Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber – Besprechung

„Damals, es ist schon lange her, war ich noch sehr jung und lebte bei meinen Großeltern…“, so beginnt der Ich-Erzähler Mario seine Geschichte, deren einer Strang davon handelt, wie er sich als 18jähriger in die Schwester seiner angeheirateten Tante verliebt und sie schließlich gegen alle Widerstände heiratet. Diese Frau ist „Tante Julia“, eine 32jährige geschiedene Bolivianerin, die nach Lima/Peru gekommen ist, um einen neuen Mann zu finden. Der Ich-Erzähler studiert ein bisschen Jura, arbeitet als Nachrichtenredakteur beim Radio und möchte Schriftsteller werden; er schreibt auch eine Reihe von Erzählungen, die er jedoch alle wieder verwirft. Zu seinen Bekannten gehört auch das Unikum Pedro Camacho; der schreibt außerordentlich erfolgreich jede Menge Hörspiele, mit denen er beim gleichen Sender für hohe Einschaltquoten und damit hohe Werbeeinnahmen sorgt.

Dieser Erzählfaden wird in den ungeraden Kapiteln (I – XIX) gesponnen. In den Kapiteln mit den geraden Nummern erzählt ein auktorialer Erzähler wilde Geschichten von Leuten, deren Held jeweils gerade 50 geworden ist: „Er war ein Mann, der die Blüte seiner Jahre, nämlich die Fünfzig erreicht hatte, und in seiner Person – breite Stirn, Adlernase, durchdringender Blick von Güte und aufrechter Gesinnung – zeichnete sich seine ethische Reinheit in einer Haltung ab, die ihm sofort die Hochachtung aller Menschen sicherte.“ (S. 182 von suhrkamp taschenbuch 3903, 2007 – mit diesen Attributen wird in jeder Erzählung Camachos der Held geschmückt!) Man merkt, hier wird Schemaliteratur produziert, oder sagen wir es einfacher: Kitsch. Am Ende der Kapitel stehen Fragen wie in einem Fortsetzungsroman, die auf einen Fortgang des Geschehens zielen, der nie erzählt wird. So ab Kap. X kam mir der Verdacht, die geraden Kapitel könnten die Hörspiele sein, die von Pedro Camacho serienmäßig produziert werden, und ab S. 414 wird das dann auch zur Gewissheit.

Die Hörer des Radios und schließlich auch die Leser des Buches bemerken, dass die Geschichten Camachos immer verwirrter werden, dass Personen aus anderen Erzählungen in neuen Zusammenhänge auftauchen, dass „Tote“ auf einmal wieder agieren – kurz, Camacho hat die Übersicht verloren und landet schließlich im Irrenhaus.

Das ganze erzählte Geschehen dauert einige Monate; nur in Kap. XX nimmt der Ich-Erzähler wieder Abstand vom Geschehen und blickt nach seiner achtjährigen Ehe mit Julia auf diese Zeit und sein Leben in Europa zurück und endet in einem „Jetzt“ (S. 643), in dem er mit seiner Cousine verheiratet ist, Urlaub in Peru macht, die alten Bekannten (einschließlich Pedro Camacho, der nur noch kleine Botengänge macht) wieder trifft und mit ihnen essen geht.

Die südamerikanischen Feinheiten (Spannungen zwischen Peruanern, Bolivianern und Argentiniern) kann man als europäischer Leser natürlich nicht wirklich würdigen; neben den wilden Geschichten Camachos und der simplen Liebesgeschichte bleiben die verschiedenen Spielarten des Schreibens das relevante Thema: Nachrichten zurechtschustern, unreife „Erzählungen“ schreiben und dabei von der Schriftstellerexistenz in Paris träumen, Camachos triefende Vielschreiberei und schließlich – nur am Rande noch erwähnt – die Existenz des Ich-Erzählers als Schriftsteller, der in Europa lebt und jährlich nach Peru zu Besuch kommt, zurück zu den Wurzeln.

Insgesamt ein köstlicher Roman, den ich mit Freude gelesen habe und den man gut verschenken kann. Er ist 1977 in Barcelona erschienen, 1979 dann auf Deutsch unter dem Titel „Tante Julia und der Lohnschreiber“, ehe er in der Übersetzung Heidrun Adlers als „Tante Julia und der Kunstschreiber“ bei Suhrkamp herausgekommen ist. Es gibt eine neue Übersetzung von Thomas Brovot (2011).

https://de.wikipedia.org/wiki/Tante_Julia_und_der_Kunstschreiber

http://www.die-leselust.de/buch/vargas_llosa_julia.htm

http://www.vigilie.de/2011/mario-vargas-llosa-tante-julia-und-der-schreibkuenstler/

http://www.dieterwunderlich.de/Vargas-Llosa-tante-Julia-schreibkuenstler.htm

https://martinusliteratur.wordpress.com/2010/11/04/mario-vargas-llosa-tante-julia-und-der-kunstschreiber/

http://www.literaturmarkt.info/cms/front_content.php?idart=4187

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