Kurt Tucholsky: Das Ideal – Text und Analyse

Das Ideal

Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.

Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

Neun Zimmer – nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve –
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) –
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.

Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad – alles lenkste
natürlich selber – das wär ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

Ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche – erstes Essen –
alte Weine aus schönem Pokal –
und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
Und noch ne Million und noch ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

Ja, das möchste!

Aber, wie das so ist hienieden:
manchmal scheints so, als sei es beschieden
nur pöapö, das irdische Glück.
Immer fehlt dir irgendein Stück.
Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –
hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

Etwas ist immer.
Tröste dich.

Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Daß einer alles hat:
das ist selten.

Theobald Tiger, 1927

Es spricht eine unbekannte Stimme, die sich an ein Du wendet; dieses Du ist aber keine bestimmte Person, sondern jedermann. Das sieht man daran, wie „du“ und „wir“ wechseln (V. 35 f.). Ort und Zeit der Äußerung sind nicht auszumachen, sind auch belanglos, weil im Präsens Wünsche geäußert werden, die die meisten haben.

Zuerst wird aufgezählt, was man alles möchte (du = man, hier mit der Perspektive eines Mannes, vgl. V. 12 f., vielleicht auch V. 16 f.). Die Aufzählung ist durch den Satz „Ja, das möchtste“ eingerahmt (V. 1 und V. 28). Dem wird entgegengesetzt, wie es in Wirklichkeit ist – dass man nämlich nicht alles hat, was man haben möchte (V. 29 ff.), mit einem kleinen Trost des Sprechers (V. 37 f.). Zum Schluss steht das Resümee (V. 39-42). Thema ist das menschliche Streben nach Glück, das von der Imagination der Fülle aller Güter angetrieben wird, und die unausweichliche Erfahrung, dass davon immer etwas fehlt.

Das Gedicht besteht aus neun Strophen unterschiedlicher Länge, von einem Vers (dreimal) bis zu acht Versen (dreimal). Versmaß ist häufig der Knittelvers, aber nicht immer; manchmal bekommt man einen Knittelvers, wenn man zwei Verse zusammenfasst (V. 37 f. und V. 41 f.); dann passen diese Verse auch in das Paarreim-Schema, welches das Gedicht beherrscht. Diese Paarreime sind durchweg semantisch sinnvoll, weil es sich um Dinge handelt, die zum großen Glück gehören: eine Villa mit Terrasse – direkt an der Friedrichstraße (in Berlin, V. 2 f.); nicht zu vergessen – die Küche: erstes Essen (V. 20 f.), usw. Manchmal hakt es auch ein wenig bei den Reimen, aber darauf kommt es bei der Aufzählung aller möglichen Glücksgüter nicht an. Im Gegenteil, gerade deren Aufzählung steckt so voller Widersprüche und Unmöglichkeiten, dass man vom Humor des Sprechers zum Ende und zur Einsicht geführt wird: Man kann nicht alles haben. Es wird in der Umgangssprache gesprochen („Moneten“, V. 34), mit Verschleifung von Buchstaben und Wörtern (z. B. „möchste“, V. 1), der Auslassung von Buchstaben (z. B. „drauf“, V. 9) oder Silben (z. B. „ne“, V. 25), der Verkürzung von Sätzen (v. a. V. 24 ff.); aber diese Verkürzung kann man auch als Aufzählung von Objekten ansehen, die man haben möchte (ab V. 2). Der Sprecher kennt aber auch Wörter der Bildungssprache („Verve“, V. 12; „Geisha“, V. 35). Oft geht der Satz übers Versende hinaus, wie es eben der Fülle der Wünsche entspricht. Was mit „Vakuum“ (V. 10) gemeint ist, kann ich nicht sagen, vermutlich liegt eine 1927 bekannte verkürzte Sprechweise vor; man spricht von Vakuum, wenn der Druck geringer ist als der normale Luftdruck.

