Nossack: Dem unbekannten Sieger – Besprechung

Vierzig Jahre ist Hans Erich Nossack tot – und fast vergessen, obwohl er den Büchnerpreis bekommen hat. Gestern habe ich nach langer Zeit noch einmal „Dem unbekannten Sieger“ (1969) gelesen; vor Jahrzehnten war ich von dem Buch begeistert, heute lese ich es mit einigen Vorbehalten.

Ein namenloser Ich-Erzähler (verheiratet, Lehrer, promovierter Historiker) erzählt, wie man spät erfährt, einem Notar („Sie“) die Geschichte eines großen Missverständnisses, welches durch ein kleines Anzugetikett nach dem Tod des Vaters aufgeklärt wird: Er hat über revolutionäre Ereignisse 1919 in Hamburg seine Dissertation geschrieben und ein populärwissenschaftliches Buch darüber unter dem Titel „Dem unbekannten Sieger“ veröffentlicht; bei seiner Verlobung 1951 schenkt er das Buch seinem Vater, einem Kaufmann, der es aber schon kennt. Der Vater, Kurt Hinrichs, hat dem Sohn dann teilweise in einem Gespräch, teilweise im Vorspielen, teilweise in einem langen Vortrag erklärt, wie es in Wirklichkeit 1919 zugegangen sein muss; er sei damals in Vertretung der Firma in Hamburg gewesen und habe sich die Ereignisse angeschaut. Dabei wechselt er immer wieder in die Ich-Form des Agierenden und macht so beizeiten deutlich, dass er der unbekannte Sieger, der „Genosse Hein“ war. Was der Leser bald merkt, hat der Sohn 1951 nicht verstanden, obwohl es mit Händen zu greifen ist; denn als Historiker hält er sich an Dokumente, während der Vater als Vertreter des gesunden Menschenverstandes agiert hat und argumentiert: wie es gewesen sein muss. Was der Vater dabei an Detailwissen offenbart, tut der Sohn als Phantasie ab.

Das Buch lebt von dieser Differenz zwischen auf „Dokumenten“ beruhender Wissenschaft und gesundem Menschenverstand, wobei dieser sich als die überlegene Kraft erweist. Die Erzählsituation ist nicht glaubwürdig, der Notar kommt nicht einmal zu Wort; die Begriffsstutzigkeit des Historikers ist so dick aufgetragen, dass sie schon satirisch wirkt. Die alte Frau Hinrichs ist ein eher dummes Frauchen, die junge Frau Hinrichs darf ihr als Verlobte ein paar Mal beipflichten – Vater und Sohn sind die Hauptakteure, wobei es schon verwundert, dass der Historiker seinen Vater nie nach dessen Wissen oder Erlebnissen 1919 befragt hat. Fazit: beim ersten Lesen ganz nett, aber ein bisschen zu weitschweifig. Im Netz gibt es nur eine einzige Besprechung, die äußerst kritische von Martin Gregor-Dellin in der ZEIT (s. erster Link).

http://www.zeit.de/1970/08/ein-anzug-ist-nicht-genug (sehr kritisch)

https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Erich_Nossack

https://www.jewiki.net/wiki/Hans_Erich_Nossack

http://www.zeit.de/1963/41/hans-erich-nossack-der-nuechterne-visionaer (Würdigung des Autors)

http://www.kritische-ausgabe.de/hefte/stadt/stadtviertelhaus3.pdf

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