Sibylle Lewitscharoff: Blumenberg – Besprechung

Zunächst hatte ich angefangen, Lewitscharoffs neuen Roman „Das Pfingstwunder“ (2016) zu lesen; in diesem Buch wird von einem Kongress der Danteforscher erzählt, von denen 33 vom Heiligen Geist erfüllt und hinweggetragen werden, während einer als Zeuge des Geschehens übrig bleibt. Das war mir zu dumm; so bin ich dem Ratschlag gefolgt, um Lewitscharoff kennenzulernen, solle man lieber den Roman „Blumenberg“ (2011) lesen.

In diesem Roman erzählt eine weithin ungreifbare, sich nur selten direkt einmischende Stimme einmal von dem großen Philosophen Blumenberg, seiner nächtlichen Arbeit und seinen Vorlesungen; diesem Blumenberg erscheint ein Löwe, ein Bote und Repräsentant des Göttlichen, in seinem Arbeitszimmer. Er taucht gelegentlich auch in der Vorlesung auf, ist aber nur für Blumenberg sichtbar (und für eine alte Nonne, die er zufällig trifft). Ferner gibt es eine Studentin und drei Studenten Blumenbergs, die allesamt vorzeitig zu Tode kommen. Am Ende stirbt auch Blumenberg, worauf er eine diffuse Zeit in einem Fegefeuer-Hades verbringt, um am Ende vom Löwen mit einem Prankenschlag „in eine andere Welt“ (S. 216) gerissen zu werden.

In einem nächtlichen Telefonat mit einem befreundeten Redakteur ringt Blumenberg mit der Unmöglichkeit, dem Redakteur von der Erscheinung des Löwen zu berichten. „Der Einbruch des Absoluten war nicht mitteilbar.“ (S. 146) Was Blumenberg nicht gelingt, gelingt nach meiner Einschätzung auch Sibylle Lewitscharoff nicht: Wieso sollte „das Absolute“ in Gestalt eines Löwen erscheinen? Zwar werden gleich zu Beginn von Blumenberg vergeblich allerlei Löwen-Bilder der Tradition zum Verständnis seines Löwen herangezogen (S. 12-17), indirekt von der Autorin zur Legitimation der Gestalt des Löwen – aber das ist Kulturgeschichte, also Vergangenes, nichts Lebendiges, nichts Glaubwürdiges. „Vor allem: glaubte er an die Beweiskraft des ihm widerfahrenen Wunders (…)?“ (S. 87) Blumenberg glaubt nicht daran, kann sich der Realität des Löwen aber nicht entziehen. Ich glaube auch nicht daran, kann aber die Beweiskraft der Erzählung vom realen Löwen bestreiten. Ein Wunder, Seinszufriedenheit, Kraftstrom, Himmelsflucht, Zuversichtsgenerator, Befreiung von Angst und Neid, Wiedergewinn der Weltgunst (S. 122 ff.), „die nie versiegende Zusicherung, das Netz der über Himmel und Erde geworfenen Namen, welches die Menschen zu ihrer Beruhigung ersonnen hatten, sei (…) reißfest“ (S. 132) – all das wird als Folge der Erscheinung von Blumenbergs Löwen für mich nicht plausibel. Kurz vor seinem Tod sieht Blumenberg sich als besiegt an „und [er] konnte keinen Trost daraus ziehen, daß die echte , die wahre Geschichte immer zu den Füßen der Besiegten saß, die den Tod vor Augen hatten“ (S. 200): Solche spekulativen Sätze verstehe ich einfach nicht, ich kann mir dabei nichts denken.

Als Roman über den Professor Blumenberg ist das Buch sympathisch, als Bild der Studenten von 1982 und den folgenden Jahren mäßig gelungen: Sie sterben alle verfrüht; das wird auch durch die Berufung der erzählenden Stimme auf die Pflicht, „auch das Unwahrscheinliche wahrheitsgetreu zu verzeichnen“ (S. 197), nicht besser – hier mogelt die Autorin, indem sie sich hinter die Erzählstimme flüchtet.

