Kästner: Herr im Herbst – Analyse

Nun wirft der Herbst die Blätter auf den Markt.
Na ja, das musste wohl so kommen. […]

Durch die Überschrift ist der Sprecher als „Herr im Herbst“ ausgewiesen. Er geht über die Straße und spricht zu sich selbst über das, was er gerade erlebt: Herbst; das ist fallendes Laub, Tod, Krankheit, Regen – also die eine Seite des Herbstes, die „negative“ gegenüber dem Aspekt der Ernte oder des goldenen Oktobers. Der Tonfall ist salopp (dreimal „Na ja“, V. 2, 10 und 20), einige Sätze werden mit „Und“ eingeleitet (V. 3, 11) oder sind umgangssprachlich unvollständig (V. 17, 19).

Der Sprecher beginnt ein wenig pathetisch (wie ein Herr!) mit einer Personifikation des Herbstes („wirft … auf den Markt“, V. 1), um dann gleich darauf seine Distanz gegenüber dem Geschehen zu dokumentieren: „Na ja, das musste wohl so kommen.“ Sowohl mit der Phrase „Na ja“ wie auch mit der Modifizierung „musste wohl“ (V. 2, doppelt modifiziert: Modalverb und Modalwort) hält er sich seine Beobachtungen vom Leibe oder von der Seele. Dass man Lehmanns Tochter „eingesargt“ (V. 3, ein technischer Begriff) statt „begraben“ hat, bezeugt die gleiche Distanz – er ist weit davon entfernt, die junge Frau oder das Mädchen („Lehmanns Tochter“, sie hat nicht einmal einen eigenen Namen, V. 3) zu betrauern. Im Gegenteil, meint der Sprecher, eigentlich habe sie Glück gehabt, dass sie gestorben ist (V. 4); den Grund dieser Bewertung nennt er nicht – man kann ergänzen: „dass sie diesen Mist hier nicht erleben muss“. Er weiß, dass seine Bewertung etwas sarkastisch ist; deshalb relativiert er sie („genau genommen“, V. 4), ohne sie zurückzunehmen.

Es wird in einem fünfhebigen Jambus gesprochen, den man kaum bemerkt; das erste Wort „Nun“ ist gegen den Takt ein wenig betont. Die Kreuzreime binden die Verse aneinander, ohne dass dies semantische Beziehungen herstellte. Nur der zweite Vers weist vier Hebungen auf, im letzten Takt fehlt eine Silbe (weibliche Kadenz): Es entsteht eine kleine Pause, ebenso in Vers 3 und 4, weil dort im Reimwort ein früheres Reimwort vom Klang her aufgerufen wird, was das Sprechen ein wenig verzögert.

Die nächste Strophe beginnt der Sprecher wieder mit einer Personifikation (wird alt, zieht an, V. 5); dabei ist nicht ganz klar, was mit dem Bild „Mantel anziehen“ gemeint ist – es dient jedenfalls zur Kontrastierung mit dem armen Bettler, der eben keinen Mantel hat. Aus diesem Kontrast zieht der Sprecher das Fazit: „So ist das Leben. Es ist nicht viel dran.“ (V. 7) Der erste Satz ist eine sprichwörtliche Sentenz, die man in Situationen der Enttäuschung äußert. Der ganze Vers drückt aus, was „im Herbst“ aus der Sicht des Sprechers zu sagen ist. Er kommentiert im folgenden Vers diese Einschätzung mit einem paradoxen Gedanken: dass Frauen lachen können, weil sie weinen dürfen (V. 8), während man als Mann die Unbill des Lebens stoisch und „hart“ zu ertragen hat – weinen dürfen, also sein Leiden ausdrücken dürfen galt früher als Privileg der Frauen, die sich darüber freuen („lachen“, V. 8) können.

