J. Schalansky: Der Hals der Giraffe. Bildungsroman (2011) – Besprechung

Die Lehrerin Inge Lohmark ist die „Heldin“ des Romans; sie unterrichtet in einer Stadt in Meck-Pomm Biologie in einer 9. Klasse, und die Prinzipien der Evolutionstheorie bestimmen auch ihr Denken und Handeln: Sie unterrichtet 12 Pubertierende und lässt dich dabei von den Regeln leiten, die einen harten Lehrer in der Schule überleben lassen: immer unnahbar sein, keine Schwäche zeigen, konsequent handeln, kein Mitleid kennen. Bildhafter Ausdruck dessen: Frau Lohmarks Frontalunterricht.

Sie hat eigentlich keine Kontakte zu anderen Menschen: Ihr Mann lebt neben ihr her und züchtet Strauße, ihre Tochter wohnt seit Jahren fern von ihr in Amerika, die Kollegen schätzt sie nicht, der Schulleiter ist ein Schwadroneur. Nur für eine Schülerin zeigt sie zum Schluss Zuneigung.

Zuerst wird neutral, dann immer stärker personal erzählt, wie sie Unterricht macht und ihre Mitmenschen einschätzt, also abwertet. Das Geschehen dauert etwa ein halbes Jahr, vom Herbst bis zum Frühling, ohne dass deutlich würde, wie die Zeit fortschreitet. Inge Lohmark meint, sie habe sich den Gegebenheiten ihres Lebens angepasst; aber zum Schluss wird deutlich, dass sie gescheitert ist: Sie wird vom Schulleiter aus der Klasse geholt und gerüffelt, weil sie nicht bemerkt habe, wie ein Mädchen wochenlang schikaniert worden ist; ihr droht die Entlassung. Noch wichtiger ist eine Erinnerung daran, wie sie vor Jahren ihre eigene Tochter in ihrem Unterricht nicht beachtet hat, als diese schreiend zusammengebrochen war und auf dem Boden lag. „Natürlich war sie ihre Mutter. Aber zuallererst ihre Lehrerin. (…) Sie waren in der Schule. Es war Unterricht. Sie war Frau Lohmark.“

Der Verlag stellt das Buch so vor, dass Inge Lohmark am Ende von Gott Darwin abfalle. Darüber kann man streiten. Die letzten Sätze lauten: „Der Geruch von Erde. Die Strauße tanzten über die Weide. Inge Lohmark stand am Zaun und schaute.“ Das erinnert mich an das Ende von Max Frischs „Homo faber“, aber ich lese die Sätze nicht als Zeugnis der Bekehrung von Frau Lohmark, sondern einfach als offenes Ende.

Der Untertitel „Bildungsroman“ führt in die Irre – gezeigt wird eher, wie in der Schule Bildung nicht gelingt, und auch die Heldin Lohmark ändert sich nicht. Sie kann sich nach 30 Jahren als Lehrerin erst in der DDR, dann in einem Bundesland, dem die Menschen weglaufen, nicht mehr ändern. Sie hat auch nicht Unrecht mit ihren Prinzipien – so wenig wie die butterweiche Kollegin, die sich bei den Schülern anbiedert und allerlei Gruppenspielchen mit denen veranstaltet. Frau Lohmark hat darin Unrecht, dass sie die Schüler nicht als Menschen sieht und dass sie nicht als Mensch oder Frau Lehrerin ist. Die Prinzipien der biologischen Entwicklung sind immer mit zu bedenken; aber sie machen noch kein menschliches Leben aus, auch wenn sie in ihrer Klarheit und Härte eine Versuchung des Denkens darstellen.

Judith Schalanskys Buch ist schön ausgestattet, mit einem Leinenumschlag und vielen Zeichnungen der biologischen Gestalten, die Frau Lohmark im Unterricht behandelt. Es lohnt sich, das Buch nachdenklich zu lesen.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/judith-schalansky-der-hals-der-giraffe-im-tierreich-trifft-man-sich-nicht-zum-kaffeetrinken-11135465.html

http://www.glanzundelend.de/Artikel/abc/s/judith_schalansky.htm (kritisch)

https://www.bonaventura.blog/2011/judith-schalansky-der-hals-der-giraffe/

https://www.sueddeutsche.de/kultur/der-hals-der-giraffe-von-judith-schalansky-bakterie-muesste-man-sein-1.1150542

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Hals_der_Giraffe_(Roman)

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