Sterne: Leben und Ansichten von Tristam Shandy, Gentleman – gelesen

Leben und Ansichten von Tristam Shandy, Gentleman“ von Laurence Sterne ist einer der ganz großen Romane der Weltliteratur. Es gibt genügend Charakterisierungen und Würdigungen des Buches (s. die Links); ich möchte in Stichworten den „Inhalt“ der ersten beiden der neun Bücher des Romans skizzieren, damit man eine Vorstellung davon bekommt, wie Sterne in den Themen springt und die Zeit dehnt – erst im dritten Buch wird die Geburt des Ich-Erzählers Tristam beschrieben. Also, geordnet nach Buch und Kapiteln:

Erstes Buch

1 Störung bei der Zeugung des Ich-Erzählers

2 über die Gefährdung des Homunkulus nach der Zeugung

3 spätere Klage des Vaters über die Störung

4 Zeugung Anfang März 1718, das ergibt sich aus der Kombination von Beischlaf und Uhraufziehen am Abend des 1. Sonntags jedes Monats

5 Geburt Tristam Shandys am 5. November 1718; Klage über sein Leben

6 über sein Schreiben, an den Leser gerichtet

7 wie seine Hebamme eine solche geworden war

8 über Steckenpferde – Widmung an den Lord

9 Angebot, diese Widmung zu kaufen – Widmung des größeren Teils des Buches an den Mond

10 der Pfarrer und sein dürrer Gaul – warum er ein so schlechtes Pferd reitet – warum er die Lizenz der Hebamme bezahlt hat – was die Leute dazu sagen

11 Pfarrer heißt Yorick, Familie stammt aus Dänemark (mit Hofnarr aus „Hamlet“ verwandt); ein harmloser, unerfahrener Mann, der gern Witze (auch über andere) macht

12 Freund warnt ihn vor leichtsinnigem Spotten, zu spät: Verspottete rächen sich an ihm; Besuch des Eugenius beim sterbenden Yorick, sein Grabstein – mehrere Anspielungen auf den „Don Quijote“

13 über den Ruhm der Hebamme

14 wieso der Autor nur langsam beim Schreiben vorankommt

15 Klausel des Ehevertrags seiner Eltern über das Recht der Mutter auf eine Entbindung in London – weshalb Tristam wegen einer unbegründeten Londonreise mit platter Nase zu Hause geboren wurde

16 Rückkehr von der unbegründeten Londonreise im Zorn

17 Ankündigung des Vaters bei der Zeugung, seine Frau werde nicht in London entbinden

18 frühzeitige Suche der Mutter nach einer Hebamme; Sorgen des Vaters, v.a. wegen der Landflucht nach London; die Mutter setzt die Hebamme als Helferin gegen den Vater durch; über Tristams Verhältnis zu Jenny

19 des Vaters Einschätzung von Vornamen, seine rhetorischen Fähigkeiten; er verachtet den Namen Tristam

20 ob man ungeborene Kinder taufen kann – Reflexionen über das Lesen; das Gutachten der Sorbonne von 1733; Vorschlag, alle Homunkuli direkt nach der Trauung bedingungsweise zu taufen

21 über das englische Klima – Onkelt Toby, ein Original, äußerst züchtiger Mensch; er mag nichts von Tante Dinahs Affäre hören (anders der Vater)

22 Tristam: im Leben und Schreiben von Digressionen (Verzögerungen) bestimmt

23 über die Erkenntnis eines Charakters und seine Darstellung

24 Zusammenhang Steckenpferd – Charakter

25 über die Verwundung Onkel Tobys an der Leiste, sein Krankenlager

Zweites Buch

1 Toby erzählt von der Belagerung von Namur (1695); er bekommt einen Plan der Festung

2 über den Grund der Verwirrung in Tobys Erzählungen: der ewig schwankende Gebrauch der Wörter

3 wie die Erforschung von Befestigungen Tobys Leidenschaft wurde

4 nach vier Jahren Studium von Festungsanlagen will Toby gesund werden

5 Aufbruch Tobys nach Shandy-Hall, wo er ein Haus mit Land besitzt; Diener Trim schlägt vor, dort selber Befestigungen zu bauen

