Märchenmotiv „einen fremden Toten begraben“

In den deutschen Märchen „Die verwünschte Prinzessin“ und in „Des Toten Dank“ (Deutsche Märchen seit Grimm. Herausgegeben von Paul Zaunert, Jena 1919, S. 237 ff. = https://archive.org/details/deutschemrchen00zaun/page/n9) wird der Held dafür belohnt, dass er (für sein ganzes Geld) einen Toten begraben lässt, dem das Begräbnis verweigert worden war. Dieser Tote, der nun seine Ruhe findet, erweist sich dann zum Dank als Helfer des Helden in dessen Nöten: „ich bin auch der Geist von dem Manne, dessen Leichnam du freigekauft und ehrlich begraben hast. Nun kann ich schlafen bis zum jüngsten Gericht.“ (a.a.O. S. 250).

Das Motiv „Einen fremden Toten begraben lassen“ lebt von dem (Aber)Glauben, dass ein Nichtbegrabener keine Ruhe findet und als Untoter oder Wiedergänger umherstreifen muss. Gerade weil man einem Fremden dieses Schicksal erspart, ist die Tat besonders großzügig, da man ihm ja nicht verpflichtet war und keinen Dank dafür erwarten kann. Deshalb kommt der Dank des Toten – als Hilfe für den in Not geratenen Helfer – um so überraschender.

Das Motiv dient im Märchen dazu, zu erklären, wie in einigen Fällen den besonders selbstlosen Menschen Hilfe zuteil wird oder Hilfsmittel gegeben werden, mit denen sie sich aus ihrer Not befreien können. Es gibt eine Reihe weiterer Motive, die die Übertragung solcher Hilfsmittel rechtfertigen: Mitleid mit einem Tier haben, einem Fremden zu essen geben, zu einem Fremden freundlich sein, treue Dienste tun, unter verschiedenen Tieren ein verendetes Tier gerecht aufteilen… Irgendwie muss ja erklärt werden, wieso dem einen (Guten und/oder Verstoßenen) besondere märchenhafte Hilfe zuteil wird und anderen (Bösen und/oder Cleveren) nicht. Solche Märchen leben von der Idee einer höheren Gerechtigkeit, welche die uns bekannten Ungerechtigkeiten ausgleicht.

Den gleichen Glauben finden wir in der Geschichte vom Gespensterschiff in Wilhelm Hauffs „Märchen“: Der Kapitän des Gespensterschiffs ist mit seiner Mannschaft verflucht, nicht leben und nicht sterben zu können, bis sein Haupt die Erde berührt, er also symbolisch bestattet wird. Er erzählt nach 50 Jahren Irrfahrt noch kurz seine Geschichte und zerfällt dann zu Staub, als ihm jemand Erde auf den Kopf geschüttet hat.

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