Die Wünsche beziehen sich auf die Lage eines Traumhauses (V. 2-6), auf seine Ausstattung (V. 8-14; V. 15 ist wieder die Lge), auf die verfügbaren Fahrzeuge und Vergnügungen (V. 16-19) sowie auf das Drumherum, auf alles Mögliche (V. 20-27). An einigen Beispielen sei aufgezeigt, dass sich die Wünsche schlechtweg nicht alle erfüllen lassen und dass der Sprecher diese Widersprüche bewusst konstruiert hat: Eine Villa im Grünen kann nicht genau zwischen der Friedrichstraße und der Ostsee liegen (V. 2 f.) und auch noch Aussicht auf die Zugspitze bieten (V. 5). Kein Dachgarten hält Eichen aus (V. 9), bei dauernd opulentem Essen bleibt man nicht schlank (V. 21-23), und ewige Gesundheit (V. 27) gibt es auch nicht. Das Prinzip der Aufzählung (schön in V. 16 f. und V. 24 ff. zu sehen) und die Steigerung „zwei – vier – acht“ (V. 16 f.) sind geeignet, die Fülle der gewünschten Güter auszudrücken. Dass die Wünsche „voller Bescheidenheit“ (V. 7) vorgetragen werden, ist Ironie, aber eine gutmütig-humorvolle.

Dieser Unzahl der Wünsche wird das große „Aber“ (V. 29) entgegengesetzt, mit einem Hinweis auf die allgemeine Erfahrung („wie das so ist hinieden“ – das Adverb stammt aus der religiösen Sprache: die Erde in Abgrenzung zu Gottes Himmel) begründet: dass das Glück nur schrittweise oder stückweise zu haben ist (V. 30 f.), dass immer etwas fehlt (V 32 ff), was dann an Beispielen aufgezeigt wird (V. 33-36). Der dazu gehörende Trost lautet: „Etwas ist immer.“ (V. 37) Mit diesem höchst unbestimmten Satz kann man tatsächlich alle möglichen Störungen und Unzulänglichkeiten „erklären“, ihm kann man nicht widersprechen. Die gleiche Erfahrung ist in der ersten Strophe eines schönen Gedichts von Wilhelm Raabe (1831-1910), das unter dem Titel „Des Menschen Hand“ bekannt ist, in der Novelle „Holunderblüte“ (1897) so formuliert:

Legt in die Hand das Schicksal dir ein Glück,
musst du ein andres wieder fallen lassen;
Schmerz und Gewinn erhältst du Stück um Stück,
und Tiefersehntes wirst du bitter hassen.“

Im Resümme wird zunächst der Gedanke der vorletzten Strophe wiederholt: „Jedes Glück hat einen kleinen Stich.“ (V. 39). Dann wird noch einmal die lange Liste der Wünsche abstrakt zusammengefasst: „Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.“ (V. 40) Haben und Sein sind als Infinitive zu „möchten“ zu lesen; mit Haben und Sein ist der Bereich des Einzelnen abgedeckt, wobei über den Unterschied von Haben und Sein (mit unberechtigter Verachtung des Habens bei Erich Fromm und anderen „Hochgesinnten“, vgl. https://opus4.kobv.de/opus4-Fromm/files/15536/Mainberger_G_K_1977.pdf) viel zu sagen wäre. Die Geltung betrifft unser Sein in der Sicht der anderen. Mehr als viel haben, sein und gelten kann man nicht.

Es folgt die tröstliche Wahrheit zum Schluss: „Dass einer alles hat: das ist selten.“ (V. 41 f.) Das ist humorvolles Understatement: Dass einer alles hat, gibt es nicht. Gegen die ausufernden Wünsche unserer Fantasie (V. 2 ff.) stellt der Sprecher die Realität und die Erfahrung, mit leisem Humor bescheidet er sich schließlich in die Grenzen des Menschlichen.

Ähnlich geht es im Gedicht „Der 13. Monat“ von Erich Kästner (1955) zu: Da wird zuerst die Fülle aller Gaben der Erde gewünscht, doch am Ende gibt sich auch dieser Sprecher mit der Realität zufrieden, dass es den außerordentlichen 13. Monat nicht gibt, sondern dass das Jahr wieder mit dem Januar beginnt, dass alles sich im Kreise dreht. Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898) hält dagegen an dem Wunsch nach der Überfülle fest; die letzte Strophe seines Gedichtes „Fülle“ lautet:

Genug ist nicht genug! Mit vollen Zügen
Schlürft Dichtergeist am Borne des Genusses,
Das Herz, auch es bedarf des Überflusses,
Genug kann nie und nimmermehr genügen!“

Kant hat dagegen erklärt, wieso wir das fantasierte Glück nicht erreichen bzw. durch Fantasie nicht einmal bestimmen können (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 1785, Zweiter Abschnitt):

