Hermann Ungar: Die Verstümmelten (1923), gelesen

Franz Polzer ist Beamter einer Bank, das ist in der Literatur kein gutes Omen. Er ist ein zerbrochener Mensch, zerbrochen von seinem alleinerziehenden harten Vater. Durch Vermittlung eines Bekannten hat er nach abgebrochenem Studium eine Stelle in einer Bank bekommen und sie 16 Jahre mit der Zuverlässigkeit eines Automaten ausgefüllt, wie auch sein freudloses Leben in immer der gleichen Routine abläuft. Neben ihm spielen sein Jugendfreund Karl Fanta, seine Vermieterin, die Witwe Klara Porges, einige Kollegen der Bank, ein Pfleger des später erkrankten Fanta und dessen Ehefrau sowie ein Arzt eine Rolle im Geschehen.

Seine Vermieterin macht sich also an Franz heran, was ihm äußerst unangenehm ist, und wird schwanger – vermutlich von ihm, vielleicht auch nicht; der Arzt protegiert ihn und stattet ihn neu aus, worauf er befördert wird – womit er aber nicht zurecht kommt. Der Pfleger, ein ehemaliger Metzger, ist ein religiöser Spinner, und als Frau Porges das Schutzheiligenbild des hl. Franz verbrennt, ist die Ordnung in Franz Polzers Leben endgültig zerbrochen. Die Frauen sind allesamt Weiber, die Männer Mistkerle – Verdächtigungen, Intrigen, Ängste verwirren das Leben der Menschen, zerstören ihre Beziehungen, und am Ende ist Frau Porges geköpft, vermutlich von Franz: eine schauerliche Parabel einer sinnlosen Welt.

Die Erzählung weist nicht nur viele Wiederholungen, sondern auch einige Brüche auf: So ist zum Beispiel der ehemalige Jugendfreund Fanta plötzlich todkrank, und wie die arme, sexuell übergriffige Wirtin Klara plötzlich von Geldgier getrieben, und zwar erfolgreich getrieben wird, bleibt unklar. Der Roman hätte also wohl noch einmal überarbeitet werden müssen – das Niveau Kafkas hat er trotz des verwandten Vater-Sohn-Konflikts nicht (ganz) erreicht. Katja Petrowskaja hat die Leser der SZ in einer kurzen Empfehlung auf diesen Roman hingewiesen. Man kann das Buch in zwei Stunden im Netz lesen:

http://freilesen.de/werk_Hermann_Ungar,Die-Verstuemmelten,2940,1.html

http://freilesen.de/Hermann_Ungar_Die-Verstuemmelten_1,2940,1.pdf (die letzte Ziffer fortlaufend bis Kap. 17 verändern)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-verstummelten-614/14

http://fictionbook.ru/author/hermann_ungar/die_verstummelten/read_online.html

(alle mit den gleichen Fehlern, also z.B. gelegentlich „Poker“ statt „Polzer“)

Leider ist der Roman im Netzwerk tredition (noch) nicht greifbar: https://tredition.de/autoren/autoren-uebersicht/

Über Hermann Ungar: http://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/UngarHermann

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