Kästner: Der geregelte Zeitgenosse – Analyse

Hei, wie er die Zukunft auswendig wußte!
Er kannte die Höhe der Summe genau […]“

Das Gedicht ist eine Auftragsarbeit für die Nr. 43 der Zeitschrift „Jugend“ (1930), die dem Thema „Spießer“ gewidmet war. Kästner stellt darin den geregelten Zeitgenossen vor, der den Ablauf seines Lebens total verplant hat. Ein anonymer Sprecher beschreibt diesen Zeitgenossen im Stil einer Typisierungi, wobei er ihn scheinbar zweimal bewundert – aber an beiden Stellen ist nicht klar, ob er personal aus der Sicht des Zeitgenossen spricht oder aus seiner eigenen Perspektive.

Der Sprecher beginnt mit einem begeisterten Ausruf „Hei, wie er die Zukunft auswendig wußte!“ (V. 1) Wenn man die Hei-Begeisterung dem Sprecher zurechnet, dann dient sie, vom Autor aus gesehen, dazu, den Zeitgenossen erst recht ins kritische Licht zu rücken. Das vorgreifende Wissen des Zeitgenossen (Z) – die Zukunft kann man eo ipso nicht kennen, also auch nicht auswendig wissen, auch wenn man Vorsorge für bedrohliche Ereignisse trifft – wird dann am Beispiel der Sterbeversicherung erläutert (V. 2-4); das ist ein gängiges Verfahren der Typisierung, neben verallgemeinernden Beschreibungen, wie sie in der 2. Strophe vorliegen (Aufzählung in V. 6, die mit der Vielzahl alles abdeckt). Der Z wird mit seiner Lebenseinstellung von anderen als fürsorglicher Familienvater anerkannt (V. 5). Das entscheidende Stichwort ist „versicherungsrechtlich geregelt“ (V. 7): Regelung schließt Unvorhergesehenes aus. Daraus ergibt sich das anerkennende (Selbst?)Lob in V. 8: „Er hatte das Schicksal glatt in der Hand.“ Das ist natürlich unmöglich, wie man seit alters weiß – selbst die Götter der Griechen waren dem Schicksal unterworfen, und die Christen beten mit Jesus: „Dein Wille geschehe!“ Es folgt ein weiteres Beispiel dafür, wie der Z sein Leben verplant hat (Gehaltsentwicklung ist vorhersehbar – er kann eigentlich nur Beamter sein). Die Sicherheit seines Wissens wird hypothetisch gegen die Möglichkeit, dass sich die Erdachse verböge, gestellt (V. 9) – ein Ding der Unmöglichkeit, weil die Erdachse ja nur eine gedachte Linie ist, die sich nicht verbiegen kann. Die beiden unmöglichen Aussagen (Schicksal, Erdachse) stellen das Gedicht in die Nähe einer Satire.

Wenn man die Form des Gedichtes betrachtet, fällt auf, dass der Sprecher den Knittelvers gewählt hat (vier Hebungen mit freier Füllung); die Verse sind teilweise im Kreuzreim, teilweise im umfassenden Reim aneinander gebunden, abwechselnd mit weiblicher und männlicher Kadenz – zusammen ergibt das ein lebhaftes Sprechen, in Distanz zu hoher Lyrik. Die Satzlänge (oft über drei Verse) macht es schwer, in den reimenden Versen auch semantische Bezüge herzustellen. Das geschieht eher in einer Strophe mit kurzen Sätzen, z.B. in V. 13/15 (hohe Mauern – sich bedauern), aber gelegentlich auch in denen mit längeren, z.B. V. 18/20 (was sie besprächen – wie sie sich unterbrächen) oder V. 22/24 (Amerika – immer noch da).

