Kästner: Familiäre Stanzen – Analyse

Wenn sich Leute, die sich lieben, hassen,
tun sie das auf unerhörte Art.
[…]

Die Stanze ist eine aus Italien stammende Gedichtform, die aus acht elfsilbigen Versen mit dem Reimschema a-b-a-b-a-b-c-c besteht; im deutschen weist die Stanze meist abwechselnd weibliche und männliche Kadenzen auf und besteht aus fünfhebigen Jamben. Diese Gedichtform bestimmt die Überschrift des Gedichts „Familiäre Stanzen“: Stanzen, in denen Leben in der Familie Thema ist. Genau gesagt handelt es sich nicht um eine Familie, sondern ein altes Ehepaar (mit falschen Zähnen, V. 6): „Denn sie kennen sich […] viele Jahre schon.“ (V. 9 f.) Es geht um die scheinbar paradoxe Situation, dass „Leute, die sich lieben, [einander, N.T.] hassen“ (V. 1). Zuerst sieht es so aus, als ob dieses Hassen ein Dauerzustand wäre (Str. 1-3); doch ändert sich die Situation, der Hass verschwindet ( Str. 4).

Leute, die sich lieben, hassen einander „auf unerhörte Art“ (V. 2), also nicht einfach so, wie man einen Fremden oder Nachbarn hasst, denen man einfach den Tod wünscht. Da die Liebenden zusammen wohnen, durchzieht ihr Hassen den ganzen Alltag – dies wird in V. 3-8 entfaltet: Hass in allem, was sie tun und lassen (V. 3 f.), sogar bei scheinbar höflichen Gesprächen (V. 7 f.); dass keiner „vorm anderen erblassen“ will (V. 5), heißt vielleicht, dass keiner zeigen will, wie ihn eine Verletzung trifft, oder dass keiner in seiner Gemeinheit hinter dem anderen zurückstehen will. Dass jemand Haare auf den Zähnen habe, wird gewöhnlich auf die bissige, schroffe Art einer Frau bezogen; wenn nun hier gesagt wird, dass selbst auf den falschen Zähnen Haare stehen (V. 6), ist damit eine Steigerung der gewöhnlichen Bosheit gemeint, und zwar bei beiden Streithähnen.

Semantisch sinnvoll sind vor allem die Verse 2, 4, 6 miteinander im Reim verbunden; das kommt daher, dass dort zweimal der Satzkern steht: unerhörte Art / Hass gewahrt / Zähne behaart; diese Verse sind um eine Silbe kürzer und bilden jeweils das Satzende, so dass dort im Sprechen eine Pause entsteht. Die Satzbildung über zwei Verse verhindert, dass in V. 7 f. ein sinnvoller Reim entstehen kann. Der anonyme Sprecher, der das Phänomen des Hassens distanziert beschreibt, spricht in einem gehobenen Stil („aufs sorglichste“, V. 4), bildet Nebensätze und gebraucht auch eine Reihe von Vergleichen (V. 8, 17, 21, 24). Diese Vergleiche dienen auf verschiedene Weise dazu, das gegenseitige Hassen in seiner Intensität darzustellen; in der 1. Strophe (V. 8) wie später in V. 21 wird ein irrealer Vergleich gebraucht (Konjunktiv II), wobei der Vergleich in V. 8 durchaus unanschaulich bleibt und eine metaphorische Redewendung aufgreift (das Herz bricht).

In der 2. Strophe wird zunächst erklärt, warum die beiden sich so tief verletzen können (V. 9-12, eingeleitet mit „Denn“): Sie kennen sich schon jahrelang (V. 10 und das Präteritum V. 11), also sehr gut. Im Zeugma (von Trank bis Telefon, V. 11 f.) passt das Telefon als konkreter Gegenstand nicht recht in die Aufzählung; durch diese Art des Aufzählens wird einfach „alles“ umschrieben. Semantisch passt zum Reim „viele Jahre schon“ (V, 10) nur der ganze Doppelvers V. 11 f. Welche Möglichkeiten durch diese lange intime Bekanntschaft „jetzt“ (V. 13) eröffnet werden, wird in V. 13 summarisch beschrieben und dann in V. 14-24 entfaltet. Die Adverbien „klug und leise“ (V. 13, dazu passt V. 14) zeigen die Besonderheit des intimen Hassens; sie werden jedoch in V. 21-24 außer Kraft gesetzt – eine Schwäche des Gedichts, finde ich.Das Adverb „messerscharf“ (V. 15) kann noch zu den Vergleichen (s.o.) gezählt werden. V. 16 klingt etwas rätselhaft. Ich lese ihn so: Das Verstehen einer Bosheit geht dem Schmerz voraus, den sie auslöst; sie kommt also nicht unerwartet, man ist vielmehr gespannt darauf, was dem anderen jetzt wohl einfällt, um einen zu verletzen. „scharf geschliffen – Schmerz begriffen“ (V. 16) ist ein sinnvoller Reim.

