J. Wiebicke: Dürfen wir so bleiben, wie wir sind? – Besprechung

Untertitel: Gegen die Perfektionierung des Menschen – eine philosophische Intervention (Köln 2013)

Jürgen Wiebicke, Radiophilosoph in Köln, hat ein Buch geschrieben, von dem sich Mehreres sagen lässt:

  1. Es ist eine Fleißarbeit mit unendlich vielen Zitaten (die teilweise bloß abgeschrieben sind, was man daran erkennt, dass einige unsauber sind) und widersprüchlichen Positionen.
  2. Es ist demgemäß keine Abhandlung, sondern Feuilleton (oder meinetwegen Radiophilosophie) – flott geschrieben, ohne Absicht auf begründete Ergebnisse des Denkens; je länger man liest, desto oberflächlicher kommt es einem vor.
  3. Ihm fehlt dementsprechend der rote Faden: Anfangs wird die angeblich verlorene Würde des Menschen als Zentralbegriff für die Diskussion ethischer Fragen an den Grenzen des Lebens bemüht (und im Vorwort entsprechend herausgestellt, S. 7 – wobei ich dem Autor vorschlage, im Kreuzworträtsel „Würde“ mit sechs statt mit fünf Kästchen anzusetzen: W U E R D E), während es später um technische Machbarkeit von „Unsterblichkeit“, Klimapolitik, Gerechtigkeitskonzepte usw. geht.
  4. Letztlich ist es ein fatalistisches Buch: Der Autor fragt, „ob mit philosophischen Konzepten zivilisatorische Prozesse steuerbar sind“ (S. 223), und er kommt zum Ergebnis, dass sie es nicht sind: Er referiert wunderbare universalistische Prinzipien der Klimaethiker, denen aber angeblich „der Unterbau in der alltäglichen Praxis“ (S. 236) fehlt. Im Nachwort bleibt er defätistisch: Die Stunde der Ethiker schlage, „wenn sich nichts mehr von selbst versteht“ (S. 238), aber ihre Grundsätze seien zu weit entfernt „von den moralischen Kapazitäten jedes Einzelnen“; damit kommt er zu einem Fazit, das ich vorher schon kannte: „Wir müssen es immer selbst tun.“ (S. 238) Das kann man schon in Gellerts Fabel von der Lerche im Kornfeld nachlesen.
  5. Fasst man alle Überlegungen zusammen, kann man sagen: Es ist ein überflüssiges Buch (deshalb hat auch keine der großen Zeitungen es zur Kenntnis genommen) – brauchbar nur für den, der sich einige wohlige Schauer über den Rücken laufen lassen oder beim Partytalk mit drei Zitaten ein wenig glänzen will.
  6. Mein Tipp: Gellerts Fabel statt Wiebickes Buch lesen, dann ist man genauso klug:Die Lerche im Kornfeld
    In einem großen Kornfeld hatte eine Lerche ihr Nest gebaut, mitten unter die schwankenden, grünen Halme. Als das Korn höher und höher wuchs und eines Tages die Ähren gelb und dick wurden, begann sich die Lerche um ihre Jungen zu sorgen. „Wir werden von hier fortziehen müssen“, dachte sie, „bevor die Schnitter kommen, mein Nest zerstören und meine Jungen töten.“ Jeden Morgen, wenn die Lerche auf der Suche nach Futter ihr Nest verlassen musste, befahl sie daher ihren Jungen, genau aufzupassen und ihr am Abend zu erzählen, was sie gehört hätten.
    Eines Tages, als die Lerche wieder fortgeflogen war, kam der Bauer und sagte: „Es ist Zeit, dass wir mit der Ernte beginnen. Ich will zu meinen Nachbarn gehen und sie bitten, mir bei der Arbeit zu helfen.“ Die kleinen Vögel im Nest erschraken, und als ihre Mutter heimkam, zwitscherten sie aufgeregt und erzählten ihr, was der Bauer gesagt hatte. Aber die Lerche beruhigte ihre Kinder. „Noch brauchen wir keine Angst zu haben“, sagte sie, „wenn er auf seine Nachbarn wartet, wird es lange dauern, bis dieses Korn geschnitten wird.“
    Am nächsten Tag kam der Bauer wieder auf das Feld und sagte: „Das Korn ist schon ganz reif, wir müssen es in die Scheune bringen. Sohn, geh sofort zu allen Verwandten und bitte sie, uns bei der Ernte zu helfen.“ „Aber jetzt müssen wir bestimmt fortziehen“, zwitscherten die Jungen wieder aufgeregt. „Keineswegs! Seid ohne Sorge!“ antwortete die Lerche. „Seine Verwandten müssen auf ihren eigenen Feldern arbeiten. Noch können wir in unserem alten Nest bleiben.“
    Am dritten Tag kam der Bauer wieder und sah, wie sich die Halme unter der Last der reifen Ähren beugten. „Wir dürfen nicht länger warten“, rief er. „Sohn, geh sofort auf den Markt und wirb Erntearbeiter an. Morgen wollen wir beginnen.“ „Nun müssen wir gehen“, rief die Lerche, als die Kinder erzählten, was sie gehört hatten. „Wenn ein Mann seine Arbeit in die eigenen Hände nimmt, statt sich auf andere zu verlassen, so besteht die Möglichkeit, dass die Arbeit getan wird.“

http://www.rezensions-seite.de/rezensionen/kulturwissenschaft/j%C3%BCrgen-wiebicke-d%C3%BCrfen-wir-so-bleiben-wie-wir-sind/

https://www.aktion-mensch.de/magazin/fokus/zukunft-wiebicke.html

http://www.egotrip.de/?p=4455

https://www.blinkist.com/de/books/durfen-wir-so-bleiben-wie-wir-sind-de.html (Mini-Vorstellung)

http://www.osiander.de/webdb/index.cfm?osiaction=details&artid=9783462045840&source=uwk (ähnlich)

http://www.deutschlandradiokultur.de/optimierung-misstrauen-gegen-technizistische-utopien.954.de.html?dram:article_id=269357 (Interview)

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