Eines weiß ich jetzt aber, was ich vorher nicht wusste: wer Agaue ist (https://de.wikipedia.org/wiki/Agaue).

http://www.rulit.me/books/blumenberg-read-433531-1.html Text des Romans

Rezensionen:

http://www.zeit.de/2011/37/L-B-Lewitscharoff (positiv, verständnisvoll, sublim kritisch)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/sibylle-lewitscharoff-blumenberg-zu-grosse-naehe-kann-alles-zerstoeren-11483802.html (aus guter Blumenberg-Kenntnis geschrieben: begeistert, verständnisvoll)

http://culturmag.de/rubriken/buecher/sibylle-lewitscharoff-blumenberg/36245 (aus guter Blumenberg-Kenntnis geschrieben: kritisch)

http://www.lesemond.de/titel/lewitscharoff_sibylle_blumenberg.html (voller Lob, mit kritischen Tönen)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-80652420.html (sehr knapp, bewundernd)

http://www.belletristik-couch.de/sibylle-lewitscharoff-blumenberg.html (inhaltlich viele Details, kritisch)

http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/blumenberg-r.htm (zwei unterschiedliche Rezensionen aus Österreich)

https://www.welt.de/kultur/article13613651/Sibylle-Lewitscharoff-weiss-alles-ueber-einen-Loewen.html (kritisch, klug)

http://www.nzz.ch/der-loewe-ist-los-1.12468199 (dezent lobend)

http://www.tagesspiegel.de/kultur/kritik-trost-sollen-mir-die-loewen-spenden/4596630.html (verständnisvoll, kritische Randbemerkungen)

https://www.youtube.com/watch?v=U80brmLEPsQ (Michael Reitz: Die Metaphernlehre des Philosophen)

Löwe als Symbol und Metapher:

Löwe,  Symbol mit ambivalenter Bedeutung. Einserseits sind Löwe und Lamm Symboltiere für  Christus, oft mit * Kreuzstab oder * Kreuzfahne dargestellt (der Löwe auch Symbol  für den Evangelisten * Markus), anderseits wird der Löwe als Sinnbild des  Bösen, wie Drache, Basilisk und Aspis, von Jesus zertreten. Als profanes Symboltier  versinnbildlicht der Löwe so wie der Adler Macht und Herrschaft. Da die Sonne zur  Zeit der Nilüberschwemmung ins Sternbild des Löwen tritt, brachte man den Löwen  in Ägypten auch mit Wasser in Verbindung, ein Aspekt, der von Griechen und  Römern übernommen wurde. Löwendarstellungen dienten deshalb oft als  Wächterfiguren bei Quellfassungen. Der Löwe ist auch eines der Tierkreiszeichen. (http://www.beyars.com/kunstlexikon/lexikon_8834.html)

In Bibel und Tradition Symbol für (Königs-) Macht, Gefährlichkeit, für Teufel (1 Petr 5,8) und Hölle („Rachen des Löwen“), aber auch für die schützende Kraft Gottes (Hos 5,13). Jesus wird „Löwe aus dem Stamme Juda“ (Offb 5,5) genannt. Der Löwe, der mit dem Schweif seine Spuren verwischt, ist Sinnbild für die geheimnisvolle Herkunft Jesu (Menschwerdung Gottes). Auch Auferstehungssymbol, weil man meinte, er könne mit offenen Augen schlafen und er könne seine totgeborenen Jungen durch Anatmen am dritten Tag zum Leben erwecken. Der Löwe ist Symbol für den Evangelisten Markus und Attribut des hl. Hieronymus, der mit einem Löwen zusammengelebt haben soll. (http://members.aon.at/veitschegger/texte/tiersymbole.htm)

http://www.symbolonline.de/index.php?title=L%C3%B6we

https://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%B6we_(Wappentier)

https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/loewe/ch/51ea10888462ee02e8d4ae4924ba941d/

https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:L%C3%B6we_in_der_Kunst (Löwe in der Kunst)

http://www.symbole-andreaskirche.de/lowensymbolik.html

http://www.uni-regensburg.de/Uni/Virtuell/Lektion8neu.pdf (Bildhaftes Sprechen)

(https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/bildworte-bildreden-at/ch/a30723083da75fca491a34cb2ade46de/)

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