Kästner: Sogenannte Klassefrauen – Analyse

Sind sie nicht pfui teuflisch anzuschauen?
Plötzlich färben sich die „Klassefrauen“ […]

Der erste Vers hat es in sich, „pfui teuflisch anzuschauen“ ist nicht leicht zu entschlüsseln:„Pfui Teufel“ ist eine Äußerung des höchsten Abscheus, die Wendung „pfui teuflisch“, davon abgeleitet, gibt es sonst nicht – was bedeutet sie also hier? Ist sie wirklich Ausdruck des Abscheus oder schwingt ein bisschen Bewunderung mit, da es ja um Klassefrauen geht? Ich denke, aus dem Fortgang des Gedichts, vor allem aus der letzten Strophe ergibt sich, dass hier wirklich reiner Abscheu ausgedrückt wird, da es sich ja nur um sogenannte „Klassefrauen“ (in Anführungszeichen!) handelt.

Ab V. 2 wird in vier Strophen erklärt, was für Frauen die sogenannten Klassefrauen sind. Die erste Bestimmung dieser Frauen liegt darin, dass sie sich die Nägel rot färben, „weil es Mode ist“ (V. 3). Diese Begründung ist entscheidend, nicht das Färben an sich. Dass ein Handeln aus dem Motiv „weil es Mode ist“ Unsinn ist, wird im Folgenden recht witzig demonstriert: Es wird nämlich vorgeführt, was sie alles bedenkenlos täten, wenn es Mode würde („Wenn es Mode wird“, V. 4, wiederholt oder variiert bis V. 21): die Nägel abkauen, sie mit dem Hammer blauhauen (nette Variation zu rot färben), die Brust färben, als Kind sterben (paradox – man kann na nicht nachträglich als Kind sterben!) usw., bis dahin, „das Bein zu heben an Laternen“ (V. 20) wie die Hunde, nur dass sie das als Frauen nicht können… Das Unsinnige ihrer Modeverfallenheit wird besonders deutlich, wenn sie sich daran erfreuen würden, sich die Finger mit dem Hammer blau zu hauen (V. 5 f.), sich also Schmerz zuzufügen, oder wenn sie wie Tiere auf allen Vieren durch die Stadt kriechen würden (V.15 f.); eigentlich zeigen alle Beispiele den Unsinn des Modefimmels auf. Ich zweifle nicht daran, dass der Sprecher heute auch das Tätowieren in seine Liste aufnähme.

Der Rhythmus des Gedichtes ist schwungvoll und lebhaft: Die fünf Verse einer Strophe bestehen aus fünfhebigen Trochäen, die in der Kadenz weiblich – männlich folgendermaßen wechseln: w – m – w – w – m, wobei sich die w- und die m-Verse jeweils reimen (dazu später). Dieses Fünferschema ist aus einem Viererschema mit Kreuzreim entstanden, wobei die Struktur des dritten Verses im vierten wiederholt wird. Dieses Strophenschema ist in der ersten Strophe noch einmal verändert, indem ein Vers vom Typus des ersten Verses vorgeschaltet wird, so dass wir das Schema w – w – m – w – w – m haben, mit entsprechenden Reimen. Die Reime der w-Verse passen im Allgemeinen zueinander, da es sich um die unsinnigen Prozeduren handelt, welchen sich die „Klassefrauen“ unterziehen würden: abkauen, blauhauen, Brust färben, als Kind sterben usw. Bei den m-Reimen muss man im Einzelfall prüfen, ob sie einen semantischen Mehrwert besitzen: in V. 3/6 ist das der Fall (die Freude passt zum Färben), in den weiteren Strophen gilt das mit einer kleinen Einschränkung auch, wenn man sich nicht nur auf das letzte Wort des jeweils zweiten Verses beschränkt, sondern den zugehörigen Satzkern dazu nimmt.

Die 5. Strophe wird nach dreimal „Wenn“ mit „Denn“ eingeleitet; es folgt die Erklärung dafür, dass die sogenannten Klassefrauen immer mit der Mode und nur mit ihr gehen: Sie fliegen auf „den ersten besten Mist / […] wenn sie hören, daß was Mode ist“ (V. 23/26, ein sinnvoller Reim). Der Vergleich „wie mit Engelsflügeln“ untermalt nur das metaphorische Verb „fliegen auf“ so, als ob es wie normales „fliegen“ gebraucht würde, ist also eigentlich nicht passend. Die ins Unsinnige gesteigerten Fälle des Modischen, bei denen die Frauen mitmachten, weisen das ganze Gedicht als Satire aus, genau wie die innere Unmöglichkeit, nachträglich als Kind zu sterben (V. 9) oder als Frau das Bein an Laternen zu heben (V. 20).

In der letzten Strophe äußert der Sprecher seine Wünsche dahin, wie man die sogenannten Klassefrauen wieder loswerden könnte, in Wenn-Sätzen mit Konjunktiv II:

  • Wenn‘s doch Mode würde, zu verblöden! (V. 27)
  • Wenn‘s doch Mode würde diesen Kröten / jede Öffnung einzeln zuzulöten! (V. 29 f.)

Der erste Wunsch brauchte gar nicht geäußert zu werden, weil die „Klassefrauen“ nach Meinung des Sprechers ohnehin verblödet sind; die Mode des Verblödens gäbe ihnen allerdings die Chance, besonders groß herauszukommen – „Denn in dieser Hinsicht sind sie groß.“ (V. 28) Der zweite Wunsch ist recht sarkastisch ein Todeswunsch, wobei das Zulöten nicht zur Kategorie Lebewesen passt (Merkmal der Satire): „Denn dann wären wir sie endlich los.“ (V. 31)

Der Sprecher unterscheidet sich deutlich von anderen Männern, welche besagte Frauen „Klassefrauen“ nennen, weil sie mit der Mode gehen, um sich von anderen Frauen (Mauerblümchen, Bauerntrampel – oder wie man sie sonst beschimpfen mag) unterscheiden. Seine Kritik ist darin begründet, dass sie auf den ersten besten Mist hereinfallen, ja auf ihn fliegen (V. 23)

Ein Gedicht über Frauenmode, das ist Neue Sachlichkeit!

https://www.youtube.com/watch?v=tJJvXhTiFuQ (Vortrag Hermann Lauses)
https://www.youtube.com/watch?v=QL42QjvE-mc (Vortrag, bebildert)
https://www.youtube.com/watch?v=mHLgIi2YIS0 (Vortrag Dirk Maiwalds, gesungen), sowie weitere Versuche des Vortrags, auf youtube zu finden.
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