Ph. Ariès: Bilder zur Geschichte des Todes (1984) – vorgestellt

Philippe Ariès‘ „Bilder zur Geschichte des Todes“ (1983, deutsch 1984) bietet rund 400 Bilder, mit denen er seine Theorie von der „Geschichte des Todes“ (1976) im Abendland seit dem Mittelalter illustriert. Da ich den Theorieband nicht kenne, kann ich nur mit Einschränkungen über den Bildband urteilen, den ich dieser Tage gelesen habe und in dem viele Nachweise fehlen, die im Theorieband zu finden sein müssten. Ariès geht also der Frage nach, wie wir seit dem 9. Jahrhundert in Europa die Toten begraben und wie wir sie bzw. „den Tod“ dargestellt haben.

Was mich an meine Beobachtungen in Brügge erinnerte, waren die Hinweise auf das Aufkommen des Porträts, das hier mit der Figur des priant in Verbindung gebracht wird: In Brügge kann man schön sehen, wie sich das Porträt nach 1300 aus den Stifterfiguren entwickelt hat, wobei die gefalteten Hände der anbetenden Stifter anfänglich auch noch (inzwischen funktionslos) auf den Porträts auftauchen.

Das Buch leidet daran, dass sich historische Verläufe und systematische Aspekte vermengen. Thematisiert werden der Friedhof und die Kirche; die Gräber; vom Totenbett zum Grabe; das Jenseits; omnia vanitas; die Wiederkehr des Friedhofs; der Tod des anderen; „Und heute?“. Um nicht den Überblick über die Fülle der Bilder und Behauptungen zu verlieren, müsste man sich bei der Lektüre Notizen machen. Auf jeden Fall wird der Blick des Lesers auf Details geschärft, die man sonst nicht wahrnimmt.

Manche Äußerungen des Autors sind problematisch, etwa dass es „die Hölle“ erst seit dem 13. Jahrhundert gebe (S. 154). Unklar ist, wie viele der kleinen Schnitzer auf das Konto des Übersetzers Hans-Horst Henschen gehen (sicher „Photomontage“ S. 184, „Soziabilität“ ist einfach nicht übersetzt, S. 188; das Alter der Frau auf Bild Nr. 293 war 35, nicht 36 – vielleicht ein Fehler des Autors), manche Aussagen bleiben schleierhaft. Der Druck der Fotos ist etwas grobkörnig, so dass manche Einzelheiten kaum zu erkennen sind.

30 Jahre stand das Buch unbeachtet im Bücherschrank, jetzt habe ich es mit Gewinn, teilweise auch mit Verwirrung gelesen und die Bilder betrachtet.

Geschichte des Todes (deutsch 1976):

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41069411.html

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14320141.html

https://doc1.bibliothek.li/aaa/000A092296.pdf (Inhaltsverzeichnis)

http://www.transhistory.de/tod_jenseits/index.html (kleine Parallele)

http://www.rowane.de/html/inhalt.htm (dito)

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2 thoughts on “Ph. Ariès: Bilder zur Geschichte des Todes (1984) – vorgestellt

  1. Hier kann man wieder mal sehr schön sehen, wie unterschiedlich Rezeption sein kann: Seit Jahrzehnten nehme ich die „Bilder zur Geschichte des Todes“ immer mal wieder ohne besondere ikonographische Intention zur Hand und lasse die Abbildungen auf mich wirken wie eine Art lyrisches Memento mori.

    Ich finde überhaupt nicht, daß es dem Buch schadet, wenn sich hier „historische Verläufe und systematische Aspekte vermengen“. Ganz im Gegenteil: Statt eindimensionaler Betrachtungsweise wird ein ganzheitlicher Blick gefördert.

    „Manche Äußerungen des Autors sind problematisch“, lese ich und etwas von „vielen kleinen Schnitzern“. Stimmt das? Ich muß gestehen, den Text bisher nur hier und dort gelesen zu haben, denn schließlich handelt es sich bei dem Werk nicht um ein Lesebuch. Hab auch jetzt nur die angegebenen Stellen angeschaut und verstehe die Kritik nicht.

    Fangen wir mal damit an, daß es die Hölle „erst seit dem 13. Jahrhundert gebe“. Sagt doch keiner. Ariès: „In dieser Epoche tritt auch ein anderes Phänomen in Erscheinung: die Ausdehnung der Hölle.“ Also nicht die Hölle ist das Neue, sondern die „Ausdehnung der Hölle“. Sie nimmt, bisher „sehr unauffällig“ so Ariès, „zunehmend mehr Raum ein.“ Das ist ja wohl was gänzlich anderes.

    Punkt 2: Was ist so merkwürdig an dem Wort „Photomontage“? Und „Soziabilität“. Weshalb soll man ein Wort übersetzen, dessen Bedeutung aus dem Kontext erschlossen werden kann? Punkt 3, das Alter der Frau. Abgesehen davon, daß zwischen 35 und 36 nur ein wirklich zu vernachlässigender Unterschied besteht – besonders dann, wenn die Abgebildete nicht mehr lebt –, darf ich fragen, wie du auf die 35 kommst. Wie kannst du das wissen, hast du die Geburtsurkunde vorliegen? Auf Seite 210 ist von einer „sechsunddreißigjährigen Frau“ die Rede. Weshalb sollte das nicht stimmen?

    Zum Abschluß noch ein Wort zur Bildqualität: Ein großer Teil der Abbildungen sind Photographien von Stichen oder faksimilierte Daguerreotypien. Da kann man keine Werbebroschürenqualität verlangen.

    • Es ist offensichtlich, dass wir das Buch mit verschiedenen Augen sehen, daran wird auch eine große Argumentation nichts ändern.
      Nur damit ich nicht völlig als Depp da stehe, drei kurze Hinweise:
      1. Auf besagter Seite 210 steht oben, dass die Frau am 21. Dezember 1532 geboren wurde und am 12. Januar 1568 starb, also im Alter von 35 Jahren bzw. im 36. Lebensjahr, aber nicht im Alter von 36 Jahren.
      2. Wo im Text „Photomontage“ steht, ist der Bildband selbst gemeint – und der ist ja wohl keine Fotomontage.
      3. Es ist eine Unsitte vieler Übersetzer (v.a. aus dem Englischen oder Amerikanischen), dass sie ein Wort der fremden Sprache nicht übersetzen, sondern es einfach wie ein deutsches Wort behandeln, hier „Soziabilität“; das Wörterbuch gibt „Geselligkeit, Ansprechbarkeit, Kontaktfähigkeit“ als Bedeutungen an – warum drückt der Übersetzer sich vor einer eindeutigen Übersetzung?

      Was die Hölle betrifft, habe ich vorschnell geurteilt; aber im Kapitel „Das Jenseits“ (S. 147) wird doch der Eindruck erweckt, dass im Spätmittelalter an die Stelle des sog. Seinsverlustes der Nichtgeretteten etwas anderes tritt – eben die Hölle. Der Autor Ariès drückt sich eben nicht immer genau aus.

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