In der 4. Strophe wird sein Leben in einem Bild negativ bewertet, was man dem Sprecher zurechnen muss: Hohe Mauernii umgeben ihn und rücken immer näher – sie beschränken die Sicht und verstellen die freie Bewegung (V. 13 f.). Aus der Sicht anderer ist das richtig, aus der Sicht des Z aber nicht: Die Gewohnheit und die totale Regelung gibt ihm ja gerade den Blick in die Zukunft frei (vgl. 1. und 2. Str.); so verstehe ich nicht, dass er sich zu bedauern beginnt (V. 15 f.) – das passt einfach nicht zur Lebenseinstellung des Z, wie sie bisher beschrieben wurde, und stellt m.E. eine Schwäche des Gedichtes dar: Was der Autor meint, darf er nicht durch seinen Sprecher dem Z unterstellen!

Worin die hohen Mauern bestehen, wird an einem Beispiel erklärt (V. 18-20): Alle Worte und Gespräche sind vorhersehbar, laufen nach einem strengen Schema ab. Die drei Verse werden summarisch eingeleitet: „Da half kein gesteigertes Innenleben.“ (V. 17) Zu ergänzen ist aus dem Kontext: Es half nicht gegen das Leiden an den hohen Mauern. Da aber das täglich gleiche Gespräch gerade die hohen Mauern ausmacht, nicht aber ein „gesteigertes Innenleben“ darstellt, ist V. 17 objektiv ironisch zu lesen – ob der Sprecher es ironisch meint, sei dahingestellt.

Die mit V. 13 einsetzende negative Bewertung des geregelten Lebens wird in der 6. Strophe fortgesetzt: Alle Lebensvollzüge (Aufzählung,V. 21), selbst Lieben und Atmen werden zu einem „Amt“: Ein Amt ist eine offizielle (Dienst)Stellung, die mit bestimmten Pflichten verbunden ist, oder eine Aufgabe, zu der sich jemand bereit gefunden hat: Obliegenheit, Verpflichtung (Duden: Deutsches Universalwörterbuch). Bei der Liebe spricht man öfter von ehelichen Pflichten, aber wenn das Atmen ein „Amt“ wird, ist das Leben deformiert. Im nächsten Vers beklagt sich der Z über den Verlust seines Lebens: „Er war doch mal ein Mensch gewesen!“ (V. 23) In der erweiterten Abhängigkeit von „sich bedauern“ (V. 15), aufgrund des Rufzeichens am Versende (V. 23, vgl. V. 24) und des folgenden Gedankens „Verdammt!“ (V. 24) muss man V. 23 als personal, also aus der Perspektive des Z gesehen denken. Wenn er Mensch gewesen war, dann ist er es jetzt nicht mehr – mit dieser Einschätzung hat der Z recht; denn den Menschen zeichnen Spontaneität und Kreativität aus, aber dem Z sind sie abhanden gekommen, und er war auch noch stolz darauf gewesen (1. – 3. Str.).

Zum Schluss berichtet der Sprecher episodisch von Fluchtgedanken des Z (V. 25 ff.), die aber nicht verwirklicht werden – wobei ihm die Flucht nach Amerika auch gar nichts genützt hätte: „So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,heißt es in Goethes Gedicht „Dämon“ (in: Urworte, orphisch), entfliehen auch nicht durch den Umzug nach Amerika. Die beiden letzten Verse „erklären“, weshalb der Z nicht nach Amerika gegangen ist: aus Rücksicht auf seine Frau. Auch das ist eine schwache „Erklärung“, welche die innere Starrheit des geregelten Lebens nach außen transportiert und bei der Frau ablädt.

Der Typus des geregelten Z ist in diesem Gedichtiii gut getroffen; die Selbstkritik und das Leiden des Z an seinem Leben finde ich nicht glaubwürdig – hier wird die Kritik des Autors auf die schwachen Schultern des Z geladen.

ii Die hohen Mauern erinnern mich an Kurt Martis Geschichte „Neapel sehen“ aus „Dorfgeschichten“ (1960).

iii Das Gedicht erinnert mich an einen wunderbaren Text Erich Pawlus: „So ein dummer Mensch“, in der SZ vom 11. August 1984; da wird das von lieben Gewohnheiten bestimmte Leben in einem flirrenden Spiel verschiedener sich kreuzender Perspektiven (Frau Kriegler, ihr Mann Arnold, die Briefkastentante „Frau Tatjana“) beleuchtet.

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