A. Döblin: November 1918, Bd. 4: Karl und Rosa – Eindrücke

Alfred Döblin hat 1937-1943 seinen Roman über die deutsche Revolution 1918/19 geschrieben: „November 1918“, der 1949/50 erstmals ganz veröffentlicht wurde. Der vierte Band heißt „Karl und Rosa“; ich beziehe mich auf die Ausgabe dtv 1389 (München 1978). Ein Teil der Ereignisse ist von „Bonaventura“ nacherzählt worden: http://www.vigilie.de/2009/alfred-doblin-november-1918-4/ Mit rund 650 Seiten ist der vierte Band der umfangreichste des ganzen Epos; ich kann nur grob eine Übersicht über das erzählte Geschehen geben (Fortsetzung von https://norberto42.wordpress.com/2016/07/11/a-doeblin-november-1918-bd-3-heimkehr-der-fronttruppen-eindruecke/).

Da ist einmal der politische Themenkreis:

  • Ebert als Mensch, negativ gezeichnet, und sein Verhältnis zu den Militärs, die ihn als Werkzeug sehen;
  • Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die zunächst im Gefängnis sitzen, dann freigelassen werden und im Moment der revolutionären Erhebung (6. Januar 1919) versagen;
  • Noske und das Militär – Noske wird einfach als „brauchbar“ charakterisiert, er nimmt es auf sich, Militär zu organisieren und die Revolution niederzuschlagen;
  • Der 6. Januar als der Tag, an dem die Revolution möglich ist und an dem Spartakus versagt, weil Liebknecht ein Zauderer ist und Rosa Luxemburg an den Primat der sozialen, nicht der politischen Revolution glaubt.

Mit dem Politischen vermischen sich private Schicksale:

  • Rosa Luxemburg hängt an ihrem toten Freund Hannes, der ihr als Geist erscheint, ihren Körper benutzt und sich schließlich verflüchtigt, weil er seine Fehler bereut – als schließlich auch noch Satan ihr erscheint, wird die Serie der Geistererscheinungen und -existenzen etwas unübersichtlich.
  • Die Hauptfigur ist Becker, der in der Schule seinen Dienst antritt und in der Besprechung der „Antigone“ die Absolutheit des Staates bestreitet, was ihm seine konservativen Schüler und deren Eltern übelnehmen. Als er sich dann noch für seinen homophilen Direktor und den von ihm geliebten Schüler einsetzt, wird seine Situation in der Schule unhaltbar. Über den Schüler Heinz wird er schließlich in die Kämpfe um das Polizeipräsidium am 12. Januar hineingezogen; aus menschlicher Solidarität kämpft er auf Seiten der Spartakisten mit, wird verwundet und gefangen genommen. Die von Maus erwirkte Freilassung lehnt er ab; Hildegard befreit ihn als „Krankenschwester“ in einem Coup. Nach drei Jahren im Gefängnis fasst er nirgendwo richtig Fuß. Auch als Erzieher sieht er keine Möglichkeiten: „Was will man denn, was wollen die Eltern, das Volk, der Staat? Aufbau, Wohlstand, friedliche Verhältnisse, wie vor dem Krieg, und die Kinder und die Schüler sollen wir darauf ausrichten, das heißt, wir sollen sie betrügen und bewußtlos machen. Mag sich dazu hergeben, wer will. Es läßt sich auch nicht durchführen. Der Krieg läßt sich nicht übersehen. Er ist noch da.“ (S. 629): Er ist noch da, weil die Revolution gescheitert ist und die alten Machthaber noch/wieder oben sitzen. Er verkommt schließlich, nachdem er über drei „Fallstricke“ gestolpert ist – dieser Schluss erscheint mir nicht recht gelungen, „das Weib“ als Fallstrick passt nicht zu ihm. Er ringt um seine geistlich-christliche Existenz; er zieht als Tramp durchs Land. Satan und auch Tauler erscheinen, der Engel Antoniel geleitet ihn vermutlich doch zum Himmel. Seine Leiche wird ca. 1929 in Hamburg in den Hafen geworfen.
  • Maus ist zunächst noch als Offizier aktiv, heiratet Hilde, bekommt ein Kind und beginnt ein Studium in Karlsruhe. Er begegnet mehrfach Becker in verschiedenen Situationen.

Rein privat wird das Verhältnis von Stauffer und Lucie geklärt: Sie werden menschlich, kommen aus dem siebten Himmel auf der Erde an, haben ihre Schwächen und Macken und arrangieren sich in Liebe; auch werden verschiedene „Gerüchte“ über sie erzählt, so dass am Ende nicht ganz klar ist, was nun wirklich aus ihnen geworden ist.

