Gabriele Tergit: Effingers (1951 / 2019) – gelesen

70 Jahre deutscher Geschichte, 1878 – 1948, spiegeln sich in den Schicksalen der jüdischen Familien Goldschmidt und Effinger, eines Bankiers und eines Uhrmachers. Am 4. April 2019 erschien die begeistere Rezension Jens Biskys in der SZ, wenige Tage später war der Roman vergriffen, zehn Tage später lag er wieder vor, so dass ich ihn kaufen und lesen konnte: Es ist ein großer Roman, der das Leben von vier Generationen umfasst, von rund 30 Personen, die allesamt ihre Eigenheiten haben und sich im Lauf der Jahre ändern oder auch nicht ändern. Wir begegnen den national gesinnten Menschen im Kaiserreich und der dumpfen Vormacht der Militärs; wir erleben die Krisen der neu gegründeten Fabrik der Effingers, den Ersten Weltkrieg und die schrecklich-schönen Jahre der Weimarer Republik, den Aufstieg der Nazis, geschäftliche und künstlerische Karrieren und persönliche Pleiten, die sozialen Zwänge in den besseren Familien, die Unterschiede zwischen der Großstadt Berlin und dem Leben auf dem Land in Süddeutschland, zahlreiche Hochzeiten, Geburten und Todesfälle, und in den ganzen Jahren immer wieder den Antisemitismus, der bei den Nazis in Enteignung, Brandstiftung und Mord endete.

Die Figuren sind mit klarem Blick gezeichnet: „Sie brauchte zur Wahl jedes Nachthemds länger als zur Wahl ihres Bräutigams.“ (Sofie, vor ihrer missglückten Hochzeit, erinnert wie vieles im Buch an „Buddenbrooks“)

Lotte merkte: Wer gewissenlos war und eine modulationsfähige Stimme hatte, konnte die Menschen führen, wohin er wollte.“

Sie bauen keine Häuser mehr“, sagte Annette [1925]. „Sie wollen Zwei- und Dreizimmerwohnungen, Autos und Reisen. Es liegt ihnen nichts mehr an einem schönen Heim.“

Die Juden haben das Geld und sind Kommunisten. Die Juden morden kleine Kinder und zerstören den Ladenbesitz. Die Juden sind vor allem machtlos, und infolgedessen kann man sie ungestraft angreifen, und angreifen ist die Hauptsache.“

Eine wichtige Situation ist die, als Paul im Gefängnis in der Bibel Jesaja 10,13 ff. liest: „Und so sprach er: Durch die Kraft meiner Hand habe ich solches getan, weil ich so klug bin; darum habe ich die Grenzen der Völker verrückt, ihre Schätze geplündert und mich als Helden erwiesen…“ Und Paul weiß, dass es so war und so sein wird.

https://www.sueddeutsche.de/kultur/effingers-gabriele-tergit-rezension-1.4388556 (Jens Bisky)

https://www.zeit.de/kultur/literatur/2016-03/verlage-romane-wiederentdeckungen-tergit

https://saetzeundschaetze.com/2019/04/07/gabriele-tergit-effingers/

https://www.diebuchbloggerin.de/das-literarische-quartett-die-buecher-der-sendung-am-1-maerz-2019/

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