A. Holl: Wo Gott wohnt (1976) – gelesen

Von Adolf Holl kenne ich zwei Bücher, „Jesus in schlechter Gesellschaft“ (1971) und „Tod und Teufel“ (1973); das erste trifft weithin den Ton Tralala, das zweite hat mir gut gefallen, da es auch die Geschichte seiner Entfremdung vom Priesterberuf erzählt – was aber genau darin steht, weiß ich nicht mehr, ich muss es mal wieder lesen. Jetzt habe ich mir antiquarisch „Wo Gott wohnt“ (1976) gekauft, aufgrund einer uralten Empfehlung einer guten Bekannten: Hier wird die Geschichte des biblischen Gottes erzählt, dessen Zeit inzwischen um ist, damit ihm der kleine Gott Jesus nachfolgen kann, der alle 155 Jahre ein Jahr älter wird und deshalb jetzt gerade erwachsen ist, so dass von ihm noch etwas zu erwarten ist.

Im Hintergrund des Buches steht die Erkenntnis, dass die Israeliten nicht immer den gleichen GOTT verehrt haben, dass es verschiedene Namen und Vorstellungen des GOTTes gibt, dass er zuerst neben anderen Göttern stand, ehe er als EINZIGER verehrt wurde… was natürlich im Religionsunterricht so nicht gesagt wurde und was die meisten katholischen Bischöfe vermutlich heute noch nicht wissen, da sie stramm eine ahistorische Dogmatik gelernt haben. Die letzte seriöse Darstellung des Problems, die ich kenne, stammt von Werner H. Schmidt: Alttestamentlicher Glaube in seiner Geschichte (3. Auflage 1979; es gibt eine 7., verbesserte Auflage); vermutlich gibt es neuere Darstellungen, ich habe das nicht mehr verfolgt. Aus dieser Geschichte der Gottesvorstellungen macht Adolf Holl nun eine Geschichte GOTTes, der sich selber entwickelt – für die in griechischer Philosophie Denkenden (wie die Kirchenväter und die Konzilien) ein grauenhafter und lästerlicher Gedanke.

Wenn ich es recht sehe, hatte Heinrich Heine als erster die Idee, eine Biografie Gottes zu schreiben; diese Idee ist in sich kritisch, weil sie ein Ende GOTTes impliziert, Schwäche und Tod – das Gegenteil GOTTes. Bei Adolf Holl wird dieses Ende zugunsten des kleinen Gottes Jesus begrüßt: Holl greift dafür auf Christus-Darstellungen in den Katakomben zurück, „Darstellungen einer knabenhaften Gestalt: eine Art Hirtenjunge, ohne Bart [ganz wichtig, El war nämlich ein alter Mann mit Bart, S. 37, N.T.], ähnlich dem griechischen Gott Orpheus“ – „Jesus, der den Tod überlistet, unangestrengt und bei bester Gesundheit“ (S. 118). Dieser kleine Gott wendet sich vom Himmel ab und den Menschen zu, zum Schluss fährt er mit Luzifer und der Geist-Taube per Bus bis zur Endstation. Was sie da tun, wird nicht mehr erzählt.

Auf der Basis einiger historischer Fakten, in freier Variation biblischer Erzählungen und mit viel Fiktion und Fantasie erzählt Holl auszugsweise biblische und kirchliche Geschichte(n) nach – insgesamt wieder in der Methode Tralala. Das ist ganz nett, mehr aber auch nicht; eine marxistisch-kritische Darstellung der ganzen Geschichte hat Walter Beltz geschrieben: „Gott und die Götter. Biblische Mythologie“ (1975). Lesenswert sind Leszek Kolakowskis geistreiche Kommentare zu einzelnen biblischen Geschichten, „Der Himmelsschlüssel. Erbauliche Geschichten“ (1964). Was Jack Miles‘ „Gott. Eine Biographie“ (1996) taugt, weiß ich nicht; ich hänge zwei Rezensionen an, die ich im Netz gefunden habe.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezension-sachbuch-am-achten-tag-schuf-gott-sich-selbst-11306703.html

https://hansarandt.wordpress.com/2015/01/03/das-selbstbewusstsein-gottes/

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