Memoiren einer Idealistin, Bd. 2 (1875) – vorgestellt

Der zweite Band der „Memoiren einer Idealistin“ (https://archive.org/details/memoireneineride00meysuoft/page/402), eine ursprünglich nicht geplante Fortsetzung von Band 1, erschien 1875. Darin berichtet Malwida von Meysenbug aus der Zeit ihres Exils in London. Sie hielt sich mit dem Erteilen von Deutschunterricht – Deutsch war fashionable, weil der Prinzgemahl ein Deutscher war – über Wasser; dann lernte sie Alexander Herzen kennen und vertrat bei dessen Töchtern die Stelle der Mutter, welche verstorben war. Sie erläutert, wie sie deutsche Ordnung in den russischen Schlendrian Herzens brachte und wie sie in ihrer Mutterrolle aufging. Die „Familie“ zog dann nach Richmond, also aus der Großstadt weg, was den Wünschen Malwidas entgegenkam. So ist dieser Band von vielen Überlegungen zur richtigen Erziehung, aber auch dem Bericht von einigen Begegnungen mit anderen Exilanten, Auszügen aus Briefen und dem Bericht von der Hinrichtung Barthélemys bestimmt. Dabei spricht Frau von Meysenbug in schwärmerischem Ton von den Aufgaben und dem Glück einer Mutter: „Was aber den höchsten Inhalt der Mutterliebe ausmacht: die heisse Sorge um das geistige Leben, den Charakter, die volle Entwicklung aller Fähigkeiten, die Sehnsucht, in dem jungen Leben die eigene Unsterblichkeit zu erleben, das, was als Ideal in uns gewohnt hat, zu neuer Blüte hinüber zu retten in die Jugend der Erscheinung; dieses Hüten der jungen Seele, über der man noch eifriger wacht als über der eigenen, um sie vor geistigem und moralischem Unheil zu bewahren, um sie in keuscher, unverletzter Schönheit der Sonne der Erkenntnis und des Bewusstseins zu erschließen – all dieses erlebte und empfand ich in mir…“ (S. 275 f.)

Ich darf hier anmerken, dass Malwida hier ein dominantes Erziehen vertritt, was ihrer eigenen Erfahrung doch widerspricht: dass sie sich im Widerstand gegen alle Herkunft befreit hat (s. Band 1).

Die Familie kehrte jedenfalls nach London zurück, weil Herzens Sohn studieren soll, an den Stadtrand, was Malwidas Liebe zu Häuslichkeit und Landleben entgegenkommt (vgl. S. 295 f.). Als dann Herzens Jugendfreund Ogareff (Ogarew, auch andere Schreibweisen) mit seiner Frau auftauchte, ging die Idylle zu Ende: Ogareffs Frau, eine Jugendfreundin der Frau Herzen, griff in die Erziehung der Kinder ein; es kam aus Malwidas Sicht zu einem Übergewicht des Russischen und zum Konflikt, den Herzen nicht managen konnte oder wollte und dem Malwida sich durch plötzliche Abreise entzog.

Der zweite Band war für mich nicht so interessant wie der erste; er zeigt, wie sich mittellose Exilanten mit Mühe in London nach 1850 über Wasser hielten, bis sie wie auch immer irgendwo festen Fuß fassten. Die wohlklingenden Äußerungen Malwidas über Erziehung und Mütterlichkeit wirken heute etwas schwülstig und verdecken, dass die gute Absicht und „höhere“ Einsicht der Mutter leicht zum Terror werden kann.

Ich verweise noch auf https://archive.org/details/memoireneineride00meysuoft/page/324 („Memoiren einer Idealistin“, Bd. 3, 1876) und

https://archive.org/details/derlebensabende00meysgoog/page/n9 („Der Lebensabend einer Idealistin“).

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