A. Döblin: November 1918, Band 1: Bürger und Soldaten – Eindrücke

Alfred Döblin hat 1937-1943 seinen Roman über die deutsche Revolution 1918/19 geschrieben: „November 1918“. Der erste Band , „Bürger und Soldaten 1918“, ist 1939 erschienen. In ihm wird im Wesentlichen in vielen Episoden erzählt, wie der Erste Weltkrieg in Straßburg endet (vom 10. – 24. November); diesen ersten Band habe ich bisher gelesen; man kann den Inhalt nur grob umschreiben: wie die Elsässer sich auf die neue Situation einstellen; wie Verwundete und Ärzte das Kriegsende erleben; wie revolutionäre Matrosen aus Wilhelmshaven die Revolution ins Elsass bringen wollen; wie die deutschen Truppen sich zurückziehen und nach Deutschland durchreisen; wie Bauern und Schieber an der Not der Menschen verdienen; wie Frauen von ihren Männern getrennt werden; wie die französischen Truppen als Befreier begrüßt werden…

Ich möchte auf einige bemerkenswerte Stellen im Band 1 („Bürger und Soldaten“) hinweisen, damit man davon einen ersten Eindruck gewinnt:

  1. Im Kapitel „Mittwoch, der dreizehnte“ sprechen die verwundeten deutschen Soldaten Becker und Maus über Schwester Hildegard miteinander: „Sie hat auch ihren Knacks.“ – „Wie wir alle.“ – „Wegen Richard. Und, nun ja, wegen Deutschland. Alles umsonst. Alles hin. Der ist tot, ich hab’ meine Schulter, du dein Kreuz, und was hier herumliegt und herumkriecht.“ – „Und was in der Erde liegt.“ – „Ja, Becker, alles umsonst. Es ist schon wahr. Ist das zu denken?“ (S. 107)

Hier wird für mich eine Enttäuschung sichtbar, in der sich die Menschen (die Deutschen) nicht mit der Sinnlosigkeit des Umsonst, der ganzen Opfer abfinden können.

  1. Im gleichen Kapitel finden wir eine erzähltechnische Besonderheit: Der Erzähler wendet sich als „der Dichter“ in Ich-Form an eine Frau namens Hanna: „Warum so nervös, liebes Kind? Warum sich das Leben so schwer machen. Sie haben zuviel Phantasie. Und andererseits haben Sie zuwenig Phantasie, sonst wüßten Sie zum Beispiel: Sie werden bald aufstehen, sich verzweifelt in der Wohnung umsehen, ob nicht jemand da ist, der Ihnen helfen kann, mit dem Sie sprechen könennen, vor dem Sie etwa weinen können. (…) Aber da ist noch etwas, woran Sie nicht zu rühren wagen. Soll ich es verraten? Sie haben es in Ihrem letzten Brief, der nach auf dem Tisch liegt, erwähnt, aber nicht klar gesagt. Die beiden Särge mit den erschossenen Soldaten sind an Ihrem Haus vorbeigefahren! Wer hat sie erschossen, wer war der Mörder? ‚Mörder’, sprechen wir es aus. Eine Weile tun Sie so, als ob es Sie nichts angeht, dann faßt es Sie an. Sie wissen nicht warum und was es ist. Zwei Menschen gemordet von ihm, von Hans. (…)“ (S. 114-116)

Das ist die einzige Stelle im ganzen Band „Bürger und Soldaten“, wo der Erzähler als Figur auftritt; dabei ist nicht klar, ob Hanna ihn hören kann – vermutlich kann sie ihn nicht hören, er spricht sie sozusagen kommentierend an und erzählt ihr auch von anderen, „nur durch meinen Hauch mit Ihnen zusammengebrachten, matten und wieder aufgeweckten“ Frau, der Operationsschwester Hilde (S. 116, bis S. 117). Eine bemerkenswerte Passage.

  1. Im Kapitel „Zu Boden“ wird u.a. erzählt, dass das englische Unterhaus in die Parlamentskirche zieht, um Gott für die Befreiung aus großer Gefahr zu danken. Im Gesang hören sie dann Gott sprechen: „Ich habe mich nicht gezeigt, so lange ihr Krieg führtet. Ich habe mit Tobsüchtigen und Verbissenen nichts zu tun. Daß die Menschen von mir abgefallen sind, weiß ich schon lange. (…) Euer Geschrei und Glockenläuten macht auf mich nicht den mindesten Eindruck. Aber weil ihr Dankbarkeit fühlt, höre ich euch an. Ihr fühlt, wie wohl dies tut. Ich traue euch nicht. Ich traue euch nicht.“ (S. 208)

Hier hat der auktoriale Erzähler den Mut, Gott selbst sprechen und zum Krieg Stellung nehmen zu lassen.

  1. Im Kapitel „Teure Heimat, sei gegrüßt“ trifft der verwundete Becker in Berlin bei seiner Mutter ein. Im Gespräch kommt seine Enttäuschung über die Flucht des Kaisers und das Verschwinden der Fürsten zum Ausdruck: „Wie konnte das vernichtet werden und verschwinden, Mutter, wie ein Staub, den man wegbläst, das, was Millionen von uns in den Krieg geschickt hat und opferte und tötete jung und alt, und das verschwindet wie ein Gespenst beim Hahnenkrähn, das Reich, das deutsche Reich, der Rahmen unseres Daseins. (…) Welche Entlarvung, Mutter. (…) Welche Schamlosigkeit, und sie waren unser Halt, der Rahmen unsres Daseins.“ (S. 242 f.)