In dieser 2. Strophe reflektiert der Sprecher den Wert des Lebens aus der Perspektive des Herbstes: alt – kalt (= ohne Mantel) – nicht viel dran – zum Heulen. Die einzige Bobachtung besteht darin, dass er den „Bettler vis à vis“ wahrnimmt. Die Sprache ist hier etwas gehoben (Personifikationen in V. 5, Kontrast in V. 8); der Rhythmus gleicht dem der ersten Strophe. Außerhalb des Taktes sind „So“ (etwas schwächer) und „Frau‘n“ (stark) betont; „hat keinen [Mantel]“ – „dürfen weinen“ (V. 6/8) ist ein sinnvoller Reim, die Verse sind im Aspekt des Negativen miteinander verbunden.

Der Sprecher setzt sein Denken fort, indem er über die Frage meditiert, „[w]ozu die Blätter bunt sind, wenn sie fallen“ (V. 9); das ist eine ganz ungewöhnliche Frage, vor allem wegen des Fragewortes „wozu“. Mit diesem Wort wird die Sinnhaftigkeit eines einzelnen Geschehens und damit die des ganzen Lebens, des ganzen Weltlaufs aufgerufen – und nicht beantwortet, eingeleitet mit dem distanzierten „Na ja“ (V. 10), „man muss nicht alles wissen wollen“. Der Sprecher schickt sich in das sinnlose Weltgeschehen und stellt resigniert fest, dass es ihm (erstmals in V. 11 das Personalpronomen der 1. Person) nicht gut geht, was natürlich allgemein gilt (V. 11). Die Einzelbeobachtung der geschwollenen Drüsen (V. 12) hebt sich beinahe komisch gegen die in V. 11 ausgesprochene Lebensunlust ab, sie wirkt wie die Klage eines Jammerlappens.

Der Rhythmus weicht insofern von den vorhergehenden Strophen an, als hier der letzte Vers nur vier Hebungen und eine folgende weibliche Kadenz aufweist. Die Reime sind ohne semantische Bedeutung.

Es folgt eine einzelne Beobachtung, in Frageform gekleidet: dass da jemand aus des Sprechers Haus kommt (V. 13 f.). Die Feststellung, dass Paul etwas „wie seine Schwester“ aussieht (V. 15), kann unterschiedlich gelesen werden. Ich habe nur an die natürliche Ähnlichkeit zwischen Geschwistern gedacht; im Kommentar des Gedichtbandes der Ausgabe „Erich Kästner. Werke“ (hrsg. von F. J. Görtz) wird dagegen der Fokus auf die Differenz männlich-weiblich gelegt: „Zwischenstufe“ in V. 16 bescheinige dem Mann Paul ein androgynes Aussehen. Dieses Verständnis verträgt sich m.E. nicht mit V. 16; dort wird ein Gedanke („Wahrscheinlich…“) durch den Ausruf „Achtung“ unterbrochen, mit dem der Sprecher sich zur Aufmerksamkeit aufruft, und zwar wegen einer Zwischenstufe auf der Straße, die zu übersehen höchst unangenehm sein kann. Das Verständnis des Ausrufs „Achtung Zwischenstufe“ (V. 16) wirkt also auf das Verständnis des V. 15 zurück; hätte der Kommentator mit seinem Verständnis recht, wären „Achtung“ und der Abbruch des Satzes in V. 16 nicht zu erklären. „Wahrscheinlich“ und „Achtung“ passten in dem Fall nicht als Einleitung zu „Zwischenstufe“.

In dieser Strophe haben zwei Verse nur vier Hebungen (V. 14, 16). „Ach“ (V. 14) ist betont; die Reime sind semantisch leer. Dem Thema entspricht die ganz normale Umgangssprache.

Die letzte Strophe beginnt der Sprecher mit einer trivialen Klage über das Wetter (V. 17), die er dann ins Unglaubliche (V. 18) steigert. Es folgen zwei triviale Einzelüberlegungen (V. 19 f., ähnlich der Abfolge V. 11 / V. 12), mit denen das große Klagen von V. 18 relativiert wird: ein Paar neue Schuhe kaufen, Haare schneiden lassen – der Sprecher kehrt aus der gewaltigen Herbstklage in den normalen Alltag zurück. „Na ja.“ (V. 20)

Mit etwas gutem Willen könnte man die Reime V. 17/19 als sinnvoll betrachten, weil der Schuhkauf dem Regenwetter angemessen ist. „Das“ und „So-“ sind am Versanfang betont; der letzte Vers hat einen Überhang von zwei Takten, der Sprecher schließt versöhnlich mit dem saloppen „Na ja.“

