D. Kehlmann: Tyll (2017) – Besprechung

Gestern habe ich Kehlmanns Roman „Tyll“ (Rowohlt 2017) zu Ende gelesen. Nun frage ich mich: Worum geht es eigentlich in dem Roman? Die Hauptfigur ist Till Eulenspiegel (https://de.wikipedia.org/wiki/Till_Eulenspiegel), eine Figur aus einem Volksbuch, der im 14. Jahrhundert gelebt haben soll und von Kehlmann in den 30jährigen Krieg versetzt wird. Er bekommt eine schwere Kindheit und eine Gefährtin Nele und wird Hofnarr beim gescheiterten Winterkönig und seiner Frau Elisabeth; außerdem zieht er als Gaukler durch die Welt des Krieges, wird als Mineur verschüttet und lebt dann zum Schluss doch.

Das wird also erzählt – aber worum geht es in dem Roman? Das ist mir nicht klar geworden. Es geht am ehesten um ein bisschen von allem: um den Krieg, um Armut und Not, um Kämpfen und Überleben, um Macht- und Familienpolitik und Verhandeln, um Hexenverfolgung und intrigante Jesuiten, um Gelehrte (Olearius und Kircher, Karikaturen weltberühmter Gelehrter, Tesimond schon ziemlich fiktiv) und Soldaten. Das alles wird einigermaßen spannend erzählt, ohne sprachliche Ambitionen, dafür mit vielen Versatzstücken: beginnend beim Spruch aus dem Märchen von den Bremer Stadtmusikanten, etwas Besseres als den Tod finde man überall, über die Ausschlachtung des bekannten Haufenparadoxes (https://also42.wordpress.com/2011/07/02/cohen-das-schiff-des-sorites-ratsel-8-das-schiff-des-theseus/ oder https://de.wikipedia.org/wiki/Paradoxie_des_Haufens), das hier „Körnerproblem“ genannt wird, das Vögelchen vom Blocksberg und die Umformulierung von des Kaisers neuen Kleidern, die hier als das leere Bild auftauchen, welches Lumpen und Nichtsnutze nicht sehen können. Im Roman erklärt Nele, wie in ihrem Kopf aus vielen bekannten Teilen ein Märchen entsteht: „fängt man einmal an, so geht es ganz von selbst weiter, und die Teile fügen sich zusammen, mal so und mal so, und schon hat man ein Märchen.“(S. 327) So ähnlich ist wohl auch Kehlmanns Roman „Tyll“ entstanden; da kann es dann auch zwei Versionen des gleichen Geschehens geben, etwa von Pirmins Tod, das fügt sich alles zusammen und ist auch nicht so wichtig.

Warum sollte man den Roman lesen? Dafür weiß ich keinen plausiblen Grund; eine zweite Lektüre lohnt sicher nicht – es ist also kein großer Roman, trotz der sich wieder überschlagenden Lobsprüche der Kritiker, sondern ein ziemlich solide gemachter, nicht mehr und nicht weniger.

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