Kästner: Gewisse Ehepaare – Analyse

Ob sie nun gehen, sitzen oder liegen,
sie sind zu zweit. […]“

Auch dieses Gedicht nimmt wie „Familiäre Stanzen“ das Thema der alten Eheleute auf, packt es aber geschickter und radikaler an, weil es sich nicht auf das gegenseitige Hassen beschränkt. Die Überschrift mit dem Adjektiv „gewisse“ klingt ein wenig geheimnisvoll: Gewisse Ehepaare, das sind solche, die man kennt, aber schicklicherweise nicht beim Namen nennt (gewiss: „wenn der Hörer weiß oder leicht erraten kann, wer oder was gemeint ist; drückt aus, dass man zwar an eine bestimmte Person oder Sache denkt, diese aber nicht näher bezeichnen kann oder will“, DWDS).

Die metrische Struktur des Gedichtes ist eigenwillig: Die neun Strophen bestehen aus je vier Versen, die im Kreuzreim verbunden sind; der erste und dritte Vers bestehen aus fünfhebigen Jamben mit einer zusätzlichen Silbe (wodurch eine kleine Pause erzeugt wird), ihnen folgen zweihebige Jamben, die dann wie ein Fazit des vorhergehenden längeren Verses klingen.

Das erste Verspaar gipfelt in der Aussage, dass sie immer zu zweit sind – das „immer“ wird durch die Aufzählung in V. 1 umschrieben. Immer zu zweit sein, also nie allein sein, nie unter anderen sein, das ist der Traum von Verliebten, aber hier erweist es sich als Verhängnis; das wird in den beiden nächsten Versen klar. In einem Wortspiel (Kontrast „sich aussprechen – sich ausschweigen“, letzteres ein Neologismus, analog zu „sich aussprechen“ gebildet) wird als Ergebnis der dauernden Zweisamkeit herausgestellt, dass sie sich nichts mehr zu sagen haben. Das Ergebnis dieses Schweigens klingt dunkel: „Es ist soweit.“ (V. 4, Rechtschreibfehler, richtig ist „so weit“). Was das bedeutet, wird erst in der letzten Strophe klar, die die erste beinahe wörtlich wiederholt, wobei nur der vierte Vers entscheidend verändert wird – davon später. Die Reime bleiben hier auf den lautlichen Anklang beschränkt.

Wie es um Sprechen und Schweigen steht, wird in den nächsten drei Strophen gesagt:

  • Man kennt den andern besser als sich selber.“
  • Auch das Reden ist nur eine Form des Schweigens.
  • Sie sind „wie Grammophone mit drei Platten“.

Da sie schon so lange zusammen sind (V. 5 f.), kennt man den andern in- und auswendig (V. 7). Fazit: „Der Fall liegt klar.“ (V. 8) Dieser Satz ist allein unverständlich, Bedeutung bekommt er in Kontext von V. 3 und V. 9; dann begründet der Doppelvers 7 f., warum man sich nichts mehr zu sagen hat. Die Verse 5 (Haut wird gelber) und 7 (kennt ihn besser als sich selber) ergeben einen sinnvollen Reim, indem V. 5 den V. 7 begründet.

Was das Sprecher mit dem umfassenden Schweigen meint, erklärt er in der scheinbaren Paradoxie des V. 9. Von den beiden Sätzen ist vielleicht der erste erklärungsbedürftig: Durch Schweigen sagt man dem andern, dass man nichts mit ihm zu tun hat, dass man doch nicht mit ihm reden kann. V. 9 ist eine Erläuterung zum zweiten Satz des V. 8, ebenso die satirische Formulierung des V. 11 inklusive V. 12. Satirisch nenne ich diese Formulierung, weil Schweigsamkeit nicht aus Sorten besteht, „Schweigsamkeit“ und Sorten“ also nicht zueinander passen, ein Merkmal satirischen Sprechens – obwohl man beim zweiten Nachdenken durchaus versteht, dass es verschiedene „Sorten“ (bzw. Motive) des Schweigens gibt. Die Verse 9 und 11 reimen sich sinnvoll, da sie beide dem Thema Schweigen gelten.

Die 4. Strophe besteht aus zwei Gedanken, ähnlich wie die 2. Strophe, nur dass sie hier ohne Zusammenhang nebeneinander stehen. Mit „Seelen und Krawatten“ (V. 13) werden wieder zwei „Dinge“ zusammengestellt, die kategorial nicht zueinander passen – ein Merkmal der Satire. Dass sie durch den besagten langen Anblick bös wurde, greift auf die 5. und 6. Strophe vor und wird auch dort erst verständlich. Dass sie „wie Grammophone mit drei Platten“ (V. 15) sind, also stets das Gleiche abspielen müssen, erläutert die paradoxe Formulierung, dass man mit Worten schweigt (V. 9). In dieser Strophe kann man einen Zusammenhang der Negativität zwischen „bös“ und „nervös“ (V. 14/16) erkennen; „nervös“ ist aber nicht das unbedingt passende Wort, was die Folge von V. 15 akkurat umschreibt (passender wäre „dumm, stupide, taub“), es verdankt sich der Notwendigkeit des Reimes – die einzige kleine Schwäche des Gedichts.

