Ufer angekommen, essen sie einen Apfel“ (S. 13) – bitte, wer schaut da auf Anhieb durch, dabei sind das nur drei von den zehn Zeilen des Satzes?

Die Figuren sind allesamt papieren; dass Schramm, der sich einen Strip auf „sport 1“ anschaut, sich über die sportliche Unfähigkeit der strippenden Billardspielerin Martina ärgert, statt sich über den Anblick ihres Busens zu freuen, dass Gölow für den toten Fährmann einen bequemen Sarg kauft und zusammen mit seiner Frau Barbara und zwei Jugoslawen einen Brief an Clinton geschrieben hat – geschenkt, geschenkt: Aber was soll das alles?

Fazit: Stanisic hat einen bemüht modernen Roman geschrieben; er reüssierte damit im literarischen Sommer 2014, das Buch wurde allerdings bereits im Frühjahr 2016 in der Stadtbibliothek Mönchengladbach wieder aussortiert. Ich habe es bis S. 40 gelesen; das reichte, genug davon hatte ich schon vorher.

http://www.zeit.de/2014/11/sasa-stanisic-vor-dem-fest-roman (begeistert: „Ein Buch wie wenige andere. Politisch versiert und stilistisch ein Kunststück. Vor dem Fest ist Mensch, Tier und Natur zugewandt, vollkommen illusionslos und trotz mutmaßlicher Übertreibung vollkommen wahr.“ – ein Widerspruch in sich, aber was soll das schon?)

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/sasa-stanisic-vor-dem-fest-a-955575.html (ähnlich)

http://www.sueddeutsche.de/kultur/vor-dem-fest-von-saa-stanii-wir-fahren-uebern-see-uebern-see-1.1911969 (ähnlich)

http://www.tagesspiegel.de/kultur/sasa-stanisics-roman-vor-dem-fest-die-wertvollste-gabe-ist-die-erfindung/9617570.html (ähnlich)

http://literatourismus.net/2014/03/sasa-stanisic-vor-dem-fest/ („Dieser Roman ist nicht nur inhaltlich ein Fest, sondern auch sprachlich, ein Genuss, ein modernes Märchen über Herkunft und Vergangenheit, über Geschichte und ihre Präsenz in der Gegenwart.“ Das ist Theorie; alles, was länger als 100 Jahre vorbei ist, lebt in einem Dorf nicht mehr!)

http://www.deutschlandradiokultur.de/roman-poesie-des-alltags.950.de.html?dram:article_id=279540 („Und doch ist das Wunder dieses Buches, dass all die martialischen Gestalten, mit denen man in Wahrheit vielleicht nicht unbedingt befreundet sein möchte, hier ihr Recht, ihre Existenz und erzählerische Zuneigung erfahren. Und mehr wollen sie in Wahrheit ja auch gar nicht.“)

Tja, da sieht man es mal wieder: Die realen Leser (in Mönchengladbach) schätzen nicht, woran die professionellen Kritiker sich angeblich ergötzen.

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