6 die Mutter schickt nach der Hebamme, der Vater nach dem Arzt

7 Vater schickt sich an, Toby die Anatomie der Frau zu erklären

8 über die Dauer des erzählten Geschehens und des Erzählens

9 Diener Obadiah trifft Dr. Slop vor der Tür, der fällt vom Pferd

10 Dr. Slop trifft im Haus ein

11 Er hat seine Instrumente nicht bei sich.

12 Toby ergeht sich in Feinheiten der Fortifikation; der Vater beschimpft ihn, sie versöhnen sich

13 kurz über die Praxis des ehelichen Beischlafs

14 über den Segelwagen des Stevinus

15 Trim hat des Buch des Strevinus geholt, aus dem eine Predigt herausfällt

16 Trim soll sie vorlesen

17 Trims Körperhaltung dabei; Predigt zu Hebr 13,18; Trim beginnt zu lesen – Trims Bruder ist von der Inquisition verhaftet – über das gute Gewissen; die Predigt wird mit Unterbrechungen vorgelesen – über Selbstbetrug und über den Katholizismus; es ist Yoricks Predigt

18 Dr. Slop wird informiert, dass er der Hebamme nur assistieren darf.

19 philosophische Überlegungen des Vaters, in Verbindung mit dem Problem der richtigen = gehirnschonenden Methode des Gebärens; der Kaiserschnitt, vom Vater gelobt, von der Mutter abgelehnt

https://de.wikipedia.org/wiki/Leben_und_Ansichten_von_Tristram_Shandy,_Gentleman (knapp)

https://en.wikipedia.org/wiki/The_Life_and_Opinions_of_Tristram_Shandy,_Gentleman (engl., umfangreich)

http://www.klassiker-der-weltliteratur.de/tristram_shandy.htm (Zusammenfassung, kurz)

http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/wp-content/uploads/2015/10/Sterne_TristramShandy.pdf (kurze Analyse)

http://www.ndr.de/kultur/buch/Laurence-Sterne-Leben-und-Ansichten-von-Tristram-Shandy-Gentleman,weltliteratur190.html (Würdigung)

https://www.rezensionen.ch/laurence_sterne_tristram_shandy/303691174X/ (dito) = http://literaturkritik.de/id/10410

http://www.frankfurter-hefte.de/upload/Archiv/2013/Heft_11/PDF/2013-11_kesting.pdf (dito)

http://www.satt.org/literatur/07_01_sterne.html (dito)

http://www.br.de/radio/bayern2/inhalt/hoerspiel-und-medienkunst/hoerspiel-tristram-shandy-100.html (Hörbuch)

http://www.br.de/radio/bayern2/inhalt/hoerspiel-und-medienkunst/hoerspiel-sterne-tristram-shandy-gentleman-100.html (dito? Hörspiel)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/tristram-shandy-5100/1 (Text, Ü. A. Seubert, 1880)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Sterne,+Laurence/Roman/Tristram+Shandy/Erster+Band (dito, Ü. ?)

Um einen Eindruck vom Text zu vermitteln: Ich habe (allerdings in der modernen Walter-Übersetzung) eine köstliche Passage über den Nutzen der Hilfsverben gefunden. Tristams Vater hat sich Gedanken über die Erziehung seines Sohnes gemacht, hält sie in einem Buch fest und trägt sie hier seinen staunenden Zuhörern vor. Ich gebe sie leicht gekürzt wieder:

Ich bin überzeugt davon, Yorick, fuhr mein Vater fort, indem er halb las, halb frei sprach, daß es auch in der intellektuellen Welt eine nordwestliche Durchfahrt giebt, und daß die Seele des Menschen einen kürzeren Weg einschlagen kann, um zum Wissen und zum Erkennen zu gelangen, als den gewöhnlichen. – Aber ach! nicht neben jedem Acker läuft ein Fluß, oder ein Bach – nicht jedes Kind, Yorick, hat einen Vater, der ihm diesen Weg zeigen könnte.

Das Ganze beruht – dies sagte mein Vater mit leiserer Stimme – auf den Hülfszeitwörtern.

Hätte Yorick auf Virgils Natter getreten, er hätte nicht erschrockener aussehen können. – Ich erstaune selbst darüber, rief mein Vater, der es bemerkte, und halte es für einen der beklagenswerthesten Uebelstände unseres Bildungsganges, daß die, welchen die Erziehung unserer Kinder anvertraut ist, deren Geschäft es sein sollte, ihren Geist zu entwickeln und ihn mit Ideen zu befruchten, damit die Einbildungskraft sich frei bewege, bis jetzt so wenig Nutzen von den Hülfszeitwörtern gezogen haben, wie es der Fall ist, mit Ausnahme etwa von Raymond Lullius und dem ältern Pellegrini, welcher Letztere sich in dem Gebrauche derselben bei seinen Gesprächen eine solche Fertigkeit erworben hatte, daß er einen jungen Mann in wenigen Lehrstunden dahin bringen konnte, über jeden beliebigen Gegenstand ganz plausibel pro und contra zu reden und Alles, was darüber gesagt oder geschrieben werden konnte, zu sagen oder zu schreiben, ohne sich in einem Worte verbessern zu müssen, worüber Alle, die es sahen, erstaunt waren.