Diese Stelle drückt die gleiche Enttäuschung wie die oben als erste genannte aus.

  1. Eindrucksvoll ist die Beschreibung der Großstadt Berlin im Kapitel „Schmeißfliegen und Leichenfledderer“: Es ist eine gewaltige Stadt. „Fabriken und Werkstätten, Kaufläden, Magazine, Schlachthöfe, Molkereien hatten sich hier entwickelt. Gasleitungen, Lichtdrähte waren gezogen, Wasserleitungen, Kanalisation verbanden die Häuser. Unaufhörlich fuhren Untergrundbahn, Elektrische, Autobusse in der Stadt hin und her, Telefonleitungen spannten sich zwischen Menschen entfernter Stadtteile, sie konnten sich von ihren Zimmern aus unterhalten.“ (S. 258) Im Fortgang dieser Analyse wird die Bedeutung der Arbeit für die Menschen herausgestellt, ihre Gier nach Arbeit. „Sie wühlten sich, um sich aufzupeitschen und weil sie nicht wußten, was mit ihnen war, in Zeitungsgeschrei ein, das gab ihnen Ärger, Haß und Groll, manchmal Spaß, Schadenfreude. Sie betraten Kinos und ließen sich Liebe, Schönheit und Abenteuer vormachen. Auf der Straße begegnete ihnen die Prostitution. Man setzte sich in einen Zirkus, wo sich Boxer niederschlugen.“

Insgesamt ist das eine brillante Analyse der Großstadt – und des modernen Menschen, finde ich.

  1. Im Kapitel „Die letzten Tage von Straßburg“ gibt es einen Erzählerkommentar zur Lage: „Geschlagenes Deutschland. Es wird keinem Volk ein größeres Glück zuteil, als wenn es seinem Hang nach Erhöhung nachgehen kann. Nur zu kauen und zu verdauen gefällt schon dem einzelnen nicht. Ein Volk gedeiht nicht sicher in seinen Gliedern, wenn es nicht aus sich heraus die hoheitsvollen Gestalten und Gebilde schaffen kann, an denen es wächst. / Zu einer äußersten Probe, übermütig und gedankenlos, hatte sich das deutsche Reich gestellt. Seine Menschen und Reichtümer, Jugend und Alter, Erzeugnisse der Felder und Bergwerke, Erfindungen der Laboratorien hatte es in den Kampf geworfen. Es war sicher, den Strauß zu gewinnen. Es war besiegt worden. Nun war das Land nicht gestorben, seine Mittel nicht erschöpft. Aber seine Seele hatte es, ohne es zu merken, in den Entscheidungskampf geworfen. / Dem alten Riesen, dem noch Rumpf und Glieder zuckten, war, so schien es, der Schädel eingeschlagen.“ (S. 283)
  2. im Kapitel „Kleine Tagesnachrichten, Berlin“ spottet der Erzähler über den „Rat der geistigen Arbeiter“. Ein Mitglied des Rats verliest am 20. November ein Manifest, das vom Erzähler kommentiert wird: „Es ist an der Menschheit in einer ungeheuren Weise gesündigt worden. (Unzweifelhaft!) (…) Die Gefallenen, brüderlich vereint, sind friedlich und still. (Kitsch) Auch für uns hat der Waffenkampf aufgehört, nicht aber der Kampf um Sein oder Nichtsein unseres Volkes, dieses Volkes, das einer künftigen gerechten Zeit in einer Glorie erscheinen wird. (Heil dir im Siegerkranz.) (…)“ (S. 299) Und so geht das Gelaber weiter, noch eine ganze Seite lang.
  3. Im Kapitel „Vom tiefen und gefährlichen Deutschland“ wird von Barrès und einigen Elsässern das Verhalten der deutschen Führung analysiert: Weder die Oberste Heeresleitung noch die Hohenzollern sind zu den Waffenstillstandsverhandlungen erschienen, sie schicken andere vor: „die Verantwortung abwälzen, sich den Konsequenzen entziehen. Den braven Herrn Erzberger hat man dann für später als Prügelknaben.“ (S. 349) Aus dem gleichen Grund unternehme die Armee nichts gegen die Revolutionäre (S. 350) – hier spricht der politische Beobachter Döblin mit seiner Kenntnis der 20er Jahre aus seinen Figuren.

http://www.alfreddoeblin.de/sixcms/media.php/690/Werkbeitrag_November%201918.pdf (Besprechung)

http://www.berlinerliteraturkritik.de/detailseite/artikel/november-1918-zwischen-geschichte-und-fiktion.html (zur Neuausgabe des Romans, 2008)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/das-leben-radikal-anders-denken-1731194.html (dito)

http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12507 (dito)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40607341.html (zum vollständigen Erscheinen 1978)

https://www1.wdr.de/kultur/buecher/november-karl-und-rosa-104.html (Hörspiel des WDR)

http://www.vigilie.de/2009/alfred-dblin-november-1918-1/ (zu Bd. 1)

http://www.vigilie.de/2009/alfred-doblin-november-1918-4/ (zu Band 4)

P.S. Wer den Roman lesen möchte, dem empfehle ich, auf die Figur Becker und seine Umgebung zu achten; Becker ist die Hauptfigur des ganzen Romans.

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