Kästner: Ansprache an Millionäre (1930) – Analyse

Warum wollt ihr so lange warten,

bis sie euren geschminkten Frauen […]

Dieses Gedicht stellt eine „Ansprache an Millionäre“ dar, wobei der Sprecher unbekannt bleibt: Er spricht die Millionäre mit „ihr“ an, denen nur zweimal ein „wir“ (bzw. „uns“, V. 42 und 44) gegenübersteht. Die Ansprache enthält eine Drohbotschaft: dass es ihnen an den Kragen geht, wenn sie die Welt nicht bald (V. 6) zum Besseren verändern. Der Sprecher tritt wie der Prophet Amos vor über 2700 Jahren auf, der die Oberschicht Israels anklagte, weil sie die Armen unterdrückte:

Seht, Tage kommen über euch, da holt man euch mit Fleischerhaken weg,

und was dann noch von euch übrig ist, mit Angelhaken.“ (Amos 4,2) Der Sprecher der Ansprache beruft sich aber nicht auf ein Wort des Herrn, sondern auf die voraussehbare geschichtliche Entwicklung zur Revolution; die Revolutionäre werden das Gericht an den Reichen vollziehen:

  • ihnen eins über den Schädel hauen (V. 2-4)
  • sie erstechen und an die Fenster hängen (V. 7 f.)
  • sie in die Flüsse jagen (V. 9)
  • ihnen die Köpfe abschlagen (V. 11)
  • sie an die Gartenmauern stellen und töten (V. 14 f.)

Diese Drohungen sind die Folie für den Aufruf, jetzt etwas zu ändern, bevor es zu spät ist: „Warum wollt ihr die Welt nicht ändern, / bevor sie kommen?“ (V. 23 f.) Dieser Aufruf wird in drei weiteren Fragen an die Millionäre gerichtet: „Warum wollt ihr so lange warten, bis…?“ (V. 1 ff.) „Warum wollt ihr euch denn nicht bessern?“ (V. 5) „Wie lange wollt ihr euch weiter bereichern?“ (V. 17)

Wenn sie sich jetzt nicht ändern und weiter zuwarten, dann wird es bald zu spät sein (V. 12):

  • Dann nützen Geschrei und Gebet nichts (V. 10).
  • Niemand wird über sie trauern (V.16).
  • Sie werden alles verlieren (V. 20).

Der Appell an die Millionäre stützt sich darauf, dass sie die Macht dazu haben, die Welt jetzt zu verändern, bevor die Revolutionäre kommen (V. 23 f.): Als die Herren der Welt haben sie sich „das Geld und die Macht genommen“ (V. 22). Dass ihnen das später nichts mehr nützt (V. 20, V. 24), erinnert an Jesu Gleichnis vom reichen Kornbauern (Luk 12,13-21), nur dass dort die Frist noch kürzer war: Der reiche Kornbauer soll bereits in der nächsten Nacht sein Leben verlieren. Auch Heines Gedicht „Die Wanderratten“ kann man zum Vergleich heranziehen, wo die bedrohlich anstürmenden Revolutionäre mit Ratten verglichen werden, die die Bürger bedrohen.

Die elf Strophen des Gedichts sind alle gleich aufgebaut: vier Verse im Kreuzreim; die ersten drei Verse weisen jeweils vier Hebungen mit freier Füllung auf, sind also volkstümliche Knittelverse, während der vierte Vers eine oder zwei Hebungen weniger aufweist; dadurch wirkt er oft wie ein kleines Fazit der Strophe, wie eine Sentenz (V. 12; V. 16; V. 20 u.ö.). Die Reime verbinden die Verse durchweg sinnvoll (etwa: den Frauen – über den Schädel hauen, V. 2/4; über die Freitreppen drängen – an die Fenster hängen, V. 6/8). Wenn die einzelnen Verse einen ganzen Satz bilden, was oft der Fall ist, sind die Reime insgesamt sinnvoll, etwa in der 3. Strophe: in die Flüsse jagen – die Köpfe abschlagen; sinnlos wird das Gebet sein – dann wird es zu spät sein.

Den ersten Teil der Ansprache bilden die genannten Fragen danach, warum die Millionäre noch warten wollen, statt die Welt zu verändern (Str. 1-6); dabei kommt der 6. Strophe insofern eine Sonderrolle zu, als dort in den ersten beiden Versen die Macht der Millionäre herausgestellt wird, die Welt zu verändern (V. 21 f.). Diese Strophe bildet so das Scharnier zum zweiten Teil der Ansprache, in der diese Macht als Pflicht (V. 28) ausgelegt wird: Sie können die Welt verändern (V. 23). → Sie haben die Pflicht, die Welt zu verwandeln (V. 27 f.).

