Die Wortproblematik, ein Motiv in „Faust I“

Eines des beherrschenden Motive des Dramas ist Fausts Misstrauen gegenüber dem Wort bzw. der Wahrheit der Worte; dieses Misstrauen kann man aus dem „Sturm und Drang“ (Rebellion des Gefühls gegen die „Aufklärung“ und die geordnete Welt der Väter) verstehen, es hat aber auch in der mittelalterlichen Philosophie seine Vorgeschichte („Nominalismus“, s.u.).

  • Das erste Mal taucht das Motiv in der Szene „Nacht“ (bereits im Urfaust!) auf. Der Gelehrte Faust beklagt, „daß wir nichts wissen können“ (V. 385), er will nicht mehr bloß „in Worten kramen“ (V. 385), sondern unmittelbaren Zugang zur lebendigen Natur finden („Ich fühle Mut…“, V. 464). Vgl. auch das „Meer des Irrtums“ (V. 1065), in dem Faust und sein Vater sich bewegt hätten.
  • Im Gespräch mit Wagner, dem Stubengelehrten und Bücherfanatiker, vertritt Faust den Primat des Verstands und des rechten Sinnes gegenüber bloß angelernten Wörtern (V. 550-565).
  • Ebenso grundsätzlich wie in der Nacht-Szene sind seine Bedenken gegen den Anfang des Johannesevangeliums: „Im Anfang war das Wort.“ (Joh 1,1) Dem kann Faust in seiner Bibelübersetzung nicht zustimmen, lieber verfälscht er den Text (V. 1224-1237).
  • Mephisto kennt Faust und spielt mit dessen Misstrauen gegenüber der Wahrheit des Wortes, als Faust sich nach dem Namen seines Gastes erkundigt (V. 1327 ff.): Geplänkel am Rande.
  • Faust verteidigt gegen sein sonstiges Misstrauen das „Manneswort“ als wahr und glaubwürdig, als Mephisto eine schriftliche Abmachung einfordert (V. 1716 ff.).
  • Damit zu vergleichen ist Fausts Widerstand, als Mephisto ihm rät, vor Marthe ein falsches Zeugnis über den Tod ihres Mannes abzulegen (V. 3033 ff., „Straße“). Faust verwahrt sich heftig dagegen (V. 3039), worauf Mephisto spöttisch daran erinnert, dass Faust als Gelehrter doch auch von Gott und der Welt (beliebige, also nicht richtige) Definitionen „mit großer Kraft gegeben“ (V. 3045) habe.
  • Mephisto greift in einem auf den nächsten Tag vor: Faust werde Gretchen mit seinen Liebesschwüren betören und belügen (V. 3051 ff.); Faust verteidigt das Recht zu solchen Schwüren und Beteuerungen, indem er auf die Tiefe und Glut des Gefühls verweist, das man zu Recht „ewig, ewig nenne“ (V. 3065 – vgl. auch den Gesang der drei Erzengel, die von Gott bekennen, dass „keiner dich ergründen mag“, V. 268, dort allerdings eher im Zusammenhang der Theodizeefrage).
  • Glänzend drückt Mephisto in der Schüler-Szene im „Studierzimmer“ die Problematik der Worte aus, als er satirisch ihren unkritischen und auch sinnlosen Gebrauch einfordert (ab V. 1910, speziell V. 1948 ff. und 1988 ff. – vgl. auch Wagner, die Karikatur eines Gelehrten).
  • Das Motiv taucht auch in der Polemik Mephistos gegen den christlichen Glauben an Gottes „Dreifaltigkeit“ auf (V. 2560 ff.): „Gewöhnlich glaubt der Mensch … wenn er nur Worte hört.“
  • Im „Garten“ turteln Gretchen und Faust; Gretchen befragt das Blumenorakel, mit dem Ergebnis „Er liebt mich!“ (V. 3183). Faust wertet dieses „Blumenwort“ als wahren, gültigen „Götterausspruch“ (V. 3184 f.), und sein (fühlbarer) Händedruck soll sagen, was in Wahrheit „unaussprechlich“ ist (V. 3189 f.).
  • In „Marthens Garten“ wird Fausts Rechtgläubigkeit überprüft. Faust lehnt es ab, sich auf ein Glaubensbekenntnis festlegen zu lassen (V. 3426 ff.), und verteidigt seine Position wortreich (speziell V. 3451 ff. – in Parallele zur Unaussprechlichkeit der Liebe), ohne Margarete allerdings überzeugen zu können (V. 3466/68).

 

Ich habe nur ein Papier zur Wortproblematik bei Goethe gefunden:

https://www.researchgate.net/publication/229866483_Goethes_Dialog_mit_der_christlichen_Wortauffassung

Vgl. auch die Fortsetzung der Wortproblematik im fin de siècle, etwa im Motto des Romans „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ (https://norberto42.wordpress.com/2012/01/30/musil-die-verwirrungen-des-zoglings-torles-analysen/) oder in Hofmannsthals Chandos-Brief.

Sturm und Drang:

http://www.pohlw.de/literatur/epochen/stdrang.htm

https://de.wikipedia.org/wiki/Sturm_und_Drang

Nominalismus:

http://www.philosophie-woerterbuch.de/online-woerterbuch/?tx_gbwbphilosophie_main%5Bentry%5D=617&tx_gbwbphilosophie_main%5Baction%5D=show&tx_gbwbphilosophie_main%5Bcontroller%5D=Lexicon&cHash=073ea9086cff66cac677d578d45a93e2

http://www.philo.uni-saarland.de/people/analytic/strobach/alteseite/veranst/mittelalter/univers.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Universalienproblem

Analysen zu „Faust I“:

https://norberto42.wordpress.com/2012/03/10/goethe-faust-i-erste-analysen/

3 thoughts on “Die Wortproblematik, ein Motiv in „Faust I“

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