Die Imperativen der Klugheit würden, wenn es nur so leicht wäre, einen bestimmten Begriff von Glückseligkeit zu geben, mit denen der Geschicklichkeit ganz und gar übereinkommen und eben sowohl analytisch sein. Denn es würde eben sowohl hier, als dort, heißen: wer den Zweck will, will auch (der Vernunft gemäß notwendig) die einzigen Mittel, die dazu in seiner Gewalt sind. Allein es ist ein Unglück, daß der Begriff der Glückseligkeit ein so unbestimmter Begriff ist, daß, obgleich jeder Mensch zu dieser zu gelangen wünscht, er doch niemals bestimmt und mit sich selbst einstimmig sagen kann, was er eigentlich wünsche und wolle. Die Ursache davon ist: daß alle Elemente, die zum Begriff der Glückseligkeit gehören, insgesamt empirisch sind, d.i. aus der Erfahrung müssen entlehnt werden, daß gleichwohl zur Idee der Glückseligkeit ein absolutes Ganze, ein Maximum des Wohlbefindens, in meinem gegenwärtigen und jedem zukünftigen Zustande erforderlich ist. Nun ist’s unmöglich, daß das einsehendste und zugleich allervermögendste, aber doch endliche Wesen sich einen bestimmten Begriff von dem mache, was er hier eigentlich wolle. Will er Reichtum, wie viel Sorge, Neid und Nachstellung könnte er sich dadurch nicht auf den Hals ziehen. Will er viel Erkenntnis und Einsicht, vielleicht könnte das ein nur um desto schärferes Auge werden, um die Übel, die sich für ihn jetzt noch verbergen und doch nicht vermieden werden können, ihm nur um desto schrecklicher zu zeigen, oder seinen Begierden, die ihm schon genug zu schaffen machen, noch mehr Bedürfnisse aufzubürden. Will er ein langes Leben, wer steht ihm dafür, daß es nicht ein langes Elend sein würde? Will er wenigstens Gesundheit, wie oft hat noch Ungemächlichkeit des Körpers von Ausschweifung abgehalten, darein unbeschränkte Gesundheit würde haben fallen lassen, u.s.w. Kurz, er ist nicht vermögend, nach irgend einem Grundsatze, mit völliger Gewißheit zu bestimmen, was ihn wahrhaftig glücklich machen werde, darum, weil hiezu Allwissenheit erforderlich sein würde. Man kann also nicht nach bestimmten Prinzipien handeln, um glücklich zu sein, sondern nur nach empirischen Ratschlägen, z.B. der Diät, der Sparsamkeit, der Höflichkeit, der Zurückhaltung u.s.w., von welchen die Erfahrung lehrt, daß sie das Wohlbefinden im Durchschnitt am meisten befördern. Hieraus folgt, daß die Imperativen der Klugheit, genau zu reden, gar nicht gebieten, d.i. Handlungen objektiv als praktisch-notwendig darstellen können, daß sie eher für Anratungen (consilia) als Gebote (praecepta) der Vernunft zu halten sind, daß die Aufgabe: sicher und allgemein zu bestimmen, welche Handlung die Glückseligkeit eines vernünftigen Wesens befördern werde, völlig unauflöslich, mithin kein Imperativ in Ansehung derselben möglich sei, der im strengen Verstande geböte, das zu tun, was glücklich macht, weil Glückseligkeit nicht ein Ideal der Vernunft, sondern der Einbildungskraft ist, was bloß auf empirischen Gründen beruht, von denen man vergeblich erwartet, daß sie eine Handlung bestimmen sollten, dadurch die Totalität einer in der Tat unendlichen Reihe von Folgen erreicht würde.

Wenn man das verstanden hat, ist man ein Stück klüger geworden, hat man einen Schritt auf dem Weg zur Weisheit getan.

P.S. In einer Mail schreibt Diana Krüger: „‚Vakuum‘ könnte eine Kurzform für den Staubsauger (vacuum cleaner) sein, der ja in dieser Zeit ein Luxusgegenstand war und ganz gut in die Aufzählung passen würde – oder?“ Dieser Sprachgebrauch lässt sich nicht belegen, der Vorschlag überzeugt mich nicht, weil der männliche Sprecher sich wohl kaum fürs Reinigen interessiert.