Borchert: Nachts schlafen die Ratten doch – kurze Interpretation

Ich beziehe mich auf eine Textausgabe, die 87 Zeilen umfasst – danach kann man schätzen oder berechnen, wo die Belege in der eigenen Ausgabe stehen müssten.

Thema:

Es wird erzählt, wie es einem älteren Mann während des Krieges im Gespräch gelingt, aus einem neunjährigen Jungen in der Haltung eines wachsamen Kriegers wieder ein Kind zu machen, das sich über ein Kaninchen freut und bereit ist, am Abend nach Hause zu gehen.

Gang des Gesprächs:

Das Geschehen spielt in einer Trümmerlandschaft während des Krieges (Z. 1 ff.). Jürgen, ein Junge, tritt anfangs wie ein Soldat auf: Er bewacht etwas (aufpassen, Z. 13; mit Stock, Z. 14 f.; er raucht, Z. 42 f.). Der ältere Mann (Z. 9), der Kaninchenfutter gesammelt hat (Z. 9 f., 25 f.), bestimmt das Gespräch. Er eröffnet es mit Fragen an den neunjährigen Jürgen (Z. 12, Z. 28), die dieser zurückhaltend beantwortet (Z. 11 ff.); der will nicht preisgeben, worauf er aufpasst (Z. 16 ff.).

Über eine Anspielung auf das von ihm gesammelte Kaninchenfutter (Z. 22 ff.) und eine Kopfrechenaufgabe (Z. 27 ff., mit Lob verbunden, Z. 26) leitet er zu seinem Angebot über, Jürgen könne seine Kaninchen sehen (Z. 35 – das Angebot zielt auf das Kind in Jürgen). Als der Junge erneut auf seine Verpflichtung aufzupassen verweist (Z. 36), geht der Mann einen Schritt weiter und stellt die „irreale“ Möglichkeit dar, Jürgen hätte sich ein Kaninchen aussuchen können (Z. 45 f.).

Dieses Angebot stimmt Jürgen traurig, weil er es nicht annehmen kann, und bringt ihn dazu, sein erstes Geheimnis preiszugeben: „[E]s ist wegen den Ratten“ (Z. 50). Auf weitere Fragen erzählt er dann, dass er seinen verschütteten kleinen Bruder bewacht, damit die Ratten ihn nachts nicht auffressen (Z. 56 ff.). An dieser Stelle bekommt der Mann „plötzlich“ (Z. 61) die Idee, wie er Jürgen vollends erreichen kann: „Nachts schlafen die Ratten doch.“ (Z. 64 f. – eine Lüge: Ratten sind nachtaktiv!) Er stellt Jürgens Lehrer, der von den menschenfressenden Ratten gesprochen hat, als unwissend dar (Wiederholung, dass die Ratten nachts schlafen, Z. 62 ff.); damit stimmt er Jürgen um, der auf einmal „müde“ aussieht (Z. 63) und bei den von ihm gemachten Kuhlen an Betten denkt (Z. 68 – Wortfeld: nachts, müde, Betten, dunkel, Z. 63 ff.).

Der Mann macht dann seinen letzten Schritt auf Jürgen zu: Er schlägt ihm vor, ihn abzuholen, wenn es dunkel wird, und ihm ein Kaninchen mitzubringen (Z. 70 ff.). Jürgen denkt an kleine Kaninchen (Z. 72 f.) und geht auf das Angebot ein: „Da stand Jürgen auf“ (Z. 76 – Signal der Wandlung) und bittet von sich aus um ein weißes Kaninchen (weiß: Kontrast zum Dunkel der Trümmerlandschaft, Z. 1 ff.); der Mann besiegelt den Pakt, indem er vorschlägt, Jürgen am Abend nach Hause zu bringen – angeblich um dessen Vater zu erklären, wie man einen Kaninchenstall baut (Z. 79 f.). Damit ist die Wandlung Jürgens vollendet: „Ja, rief Jürgen, ich warte.“ (Z. 81)

Zum Schluss erwähnt der Erzähler noch einmal das grüne Kaninchenfutter (grün: Farbe des Lebens), das allerdings ein wenig (!) grau von Schutt ist.

Sprache:

Beachtung verdienen die Kürze der Sätze, ihre einfache Aufreihung, die Personifikationen zu Beginn (Z. 1-3), die Farbsymbolik.

Das Gespräch in Alltagssprache wird durchweg zeitdeckend erzählt; der allwissende Erzähler kennt auch die Gedanken Jürgens (z.B. „dachte er“, Z. 6). An einer Stelle werden die Gedanken Jürgens personal, also ohne ein einführendes Verb des Denkens vorgetragen (Z. 72 f.)

Erläuterung: Früher hat man Kaninchenfutter nicht im Laden gekauft, sondern Grünzeug am Feldrand oder auf Wiesen selber geschnitten (vor allem Löwenzahl, wenn ich mich recht entsinne). Viele Leute hatten Kaninchen, damit sie nicht immer das Fleisch für den Sonntagsbraten kaufen mussten; unter der Woche erinnerte nur noch die Soße an den Sonntagsbraten.

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