Das 19. Jahrhundert in Briefen – Besprechung

Ich hoffe, der Himmel wird Deutschland erhalten“- Das 19. Jahrhundert in Briefen, hrsg. von Jürgen Moeller. Beck: München 1990

Mit gehöriger Verspätung habe ich die 74 Briefe gelesen, in denen Menschen des 19. Jahrhunderts zu Wort kommen. Die großen Krisen des Jahrhundert tauchen aus dem Erleben der Menschen auf: der Freiheitskampf gegen Napoleon, die Streitigkeiten um Republik und nationale Einheit, die Reichsgründung, die soziale Frage und die Frauenfrage. Das alles sind Themen, die – bis auf den Kampf gegen Napoleon – auch heute, wenn auch in anderer Akzentuierung, noch wichtig sind; viele Briefe sind rein persönlich formuliert. Der Titel ist übrigens ein Zitat aus einem Brief Jacob Grimms an Friedrich Carl von Savigny.

Für mich ragen die Briefe der Luise von Preußen an ihren Vater (1808), des Freiherrn vom Stein an seine Frau (1814, über Napolen), Dahlmanns und seiner Kollegen an das Göttinger Universitätskuratorium (1837), Carl Schurz‘ an seine Freunde (1849), Ludwig Feuerbachs an Wilhelm Bolin über die Emanzipation der Frauen (1870), Philipp zu Eulenburgs an Wilhelm von Preußen über die Probleme mit einem verrückten bayrischen König (1886), Peter Roseggers an Friedrich von Hausegger (1889, über den gängigen Antisemitismus), August Bebels an Engels (1893) und Theodor Fontanes an Georg Friedlaender (1897, über die verfehlte kaiserliche Politik) heraus. Der beeindruckendste Brief war der von Carl Schurz, der sich im Alter von 20 Jahren den Aufständischen in Baden angeschlossen hatte und nun erlebt, wie er sich zum letzten, aussichtslosen Gefecht gegen preußische Truppen rüstet und dabei vor Augen hat, dass er danach erschossen oder zu langer Haft verurteilt werden wird. Seine ruhige Reflexion, die Gefasstheit und seine moralische Überlegenheit beeindrucken mich (Text des Briefes hier: https://archive.org/details/lebenserinnerung03schuuoft/page/48, S. 49-52). Ich habe beschlossen, demnächst seine Lebenserinnerungen zu lesen, die man auf archive.org findet.

Einen Reiz des Buches machen die kurzen Einführungen in jeden Brief durch Jürgen Moeller aus, die einen veranlassen können, unbekannten Namen nachzuforschen und so mit ihren Schicksalen zumindest vordergründig bekannt zu werden. Jürgen Moeller hat auch Briefe aus dem 20. Jahrhundert herausgegeben („Historische Augenblicke“), die gleichfalls auf meinem Leseplan stehen.

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