Aus Rosas Sicht wird erklärt, was ein Geist wie Hannes ist: „Ein Tier bleibt Tier, eine Pflanze Pflanze. Aber ein Geist wechselt Form und Gestalt, nach dem, was ihn treibt und beschäftigt, und da ist ja kein Unterschied zwischeninnen und außen.“ (S. 89)

Ironisch-bildhaft wird Friedrich Ebert als der große Verhinderer charakterisiert: „Wilhelm der Zweite konnte nach Holland fahren, die anderen Fürsten konnten sich im Land verstecken. Es blieben Generale und Behörden. Wie wucherten fröhlich weiter als Ableger des alten Baumes. Es bliebt auch der Boden, das arbeitsame Volk, das gern gehorchte. / Und dann war da Friedrich Ebert. / Friedrich Ebert ließ sein Antlitz über dem herrenlosen Land leuchten. Ihm lag daran, hier nicht zu stören. Ihm lag daran, zu verhindern, daß etwas geschah, und was geschehen war, ungeschehen zu machen.“ (S. 107) Ähnlich ironisch werden die blauäugigen revolutionären Matrosen beschrieben (im Kapitel „Massenverhör im Finanzministerium“), später noch einmal Ebert („Ebert brütet Rache“).

Eindrucksvoll kommentiert der Erzähler, wie einen die Zeit verändert, hier am Beispiel Becker: „Welche Hinterlist steckt in der Zeit! (…) Sie verschiebt, verändert und verwirrt die Menschenherzen, und nicht nur die Menschenherzen, sondern alles bis in die Eingeweide und Knochen hinein. Sie gibt dir keine Möglichkeit zu sagen: ‚Das bin ich, und nun bin ich es, und zwar bin ich Herr X oder Frau Y.’“ Sie folgt einem wie ein Kriminalbeamter, wie ein Schatten, dem man schließlich alles gesteht, „was er will – und er hat Sie.“ (S. 180/82)

Der Versuch, den Polizeipräsidenten Eichhorn zu entlassen, wird surreal erzählt („Die Affäre Eichhorn“): „Die Zentralräte hatten sich mit dicken Mappen bewaffnet, aus denen sie, wie aus einer Pandorabüchse, lauter Übel und Kränkungen für Eichhorn hervorholten, für den Gast, der dazu extra vom Alexanderplatz hergefahren war. Jeder griff in die Taschen, zauberte ein neues Übel hervor. Sie waren mehr als Zentralräte: Zentralmagier.“ (S. 266 – so geht es durch das ganze Kapitel!) Surreal und sehr schön wird im Kapitel „Mitternacht in der Siegesallee“ erzählt, wie die Hohenzollern von den Sockeln herabsteigen und die Toten des Krieges sich auf die Hohenzollern stürzen, bis um Punkt 1.00 Uhr die Victoria dem Spuk ein Ende macht.

Die Sympathie des Erzählers für die Revolution wird an vielen Stellen deutlich (z.B. in „Die Revolution marschiert“): Der Revolutionssauschuss war „die erste Regierung einer deutschen Republik, eine Regierung gegen Generale, Junker und Schlotbarone und gegen den kommenden Krieg“ (S. 326 – hier merkt man, dass Döblin aus der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs heraus seinen Roman vollendet hat). Sarkastisch wird im Kapitel „Die Regierung, von keinem Terror gehindert“ deutlich gemacht, wie das Volk über die Morde an Luxemburg und Liebknecht belogen wird. (S. 599 ff.)

Ich kann nicht beurteilen, ob die Charaktere der historischen Figuren des Buches richtig gezeichnet werden und wie weit die erzählten revolutionären Ereignisse einer historischen Überprüfung standhalten. Als Manko meinerseits empfinde ich, dass ich Berlin nicht gut kenne – man müsste bei der Lektüre des vierten Bandes die Erzählung fortlaufend mit dem Blick in einen Stadtplan verfolgen.

Neben den verschiedenen Geistern tauchen viele Bibelzitate auf, mit denen vor allem Becker sich auseinandersetzt. Der geistliche Weg Beckers ist so komplex, dass man ihn in einer zweiten Lektüre eigens überprüfen müsste; man müsste zu Beginn der Lektüre bereits wissen, dass er die Hauptperson ist, dann könnte man genauer auf ihn achten; denn in der Fülle der erwähnten Figuren gehen einzelne von ihnen leicht unter.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/das-leben-radikal-anders-denken-1731194.html (Rezension des Romans, 2008)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40607341.html (Rezension Hans Mayers, 1978)

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=8579:karl-und-rosa-bonn&catid=38:die-nachtkritik&Itemid=40 (der 4. Band als Theaterstück)

Über Alfred Döblin:

https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_D%C3%B6blin

https://www.deutsche-biographie.de/sfz11475.html („Bis zur Konversion zum Katholizismus und seinem letzten großen Roman „Hamlet oder die lange Nacht nimmt ein Ende“ (1957) spannt sich ein Bogen stilistischer und sprachlicher Experimente, mit dem Ziel, durch die Dichtung eine neue ethische und metaphysische Ordnung zu gewinnen.“)

http://www.ursulahomann.de/EinAutorIstNeuZuEntdeckenAlfredDoeblin/kap001.html

http://www.judentum-projekt.de/persoenlichkeiten/liter/doeblin/index.html

http://www.glanzundelend.de/Artikel/abc/d/alfred_doeblin.htm (Döblin-Biografie; vgl. zur Position des Sohnes Stephan http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/alfred-doeblins-sohn-stephan-der-traurige-nachzuegler-des-beruehmten-vaters-1908335-p2.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2)

http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16241 (dito, mit Antwort: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16280 und Interview: http://www.buchjournal.de/477332/)

http://www.alfred-doeblin.de/ (Alfred-Döblin-Gesellschaft)

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