In den beiden folgenden Strophen wird ein neuer Aspekt des Verhältnisses der beiden beleuchtet, der schon in V. 13 angeklungen ist: Sie betrügen, belügen einander, sind feig und unansehnlich (V. 17-21); sie sehen sich beim Betrügen „voll ins Gesicht“ (V. 18), sind also auch noch dreist dabei – und scheitern doch damit (V. 19 f.). „Betrügen – belügen“ (V. 17/19) sind ein sinnvoller Reim.

Wieso lebten sie „feig“ (V. 21) Weil sie nicht den Mut zur Wahrheit hatten (V. 17-19). Dadurch unansehnlich geworden sind sie jetzt „echt“ (V. 21 f.) – das ist ein bittere Aussage, mit der der Sprecher sehr deutlich „gewisse Ehepaare“ bewertet, ebenso wie mit V. 24 (aber auch schon vorher, wenn auch nicht so hart). Dass alte Ehepaare einander ähnlich werden, ist eine Volksweisheit, hier eine bittere Wahrheit (V. 23).

in den beiden folgenden Strophen wird ein weiterer Aspekt dieses Verhältnisses beschrieben: Sie sind in ihrer Zweisamkeit Gefangene; das wird in einem Tiervergleich (V. 25) und mit dem ganzen Wortfeld der Gefangenschaft umschrieben: Gitter, fliehen, Käfig, gefangen, stöhnen, Ketten (V. 25-31). In V. 27 f. wird das Bild vom Tier im Käfig ausgebaut: Es steht ein Dritter vor dem Käfig… Das braucht man nicht in die „Wirklichkeit“ zu übertragen und zu „deuten“, hier ist einfach – typisch Satire – ein Bild über die Grenze der Analogie hinaus weitergezeichnet. Der Reim „gefangen in den Betten – Ketten“ (V. 27/29) fügt Gleiches zusammen; hier sieht man übrigens erneut, dass man bei der Untersuchung von Reimen sich nicht auf Wörter („Betten – Ketten“) beschränken darf, sondern Phrasen oder sogar den ganzen Vers beachten muss. Dass aus Bett und Kissen „Särge“ (V. 32) werden, sprengt das Bild des Gefangenseins, passt aber von der Vorstellung zum Bett und weist auf V. 36 hin.

Die letzte Strophe gleicht weithin der ersten (s.o.). Der entscheidende Unterschied liegt in V. 36: „Man hat sich ausgeschwiegen. / Nun ist es Zeit…“ Das Präsens „ist“ ergibt sich hier als Folge des Perfekts „hat sich ausgeschwiegen“: Etwas ist abgeschlossen, jetzt liegt das Ergebnis vor: „Nun ist es Zeit.“ Hier fehlt eine Angabe, wofür es Zeit ist. Im Zusammenhang mit den Hinweisen auf das Alter (V. 5), auf den Zustand der „Vollendung“ (V. 4, V. 22 u.a.) sowie auf die Särge (V. 32) muss man ergänzen: Es ist Zeit, dass sie sterben. Das ist nicht ausgesprochen, aber die makabre Wahrheit – wieder ein Merkmal satirischen Sprechens.

Stichwort Satire: Was wird hier angegriffen? Kritisiert wird die Art verfehlten Lebens gewisser Ehepaare, die nicht aus dem Käfig ihrer tödlichen verlogenen Zweisamkeit ausgebrochen sind. Ob der Akzent auf dem nicht Ausbrechen oder auf dem Leben im tödlichen Schweigen besteht, sei dahingestellt.

https://www.deutschelyrik.de/index.php/gewisse-ehepaare.html (Vortrag Fritz Stavenhagens)

https://www.youtube.com/watch?v=E9dT6svDjiM (Vortrag Otto Schenks)

Gegenüber Schillers „Das Lied von der Glocke“ sind hier bei Kästner „gewisse Ehepaare“ negativ gezeichnet – aber sein Blick auf die Ehe war nicht der einzige; die kritischeren Gedichte standen einfach nicht im Lesebuch. Bereits Francis Bacon von Verulam dichtete: Es ist betrübt, man könnte drüber weinen, / Ein Merkmal unser Schwäch‘ und Sündlichkeit, / Dass Lieb‘ und Ehe selten sich vereinen […]“

Vgl. auch Tucholskys Gedicht „Ehekrach“ (http://www.textlog.de/tucholsky-ehekrach.html, 1928) und die Liste der Ehemotive (http://www.sgipt.org/gipt/sozpsy/bez/ehemotiv.htm).

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