Der zweite Teil umfasst, wenn man die überleitende 6. Strophe mitzählt, die Strophen 6-10; in ihnen wird den Millionären ihre Verpflichtung näher erklärt (Str. 6-9), ehe imperativisch eine Reihe von Appellen an sie gerichtet werden (Str. 10):

  • Ihr habt die Macht (euch genommen), Str. 6.
  • Ihr sollt nicht aus Güte handeln, sondern aus Pflicht, Str. 7.
  • Ihr sollt vernünftig sein, ihr macht mit der Weltveränderung ein Geschäft, Str. 8 und 9.

An die Imperative, die Welt zu verbessern, hängt der Spreche seinen klagenden Wunsch nach einem Dutzend kluger Millionäre („ein Dutzend Weise / mit sehr viel Geld“, V. 39 f.), welche die von ihm erkannte geschäftliche Chance nutzen würden.

Die Strophen 6-9 werden von den Aussageformen „Ihr seid – Ihr sollt“ bestimmt. Es fällt auf, dass nicht an die Güte oder das Herz der Millionäre appelliert wird, sondern an ihren Verstand, den sie bei ihren bisherigen Geschäften ja schon nachgewiesen haben (V. 31 f. und V. 21 f., dazu V. 33 ff.). Bildlich wird ihnen erspart, sich wie Engel Flügel anzuheften (V. 30); das klappt auch deshalb nicht, weil der Mensch nun einmal schlecht sei und bleibe (V. 29), weshalb man zumindest vernünftig sein müsse (V. 31). Damit weicht der Sprecher von der traditionellen, speziell der religiösen (christlichen) Ethik ab, welche die Menschen geradezu aufforderte, sich zunächst selber zu ändern: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15; so Johannes der Täufer, aber auch Jesus selber). Der Sprecher sagt dagegen: ‚Seid vernünftig und glaubt meiner Drohbotschaft.‘ Denn wenn man den Armen hilft, helfe man damit sich selber, man verdiene daran (V. 33 ff. und „von Geschäften“, V. 32).

Die letzte Strophe bildet den Abschluss, wo der Sprecher erkennt, dass seine Warnungen vergeblich sind und seine Appelle zur Vernunft ungehört verhallen: „Ihr seid nicht klug.“ (V. 41) Das ist schlimm, weil sie nicht gut sind (V. 26), aber sich mit Klugheit retten könnten (V. 31, V. 34 ff.). Erstmals erwähnt er „uns“, die Zuschauer ihres Untergangs: „Uns tut es leid. Ihr werdet‘s bereuen.“ (V. 42) Dass die Millionäre bald untergehen (und in die ewigen Jagdgründe eingehen werden), deutet er in einem Bild salopp an: „Schickt aus dem Himmel paar Ansichtskarten!“ (V. 43) Darauf folgt die sarkastische Schlussbemerkung: „Es wird uns freuen.“ Was? Dass wir von ihnen ein paar Ansichtskarten aus dem Himmel bekommen.

Der letzte Vers („Es wird uns freuen.“) steht einmal im Kontrast zu V. 42: „Es tut uns leid.“ Zusammen mit diesem steht er dann in Analogie zu dem Vers, der die erste Serie der Drohungen abschließt: „Niemand wird über euch trauern.“ (V. 16) Zum Schluss ist das nicht Trauern zum sich Freuen gesteigert.

Unheilspropheten haben es schwer, weil sie von den Besitzenden verlangen, dass sie etwas verändern; die Bedrohten wollen jedoch nichts ändern, weil sie sich so schön in ihrem Leben eingerichtet haben – und wenn sie dann erwachen, ist es zu spät, weil sie untergehen. Kästners Gedicht stammt aus dem Jahr 1930, wo es in Deutschland in der Zeit der Wirtschaftskrise Millionen Menschen gab, die keine Arbeit und kaum zu essen hatten. Heute werden wir Europäer alle von einigen „Propheten“ zu den Reichen gezählt, welche auf Kosten der Dritten Welt leben und die vom Untergang bedroht sind, wenn sie den Armen der Welt keine Teilhabe am eigenen Reichtum gewähren.

https://www.youtube.com/watch?v=8Is1ZDSWguY (Vortrag Fritz Stavenhagens)

https://www.youtube.com/watch?v=vvelhy4MRBE (Vortrag Werner Friedls)

https://www.youtube.com/watch?v=Hm-nT4D_iBA (Vortrag Elmar Rieders)

https://www.youtube.com/watch?v=TXH1tF6_oeA (Vortrags Konstantin Weckers)

http://lup.lub.lu.se/luur/download?func=downloadFile&recordOId=8054972&fileOId=8055088 (Erich Kästners politische Dichtung, eher Paraphrase verschiedener Gedichte)

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