J. Kaube: Die Anfänge von allem (2017) – Besprechung

Jürgen Kaube, einer der Herausgeber der FAZ, hat mit „Die Anfänge von allem“ (Rowohlt 2017) ein Buch veröffentlicht, das im Dezember 2017 bereits in 3. Auflage vorlag, wobei die Auflagenhöhe aber dezent verschwiegen wird. Es geht darin um die Anfänge spezifisch menschlich-kultureller Errungenschaften, die nicht durch Nachahmung natürlicher Gegebenheiten erklärt werden können, vom aufrechten Gang über die Anfänge der Sprache, der Religion, der Musik, der Schrift bis zu den Anfängen des Geldes und der Monogamie – insgesamt 16 Kapitel mit 50 Seiten Anmerkungen und 40 Seiten Literaturangaben. Dabei greift Kaube auf evolutionsbiologische Überlegungen, historische Untersuchungen zur Antike und ethnologisches Vergleichsmaterial zurück, ohne dass diese Differenzen in der Fragestellung im Einzelfall begründet würden: Warum widmet er sich z.B. im 12. Kapitel den Anfängen des geschriebenen Rechts, also dem Codex Hammurabi, aber nicht dem mutmaßlichen Anfang rechtlicher Verhältnisse unter Menschen?

Bestechend ist die Fülle der Literatur, die Kaube verarbeitet hat; dabei fällt allerdings auf, dass die englischsprachige Literatur überproportional vertreten ist, auch mit Artikeln in Fachzeitschriften, an die man als normaler deutscher Leser nicht herankommt. Dafür fehlt manchmal deutsche Standardliteratur, bei der Schrift etwa Christian Stetters „Schrift und Sprache“ (Suhrkamp 1997).

Die 14 Kapitel sind naturgemäß nicht gleich gut. Die ersten Kapitel haben mich besonders beeindruckt: über den aufrechten Gang als zentrales Kriterium des Menschlichen, über das Kochen und Sprechen (wobei ich nicht begreife, wie es ein Kapitel über das Sprechen und eines über die Sprache geben kann). Gut ist auch das Kapitel über die Stadt, während die Kapitel über die Religion, den Staat und das Erzählen Schwächen aufweisen. Das müsste an vielen Einzelheiten belegt werden.

So geht es im 14. Kapitel darum, dass es praktisch war, die unzähligen Götter auf einige zu reduzieren. „Dafür waren Gedanken wie der nötig, dass nicht jeder Fluss eines zuständigen Gottes bedarf, wenn sich alle Flüsse aus einem unterirdischen See speisen. Dessen Gott genügte dann. Auf diese Weise kamen Konzepte wie Ursache und Wirkung, Ganzes und Teil oder Über- und Unterordnung ins Spiel. Die Menschheit lernte an den Göttern, die sie sich vorgestellt hatte, logisch zu denken.“ (S. 296) Das ist denn doch eine viel zu einfache „Erklärung“ der Herkunft von Kategorien des Denkens. Und es nicht die einzige Stelle, wo Kaube journalistisch-flott statt wissenschaftlich-langsam argumentiert.

Gleichwohl hat Kaube ein Buch geschrieben, das interessant ist und viel Stoff zum Nachdenken bietet. Und das wollte er ja auch, nicht nur die Anfänge zivilisatorischer Errungenschaften darstellen (S. 19), sondern auch „Perspektiven auf die Zivilisation (…) eröffnen, die nicht von unseren eigenen Gewohnheiten schon festgelegt sind“ (S. 22). Dabei ergibt sich, dass viele Errungenschaften nicht eine einzige Ursache haben, dass sie nicht direkt „erfunden“ worden sind, dass es über ihre Anfänge nicht nur eine Theorie gibt; wenn man gut Bescheid weiß, etwa über die Anfänge der Stadt, reduziert sich jedoch die Zahl der plausiblen Theorien.

Als eine Schwäche erweist sich m.E. die Aufteilung der Frage nach den Anfängen auf viele Themen, bei denen man dann wieder auf andere Themen resp. die dort vorgetragenen Überlegungen zurückgreifen muss. Ein chronologisch geordneter Längsschnitt hätte diese Probleme umgangen.

https://www.mdr.de/kultur/empfehlungen/sachbuch-der-woche-juergen-kaube-die-anfaenge-von-allem-100.html

https://www.zeit.de/2017/44/die-anfaenge-von-allem-juergen-kaube-sachbuch

http://www.deutschlandfunk.de/juergen-kaube-die-anfaenge-von-allem-ein-buch-das-lust-zum.700.de.html?dram:article_id=408511

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article169026184/Was-hat-der-aufrechte-Gang-mit-Monogamie-zu-tun.html (sehr anregend)

https://www.praeposition.com/sentimenthek/9-jrgen-kaube-die-anfnge-von-allem u.a.

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