In den Strophen 2 und 3 werden fünf Sätzen durch „Und“ eingeleitet (in Str. 1 und 4 sind es nur drei Sätze): Dieses aufreihende Erzählen signalisiert (bis auf V. 11), wie eines aus dem anderen folgt, wie die Serie der Verletzungen abläuft. In Strophe 3 dominieren Vergleiche (V. 17, 24) und Metaphern (V. 20) des Kämpfens, dazu kommt ein irrealer Tiervergleich (V. 21): alles ein Folge der intimen Kenntnis des „Gegners“. Dass die Uhr „erschrickt“ (V. 22), ist eine surreale Personifikation. Das Präteritum „schrie“ (V. 22) passt nicht zum Präsens „erschrickt“ (V. 22 und in der ganzen Strophe; es verdankt sich der Notwendigkeit, zu „Anatomie – sie“ (V. 18, 20) ein passendes Reimwort zu finden. V. 17/19 („wie bei Duellen – die schwachen Stellen“) reimen sich sinnvoll.

Durch „Aber“ (V. 25) leitet der Sprecher eine Wende des Geschehens, ohne dass er erklärt, warum der Hass verschwindet, der doch so tief zu sitzen schien – es ist so etwas wie ein Innehalten vor lauter Erschöpfung („Krank und müde“, V. 26). Dass sie über ihre Wunden, d.h. die Wunden, die sie dem anderen zugefügt haben (wegen V. 28), „staunen“, verwundert mich, haben sie sich doch „klug und leise“ verletzt (V. 13); und dass keiner wusste, „daß er beißen kann“ (V. 28), stimmt einfach nicht – ich glaube es dem Sprecher nicht, er beschönigt hier etwas. Das Indefinitpronomen „Beide“ (V. 29) zeigt die neue Gemeinsamkeit kann, ebenso das Bild „beim gleichen Schicksal Kunden“ (V. 29); dieses Bild verstehe ich so, dass damit auf ihr Alter und im weiten Sinn die Todesnähe angespielt wird. Dass sie Mann und Frau spielen, heißt, dass sie miteinander schlafen; das Verb „spielen“ muss nicht nur etwas Negatives oder Scheinhaftes bezeichnen (wegen V. 25), auch wenn die Bedeutung „vortäuschen“ mitschwingt. Es folgt zum Schluss eine humorvoll-kritische Begründung dafür, dass die beiden miteinander schlafen (wollen): weil die Liebe nach einem Streit „endlich wieder“ (V. 32) angenehm empfunden wird, nachdem sie in den langen Jahren zu einer Routine verkommen war. Das ist nicht ohne einen spöttischen Unterton gesagt, finde ich: Der Sprecher steht dem ganzen Ehekrieg mit folgender Versöhnung distanziert gegenüber. Die Reime in V. 25-28 verbinden die Verse sinnvoll, ohne dass sie den Versen 27 und 28 Plausibilität verleihen könnten.

Gegenüber Schillers „Das Lied von der Glocke“ ist hier bei Kästner die Ehe negativ gezeichnet – aber Schiller stand zwar früher in vielen Lesebüchern, aber sein Blick auf die Ehe war nicht der einzige; die kritischeren Gedichte standen einfach nicht im Lesebuch. In Lessings Gedicht „Das Muster aller Ehen“ wird die einzige Ehe besungen, in der es keine Zwietracht gibt: „Der Mann war taub, die Frau war blind.“ Und Francis Bacon von Verulam dichtete:

Es ist betrübt, man könnte drüber weinen,

Ein Merkmal unser Schwäch‘ und Sündlichkeit,

Dass Lieb‘ und Ehe selten sich vereinen […]“

Vgl. auch Tucholskys Gedicht „Ehekrach“ (http://www.textlog.de/tucholsky-ehekrach.html, 1928) und die Liste der Ehemotive (http://www.sgipt.org/gipt/sozpsy/bez/ehemotiv.htm). Noch böser als „Familiäre Stanzen“ ist Kästners Gedicht „Gewisse Ehepaare“, das als nächstes vorgestellt werden soll.

Advertisements