Das Gedicht endet mit einer Anmerkung des Autors, dass (eine uns unbekannte) Hildegard über dieses Gedicht beinahe weinen musste; das ist sozusagen mit einem Augenzwinkern gesagt – „beinahe“ ist eben „nicht“, das heißt: So tragisch sind die Leiden des Herrn im Herbst nicht (und der Herr ist auch kein wirklicher Herr, vielleicht wird er nur vorgeführt?), das Gedicht ist eine Gelegenheitsarbeit für die Zeitung, vielleicht ein Spott über die Leute, die am Herbst leiden und klagen. Beim Erstdruck in „Das Tage-Buch“ vom 12. 11. 1927 fehlte die abschließende Anmerkung noch.

Das Gedicht „Herr im Herbst“ bietet das Herbsterleben eines Mannes, der klagt und nicht viel Freude am Leben hat, aber sich doch in seinen Alltag schickt. Sein letztes Wort ist „Na ja.“

Ich habe dieses Gedicht oft als Thema einer Klassenarbeit (Kl. 9) in einer Reihe „Herbstgedichte“ gewählt; man kann dieses Herbstbild dann mit dem eines anderen Gedichts vergleichen lassen – die sprachlichen Feinheiten dieses Gedichtes zu benennen dürfte für Schüler einer 9. Klasse schwierig sein.

https://www.youtube.com/watch?v=8LEeyfhQ_aI (gesungen von Manuel Rösler)

https://soundcloud.com/ruediger-wolff/herr-im-herbst-erich-k-stner (gesungen von Rüdiger Wolf)

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3 thoughts on “Kästner: Herr im Herbst – Analyse

  1. Ein schönes Gedicht, wenn auch sehr melancholisch bzw. auf jeden Fall gar traurig. Aber davon lebt die Lyrik ja häufig.

    Sie als Lehrer haben sicherlich Erfahrung mit folgendem Problem. Schüler neigen immer dazu, zu behaupten, dass man Literatur allgemein (aber gerade Gedichte) frei interpretieren könne und das meiste nach Belieben auslegen könne und das ganze Analysieren arbiträr sei.
    Wie entgegnen Sie solchen Kommentaren/Fragen? Denn gerade in der Lyrik ist es eben nicht so.

  2. Man muss ein Gedicht sehr genau lesen und kann auch die Leerstellen identifizieren; so ist hier nicht angegeben, warum Lehmanns verstorbene Tochter mit ihrem Tod Glück gehabt hat – den Grund zu vermuten ist man einigermaßen frei. Sonst aber muss jedes Verständnis sich am Text erweisen lassen. Das Verständnis von „Zwischenstufe“ als androgynes Aussehen lässt sich m.E. nicht am (Kon)Text erweisen; ich habe dafür Argumente genannt – was nicht durch Argumente gedeckt ist, gilt als freie Meinungsäußerung, interessiert mich aber nicht.
    Eine gute Probe ist es, ein Gedicht laut zu sprechen und sich dann zu fragen: Ist es das? Dann kann man andere „Sprechproben“ damit vergleichen – ein probates Mittel, das Verständnis zu überprüfen, finde ich. Dabei ist es gar nicht leicht, ein Gedicht sauber zu sprechen (Fritz Stavenhagen liefert gute Beispiele, oft auch Lutz Görner).

    • Ich weiß nicht, ob das einen Schüler überzeugen würde, aber ich verstehe genau, was Sie meinen und stimme dem zu. Wenn man durch Argumente beweisen kann, überzeugt das eigentlich. Aber für viele ist das immer noch zu schwammig und ich denke, sie verstehen dann nicht, wieso man es nicht auch anders auslegen könnte (obwohl es durch die Argumente ja nicht anders ausgelegt werden kann oder teilweise eben doch, aber dann eben durch Argumente, die einer kritischen Probe standhalten).

      Ein Gedicht laut zu lesen, um das Verständnis zu überprüfen, finde ich allerdings sehr interessant. Danke für den Tipp!

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