Ich möchte das gern ganz begreifen, unterbrach Yorick meinen Vater. – Sie sollen es, erwiederte dieser. – Die höchste Anwendung, deren ein Wort fähig ist, ist als bildlicher Ausdruck, – wodurch meiner Ansicht nach die Vorstellung gemeiniglich eher abgeschwächt, als verstärkt wird – doch lassen wir das; hat nun der Geist diese Anwendung davon gemacht, so ist die Sache zu Ende; – Geist und Vorstellung sind mit einander fertig, bis eine zweite Vorstellung auftritt u.s.w.

Nun sind es aber die Hülfsverben, welche die Seele in den Stand setzen, das ihr zugeführte Material selbstständig zu behandeln, und durch die Beweglichkeit der großen Maschine, um die es läuft, neue Wege der Untersuchung zu eröffnen und jede einzelne Vorstellung millionenfach zu vervielfältigen.

Sie erregen meine Neugierde im höchsten Grade, sagte Yorick. […]

Die Hülfsverben, von denen hier die Rede ist, fuhr mein Vater fort, sind sein, haben, werden, mögen, sollen, wollen, lassen, dürfen, können, müssen und pflegen in den verschiedenen Zeiten der Gegenwart, Zukunft oder Vergangenheit und in Verbindung mit dem Verbumsehen angewandt. Als positive Frage: Ist es? Was ist es? Kann es sein? Konnte es sein? Mag es sein? Mochte es sein? – Als negative Frage: Ist es nicht? War es nicht? Soll es nicht sein? – Oder affirmativ: es ist – es war – es muß sein, – oder chronologisch: Ist es je gewesen? Kürzlich? Wie lange ist es her? – oder hypothetisch: Wenn es war? Wenn es nicht war? Was würde daraus folgen? Wenn die Franzosen die Engländer schlagen sollten? Wenn die Sonne aus dem Thierkreis treten würde?

Würde nun eines Kindes Gedächtniß durch den rechten Gebrauch und die rechte Anwendung dieser Formen geübt, fuhr mein Vater fort, so könnte keine Vorstellung in sein Gehirn eintreten, und wäre es auch noch so unfruchtbar, ohne eine unendliche Menge von Begriffen und Folgerungen daraus zu ziehen. – Habt Ihr schon einmal einen weißen Bären gesehen? rief mein Vater und kehrte sich rasch nach Trim um, der hinter seinem Stuhle stand. – Nein, Ew. Gnaden, erwiederte der Korporal. – Aber Ihr könntet darüber reden, Trim, sagte mein Vater, wenn es sein müßte? – Wie wäre denn das möglich, Bruder, sagte mein Onkel Toby, wenn er nie einen gesehen hat. – Das brauch‘ ich gerade, erwiederte mein Vater, Du sollst sehen, daß es möglich ist:

Ein weißer Bär! Sehr wohl, habe ich je einen gesehen? Könnte ich jemals einen sehen? Werde ich jemals einen sehen? Dürfte ich jemals einen sehen? oder – sollte ich jemals einen sehen?

Ich wollte, ich hätte einen weißen Bären gesehen! (wie könnte ich mir sonst einen vorstellen?)

Sollte ich einen weißen Bären sehen, was würde ich dazu sagen? Wenn ich nie einen weißen Bären sehen sollte, was dann?

Wenn ich nie einen weißen Bären habe sehen können, sollen, dürfen, – habe ich vielleicht ein Fell von ihm gesehen? Habe ich einen abgebildet, geschildert gesehen? Habe ich je von einem geträumt?

Haben mein Vater, meine Mutter, mein Onkel, meine Tante, mein Bruder oder meine Schwestern je einen weißen Bären gesehen? Was würden sie darum geben? Wie würden sie sich dabei betragen? Wie würde der weiße Bär sich dabei betragen? Ist er wild? zahm? schrecklich? struppig? glatt?

Ist es der Mühe werth, einen weißen Bären zu sehen?

Oder eine weiße Bärin?

Ist es keine Sünde?

Ist es besser, als eine schwarze?

(5. Buch, Kap. 42 und 43, bzw. in der hier benutzen Ausgabe http://www.zeno.org/Literatur/M/Sterne,+Laurence/Roman/Tristram+Shandy: Zweiter Band, Kap. 42 und 43)

Der Fragekatalog erinnert mich übrigens an den sogenannten Beichtspiegel, mit dessen Hilfe wir als Kinder (analog die Erwachsenen) vor der Beichte unser Gewissen zu erforschen hatten, damit auch nur ja keine Sünde übersehen würde.

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