R. Schimmelpfennig: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen…

Ehe ich in die Rezensionen schaue, möchte ich meine eigenen Eindrücke von Schimmelpfennigs Roman „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ festhalten.

Das Buch liest sich zügig, was auch daran liegt, dass pro Seite nur 27 Zeilen gesetzt sind, aber ich frage mich am Ende: Was soll das alles? Es geht um einen Wolf sowie zwei Pärchen nebst einigen Leuten, die mit ihnen zu tun haben: Elisabeth und Micha, zwei Jugendliche, laufen von zu Hause weg, weil Elisabeths Mutter sie in ihrer Wut ins Gesicht geschlagen hat; sie laufen aufs Geratewohl, fahren auf einem Güterzug und schlagen sich nach Berlin durch. Sie werden von Elisabeths Vater, einem Künstler, und ihrer geschiedenen Mutter sowie von Michas Vater, einem Alkoholiker gesucht. Das zweite Pärchen bilden Agnieszka, eine Polin, die in Berlin putzt, und Tomasz, der als Bauarbeiter in Berlin arbeitet; Tomasz ist auf der Fahrt nach Berlin im Schneesturm stecken geblieben, hat einen Wolf gesehen und fotografiert – das Bild hat Agnieszka dann einer Journalistin verkauft, die es veröffentlicht hat, was eine große Suche nach dem Wolf auslöst. Außerdem ist Agnieszka von einem anderen Mann schwanger, was zu Problemen führt – die Vorgeschichte Agnieszkas wird nur kurz und kaum als solche kenntlich nachgetragen. Alle fünf, vom Wolf über Micha bis Tomasz, wohnen in Berlin oder streben nach Berlin und ziehen die Suchenden auch mit nach Berlin.

Dann tauchen noch eine Reihe weitere Figuren auf, die alle unwahrscheinlich hilfsbereit sind und die beiden Kinder Elisabeth und Micha einladen, bei ihnen zu übernachten; das muss wohl an Berlin liegen – ich käme nicht auf die Idee, wildfremde Jugendliche einzuladen, bei mir zu übernachten, aber das ist in Berlin kein Problem. Jedenfalls finden die beiden Pärchen zum Schluss irgendwie wieder zusammen; Micha hat zufällig (!) in Berlin auch seinen sturzbetrunkenen Vater gefunden, der gerade aus einer Kneipe geworfen wurde, aber das kann ihn nicht aufhalten. Ach ja, eine weitere wichtige Figur ist das Gewehr eines Jägers, der vermutlich einen Herzinfarkt bekommen hat und gestorben ist; das Gewehr wandert mit Micha ebenfalls nach Berlin, dann findet Tomasz es irgendwie, und im Kampf mit Agnieszka um das Gewehr löst sich ein Schuss, der Tomasz am Kopf streift, worauf man ins Krankenhaus fährt, und so geht das weiter, bis es zum Schluss aufhört.

Die Zeitstruktur des erzählten Geschehens – alle Szenen sind hart geschnitten – ist undeutlich; die Figuren bleiben oberflächlich, allesamt Pappkameraden ohne jede seelische oder charakterliche Tiefe und ohne Geschichte, auch wenn gelegentlich biografische Daten der Vergangenheit einfließen; manche Leute haben auch keinen Namen, sondern sind so etwas wie „der Vater des (geflohenen) Jungen“ und Ähnliches.

Das Buch ist Roland Schimmelpfennigs erster Roman, hoffentlich auch sein letzter. Man hat nichts verpasst, wenn man ihn nicht liest; höchstens freuen sich Berliner bei der Lektüre, weil so viele Straßen und Plätze Berlins genannt werden, die einem Fremden bloße Namen bleiben. Ich habe den Roman gestern gelesen – insgesamt ist er wie viel modernes Zeug nur zeilenfüllender Mist; man liest besser die Klassiker, die das Aussieben durch Jahrzehnte oder Jahrhunderte überstanden haben.

Dem http://derstandard.at/2000033040176/Offene-Buecher-und-Gesellschaft entnehme ich, dass der Roman es auf die shortlist (zu Deutsch: Liste der engeren Auswahl) der Leipziger Buchmesse 2016 geschafft hat. Die einzige Besprechung, die ich gefunden habe, steht in einem Blog: https://masuko13.wordpress.com/2016/03/02/roland-schimmelpfennig-an-einem-klaren-eiskalten-januarmorgen-zu-beginn-des-21-jahrhunderts/, und bei einer Buchhandlung gibt es eine Besprechung/Empfehlung des Lesers Felix Palent: http://www.wist-derliteraturladen.de/tag/felix-palent/, der aber offenbar ein anderes Buch als ich gelesen hat. Alle großen Zeitungen nehmen den Roman nicht zur Kenntnis.

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