Tucholsky: Also wat nu – ja oder ja? – Text und Analyse

Also wat nu – ja oder ja?

 

Wie ick noch ’n kleena Junge wah,

da hattn wa auffe Schule

een Lehra, den nannten wa bloß: Papa –

een jewissen Doktor Kuhle.

Un frachte der wat, un der Schieler war dumm,

un der quatschte und klönte bloß so rum,

denn sachte Kuhle feierlich:

»Also – du weeßt et nich!«

 

So nachn Essen, da rooch ick jern

in stillen meine Sßijarre.

Da denk ick so, inwieso un wiefern

un wie se so looft, die Karre.

Wer weeß det … Heute wähln wa noch rot,

un morjen sind wa valleicht alle tot.

Also ick ja nich, denkt jeda. Immahin …

man denkt sich so manchet in seinen Sinn.

Ick bin, ick werde, ich wah jewesen …

Da haak nu so ville Bicher jelesen.

Und da steht die Wissenschaft uff de Kommode.

Wie wird det mit uns so nachn Tode?

Die Kürche kommt jleich eilich jeloofn,

da jibt et ’n Waschkorb voll Phillesophen …

Det lies man. Un haste det hinta dir,

dreihundert Pfund bedrucktet Papier,

denn leechste die Weisen

beit alte Eisen

un sachst dir, wie Kuhle, innalich:

Sie wissen et nich. Sie wissen et nich.

 

Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 1. 9. 1931, Nr. 35, S. 347

Es spricht ein Ich-Erzähler über seine letzten Einsichten; zu wem oder bei welcher Gelegenheit er spricht, bleibt offen.

Das Gedicht besteht aus zwei ungleich langen Strophen. In der ersten Strophe erzählt er als Erwachsener von seinem Lehrer Dr. Kuhle und dessen Spruch: „Also – du weeßt et nich!“ In der zweiten Strophe berichtet er, wie er gelegentlich über Gott und die Welt nachdenkt und dabei zum Ergebnis kommt, dass „die Weisen“ trotz ihrer vielen Bücher auch nicht mehr wissen als er. Thema ist die Beschränktheit menschlichen Wissens.

Der Erzähler spricht Berliner Dialekt; damit bezieht er einen Standpunkt nahe bei den einfachen Leuten, beim gesunden Menschenverstand, obwohl er viele Philosophen gelesen hat (V. 22 f.). Die Verse weisen meisten vier, gelegentlich drei Hebungen bei unregelmäßiger Füllung auf, was sich gut fürs Erzählen und fürs Nachdenken macht. Nur die Verse 25 und 26 weisen zwei Hebungen auf und sind somit gegenüber der erwarteten Fülle kurz, sind also langsam zu sprechen und bereiten so auf die Pointe vor. Die ersten vier Verse jeder Strophe stehen im Kreuzreim, die anderen im Paarreim. Vor allem am Anfang gehen die Sätze oft übers Versende hinaus, so dass nicht immer mit sinnvollen Reimen zu rechnen ist. Aber es gibt sie durchaus: auffe Schule – Doktor Kuhle (V. 2/4); war dumm – klönte so rum (V. 5 f.), und einige andere.

Die Erinnerung an die eigene Schulzeit wird erzählt, weil der Erzähler später den Spruch seines Lehrers Doktor Kuhle (V. 7 f.) braucht (V. 27 f.). Bei der Erzählung vom Doktor Kuhle fällt der Reim „sachte Kuhle feierlich – du weeßt et nich“ (V. 7 f.) auf, besonders der Kontrast zwischen „feierlich“ und dem Urteil, das den Schätzer bloßstellte. Der Übergang zum Bericht (was die Stimme hier sprachlich tut, ist schwer zu erfassen; sie erzählt sicher nicht; am ehesten berichtet sie von dem, was das Ich regelmäßig tut und denkt) ist unvermittelt und wird erst zum Schluss klar, wo die Stimme auf Doktor Kuhles Spruch zurückgreift.

