Karl Emil Franzos: Der Pojaz (1905) – vorgestellt

Der Pojaz. Eine Geschichte aus dem Osten“ ist ein Roman, den Karl Emil Franzos‘ Witwe erst 1905 veröffentlicht hat, obwohl dieser ihn schon Jahre vorher vollendet hatte. Erzählt werden im Wesentlichen die beiden letzten Lebensjahre des jungen Juden Sender, der in einem Kaff in Galizien streng jüdisch aufgewachsen ist, der aus Begeisterung für den Schauspielerberuf mühsam Deutsch lernt und sich damit aus der jüdischen Tradition löst: „Deutsch“ war ein Schimpfwort für einen Juden, der sich der europäischen Bildung öffnete. – Die Figur weist einige Anklänge an des Autors Leben auf.

Sender ist das Kind eines „Schnorrers“, der unstet umhergezogen und vor Senders Geburt gestorben war. Seine Pflegemutter hat ihn selbstlos erzogen, aber ihm seine wahre Herkunft verschwiegen, weil diese als unehrenhaft galt. Doch die spielerischen Talente seines Vaters schlagen auch bei Sender durch. Er hat einen Teil seiner sprachlichen Kompetenz in der ungeheizten Bibliothek eines Dominikanerklosters erworben, wo er sich mühsam durch die Schauspiele Schillers gequält und sich eine Lungenkrankheit zugezogen hat; die große Rolle, die ihn fasziniert, ist Shakespeares Shylock. Als er sich unter seelischen Qualen heimlich aufmacht, um Schauspieler zu werden, ist er schon todkrank; er schließt sich widerwillig einer kleinen Truppe von Komödianten an, wird jedoch von seiner Pflegemutter zurückgeholt, erfährt die Wahrheit über seine Herkunft und stirbt schließlich.

Auch die Liebe hat ihn bewegt, obwohl er gegen die jüdische Pflicht und Tradition nie heiraten wollte: Er hat sich in die schöne Malke verliebt und glaubt, sie erwidere seine Gefühle; aber die hatte ihr Herz bereits an ihren Vetter Bernhard verloren, und dass die schöne und gutherzige Jütte ihn liebt, bemerkt er nicht, obwohl dank des auktorialen Erzählers für den Leser die Signale deutlich genug sind. Gleichwohl sagt er direkt vor seinem Tod: „Mein Leben. So schön…, so schön…“

Dennoch ist die Liebesgeschichte nicht das Hauptthema; vielmehr geht es darum, dass ein junger Mensch sich gegen Tradition und soziales Umfeld durchsetzen will, um sein Lebensziel (hier: Schauspieler werden) zu erreichen, dass er dafür härteste Strapazen auf sich nimmt, die Gesundheit verliert und im Gewissenskonflikt seine (Pflege)Mutter verlässt… Was auffällt: Es sind die Außenseiter der verschiedenen Großgruppen (Sender bei den Juden, Heinrich Wild bei den Soldaten, der strafversetzte Dominikaner), die den Schritt über die sozialen Grenzen wagen.

Erzählerisch ist der Roman eher melodramatische Unterhaltungsliteratur, und schon früh ahnt man, dass der junge Mann bald sterben wird. Der Wert des Romans liegt meines Erachtens darin, dass er uns die Welt des Ostjudentums um 1850 vor Augen führt: eine Welt der armen Außenseiter, die sich fanatisch gegen die moderne Kultur abgrenzen und dank ihres Glaubens und des strengen Regiments ihres Rabbis in einer feindlichen Umwelt als Juden überleben; wo der Heiratsvermittler nach dem Rabbi die wichtigste Person war; und wo lesen, schreiben und Deutsch sprechen lernen – Voraussetzung dafür, als Schauspieler auftreten zu können – den Abfall vom Glauben und den Ausschluss aus der Gemeinde bedeutet. Es geht im Ostjudentum zu wie im Mittelalter. Die Deutschen haben diese Welt und ihre Bewohner vernichtet – hier lebt sie literarisch weiter.

Was ich auch gelernt habe: dass die Chassidim (in der Sicht von Franzos‘ Erzähler) ziemlich engstirnige Fanatiker waren. Vor 50 Jahren galten sie unter fortschrittlichen Theologen dank Martin Bubers Buch „Die Erzählungen der Chassidim“ als Muster religiöser Weisheit. Meine Empfehlung: Karl Emil Franzos lesen (https://archive.org/details/derpojazeinegesc00fran/page/n9), bei archive.org gibt es eine Reihe Bücher von ihm. Ich bin auf das Buch in den Erinnerungen Golo Manns gestoßen.

Karl Emil Franzos:

http://www.lexikus.de/bibliothek/Die-Deutsche-Literatur-und-die-Juden/Karl-Emil-Franzos (ausführlich)

https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Emil_Franzos = https://austria-forum.org/af/AustriaWiki/Karl_Emil_Franzos

https://www.deutsche-biographie.de/sfz16988.html#ndbcontent

https://de.wikisource.org/wiki/Karl_Emil_Franzos

https://archive.org/details/diegeschichtedes00fran/page/212 (K. E. Franzos: Die Geschichte meines Erstlingswerks)

Außer K. E. Franzos sind vor allem Leopold Kompert, daneben noch Berthold Auerbach und Aaron Bernstein als Autoren von Geschichten der Ostjuden zu nennen.

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