Robert Burton: Anatomie der Melancholie – Besprechung

Die 1621 erstmals erschienene, später erweiterte „Anatomie der Melancholie“ ist für unsere Verhältnisse ein ungewöhnliches Buch: ein eher mittelalterliches Buch, das von Zitaten aller möglichen Klassiker wimmelt, die ein immens fleißiger Autor zusammengetragen hat, um das damalige Wissen und Unwissen über die Melancholie, ihre Arten und Ausdrucksformen, ihre Ursachen und ihre Behandlung zusammenzutragen. Er nennt sich Democritus junior, weil der große Demokrit aus dem Lachen über die Torheiten seiner Zeitgenossen nicht herauskam. Auch ihm erscheint die Welt wie ein großes Theater: „Tagtäglich höre ich neueste Nachrichten und landläufige Gerüchte über Kriege, Seuchen Feuer, Überschwemmungen, Diebstähle, Morde, Massaker, Meteore, Kometen, Geister, Wunder, Erscheinungen, über belagerte und eroberte Städte in Frankreich, Deutschland, der Türkei…“ (S. 20), „und das Bücherschreiben nimmt kein Ende, besonders in unseren Kritzelzeiten, in denen die Druckerzeugnisse Legion sind, sich die Pressen im Belagerungszustand befinden und es jeden gelüstet, sich als Autor einen Namen zu machen.“ (S. 24) Damit sind wir schon bei dem Punkt, der das Buch für mich interessant gemacht hat: Wenn wir unsere Zeit mit dem von Robert Burton beklagten 17. Jahrhundert vergleichen, sehen wir manche erstaunlichen Parallelen.

Burton systematisiert die Beschreibung des melancholischen Zustandes nach der Größe der befallenen Objekte: Königreiche, Provinzen, Familien und Einzelpersonen (S. 77). Was er über die Ursachen der Melancholie schreibt, ist teilweise vernünftig, teilweise dem mittelalterlichen Aberglauben verpflichtet. Witzig sind eher seine Ausfälle gegen bestimmte Gruppen und Laster, zum Beispiel die Anwälte; sie seien „nicht Beschützer, sondern die Quälgeister des Landes, ein hochmütiges, verdorbenes, raffgieriges, streitsüchtiges Geschlecht, eine beutelschneiderische Sippschaft, eine lärmende Gesellschaft, Geier im Talar, Diebe und Seminaristen der Zwietracht“ (S. 88) und so weiter und so weiter…

Man muss ehrlich zugeben, dass die Lektüre auf die Dauer teilweise ermüdend ist: Der Autor wiederholt sich in seinen Ausfällen. Einzelne Lichtblicke gibt es jedoch immer wieder, zum Beispiel die Ausführungen über die Kraft der Imagination (S. 199 ff.) oder über das Menschenlos: „Mit Blindheit geschlagen sind wir in der Jugend, in der Mitte unseres Lebens mühen wir uns ab, am Ende steht der Kummer, und nur der Irrtum bleibt uns treu.“ (S. 219). Burton zeichnet also ein eher düsteres Bild vom Menschen.

Zwischen der Lehre der philosophisch-klassischen Tradition und der kirchlichen Doktrin schwankt er: Armut und Not muss er zwar christlich rechtfertigen, gar preisen, aber das wirkt nicht überzeugend (S. 279 ff.); in der Frage des Suizids trägt er zunächst dessen plausible Verteidigung durch bedeutende Autoritäten vor, um ihn schließlich aus christlicher Sicht abzulehnen (S. 328 ff.).

Für mich war es erhellend zu sehen, dass es auch im 17. Jahrhundert schon die Klage über zu lasche Examina, gekaufte Noten und nicht nach Tüchtigkeit vergebene Ämter gab; „es ist unsere Schuld und insbesondere die derjenigen, die an der Universität lehren“ (S. 272).

Ulrich Horstmann hat den ersten Teil des Werkes übersetzt (seit 1988, mehrere Auflagen); Auszüge aus dem dritten Teil des Werks sind 1952 unter dem Titel „Schwermut der Liebe“ erschienen (nur noch antiquarisch zu bekommen). Lohnt es sich, das Buch zu lesen? Das kommt darauf an, was man von ihm erwartet.

https://de.wikipedia.org/wiki/Anatomie_der_Melancholie

http://www.psychiatrie.de/bibliothek/buecher/depression/burton-schwermut/ (Besprechung)

http://www.welt.de/print-welt/article324938/Oh-Gott-wie-gehts-mir-schlecht.html (dito)

http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=6954 (dito)

http://www.deutschlandfunk.de/melancholische-welt.700.de.html?dram:article_id=81961 (dito)

http://www.literaturzeitschrift.de/book-author/robert-burton/ (dito)

http://www.biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/191-burton-robert (Burton und das Buch)

http://untier.de/robert-burton-anatomie-der-melancholie/ (viele Stimmen zum Buch)

https://www.novego.de/wissen/depression/was-ist-melancholie/ (über Melancholie)

Der komplette englische Text:

http://www.exclassics.com/anatomy/anatomy1.pdf

http://www.exclassics.com/anatomy/anatomy2.pdf

http://www.exclassics.com/anatomy/anatomy3.pdf

oder bei archive.org in verschiedenen Ausgaben, z.B.

https://archive.org/stream/anatomyofmelanch1868burt#page/n11/mode/2up (Vol. I)

https://archive.org/stream/anatomyofmelanc01burt#page/n9/mode/2up (Vol. I)

https://archive.org/stream/anatomyofmelanch02burtuoft#page/n5/mode/2up (Vol. II)

https://archive.org/stream/anatomymelancho06burtgoog#page/n6/mode/2up (Vol. III)

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