Sie berichtet zunächst vom ruhigen Nachdenken nach dem Essen (V. 9 ff.); als Gegenstand wird der Gang der Welt („der Karre“, V. 12, eine gängige Metapher oder pars pro toto) genannt: „inwieso und inwiefern un wie“. Die Häufung unbestimmter Fragewörter zeigt die Weite des Nachdenkens an; „inwieso“ ist eine Neubildung, eine Kombination aus „wieso“ und „inwiefern“. Mit „Wer weeß det…“ (V. 13) wird schon die spätere Einsicht vorweggenommen, da offensichtlich niemand als Wissender benannt werden kann. Ein Beispiel für die Gedanken nach dem Essen steht in V. 13-15. Ein weiteres Beispiel ist Vers 20: „Wie wird det mit uns nachn Tode?“ Zwischen den beiden Beispielen wird noch einmal gezeigt, wie die Fragen in die Weite schweifen: „Immahin…“ ist völlig unbestimmt, „so manchet“ ebenso; die Konjugation von „Ick bin“ zeigt gleichfalls sozusagen das Ganze: Vergangenheit und Zukunft des Gegenwärtigen. Mit „Da“ (V. 18) leitet die Stimme zum Ende ihres Berichtes über, zum Ergebnis der Lektüre vieler Bücher (V. 18; „die Wissenschaft“, V. 19; „ ’n Waschkorb voll“, V. 22; „dreihundert Pfund“, V. 24) – die Häufung der Bezeichnungen des Wissens macht deutlich, dass es nicht an Eifer im Bemühen ums die richtige Erkenntnis gefehlt hat. „Die Kürche“ wird nur nebenher erwähnt (V. 21), sie zählt nicht zu den relevanten Quellen des Wissens. Das Ergebnis aller Mühen wird ganz ruhig berichtet: „denn lechste die Weisen / beit alte Eisen“ (V. 25 f.). Und dann („Also wat nu“)? Dann hilft der Spruch von Doktor Kuhle weiter, hier allerdings ein wenig resigniert vorgetragen, ohne Kuhles überlegenes Wissen: „Sie wissen et nich.“ (V. 28) Und weil das stimmt und eine wesentliche Einsicht ist, muss man es gleich zweimal sagen (auch damit der Vers voll wird).

Die Überschrift versteht man erst nach der Lektüre des Gedichts: „Also wat nu –“ sagt man in der Situation, wo man eine endgültige Antwort erwartet; im Gedicht lernt man, dass es diese Antwort nicht gibt. Das kommt in der unsinnigen Alternative „ja oder ja?“ zum Ausdruck: Auf diese paradoxe Frage kann es keine Antwort geben. Damit stellt die Überschrift den Gang des Berichts in knappster Form vor; aber das versteht man erst hinterher.

Vortrag des Gedichts:

https://www.youtube.com/watch?v=9l6dsvI1H8c (Jürgen von der Lippe, 1-2)

Über das Nichtwissen ist seit Sokrates viel nachgedacht worden (https://de.wikipedia.org/wiki/Ich_wei%C3%9F,_dass_ich_nichts_wei%C3%9F). Der in Deutschland bekannteste Beleg stammt aus dem „Faust“, Szene „Nacht“:

Habe nun, ach! Philosophie,

Juristerei und Medizin,

Und leider auch Theologie

Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.

Da steh‘ ich nun, ich armer Tor,

Und bin so klug als wie zuvor!

Heiße Magister, heiße Doktor gar,

Und ziehe schon an die zehen Jahr‘

Herauf, herab und quer und krumm

Meine Schüler an der Nase herum –

Und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen.“

Bei Sokrates ist nicht einmal klar, was man unter „Wissen“ zu verstehen hat (https://also42.wordpress.com/2018/03/17/platon-theaitetos-theaetet-kurze-uebersicht); aber das ist eine weitere Frage, die wir hier nicht untersuchen können.

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