Wieland: Geschichte des Agathon – gelesen

Die „Geschichte des Agathon“ ist 1766/67 in zwei Teilen erschienen, wurde dann 1773 und noch einmal 1794 überarbeitet. Ich habe die dritte Fassung gelesen und sie grob mit der ersten Fassung verglichen: Die Bücher XIV – XVI sind zusätzlich entworfen worden: die Geschichte der Danae, wodurch sie rechtfertigt, dem Begehren Agathons nicht erneut nachzugeben; die Geschichte des Archytas und ein Überblick über sein philosophisches Weltbild; der kurze Bericht von einer Weltreise Agathons, die ihn endlich ganz reifen lässt und sein aufgeklärt-moralisches Weltbild vom Vorrang der täglichen Pflichterfüllung festigt. Wenn man ehrlich urteilt, kann man sagen, dass diese drei Bücher überflüssig sind und die endlosen Erläuterungen vom Vorzug der Tugend, von der Verderblichkeit der Wollust und vom Nutzen der schönen Künste bloß wiederholen. Geschichte des Agathon“ ist ohnehin ein kopflastiger Roman, in dem wenig gehandelt, aber viel geredet und vom Erzähler erklärt wird. Im zweiten der drei Teile (der Auflage von 1794) geht es etwas lebhafter zu, in der Mitte des dritten Teils ist der Schwung wieder dahin.

Geschichte des Agathon“ ist die Geschichte einer Desillusionierung des enthusiastischen Platonikers Agathon: die Begegnung mit seinem unbekannten Vater, mit dem Sophisten Hippias, mit der schönen Danae, mit dem Tyrannen Dionysius, mit der Familie des Archytas einschließlich seiner inzwischen verheirateten Schwester Psyche und mit der inzwischen zur Tugend bekehrten Danae. Dass er nach seinen negativen Erfahrungen als Kind in Delphi und als politischer Führer in Athen, die in II 7 und II 8 in der Vorgeschichte des Helden nachgetragen werden, immer noch so naiv ist, wie er im Streitgespräch mit Hippias sowie als Berater des Tyrannen Dionysius von Syrakus agiert, klingt nicht glaubhaft. Da ist der Autor seiner aufklärerischen Mission stärker als der psychologischen Wahrscheinlichkeit verpflichtet. Die Figur des ausschließlich den Dokumenten und der Wahrheit verpflichteten Erzählers bzw. Herausgebers und seine Einlassungen gegenüber dem Leser verdienten eine besondere Untersuchung.

Das Urteil des Erzählers über Danae vermittelt einen Eindruck vom Geist des Romans: „Eine schöne Seele kann sich verirren, kann durch Blendwerke getäuscht werden; aber sie kann nicht aufhören, eine schöne Seele zu sein. Laßt den magischen Nebel zerstreut werden, laßt sie die Gottheit der Tugend kennen lernen! Dies ist der Augenblick, wo sie sich selbst kennen lernt; wo sie fühlt, daß Tugend kein leerer Name, kein Geschöpf der Einbildung, keine Erfindung des Betrugs, – daß sie die Bestimmung, die Pflicht, die Wollust, der Ruhm, das höchste Gut eines denkenden Wesens ist.“ Zu dieser Einsicht werden Danae und Agathon geführt, und die Leser sollen sich ihnen bitte anschließen!

https://archive.org/details/werkeauswahlinze01wieluoft/page/n9 (Text der dritten Auflage, mit einem Lebensbild Wielands)

https://gutenberg.spiegel.de/buch/geschichte-des-agathon-4642/1 (Text der 1. Auflage)

www.zeno.org/Literatur/M/Wieland,+Christoph+Martin/Romane/Geschichte+des+Agathon/Erster+Teil/Vorbericht (dito)

https://www.youtube.com/watch?v=1PSpuD_l6Vo und

https://www.youtube.com/watch?v=2uwv2F5s2ps (Text vorgelesen)

https://wiki.zum.de/wiki/Geschichte_des_Agathon (Kurzübersicht mit vielen Zitaten – ein guter Eindruck vom Roman)

https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Agathon (dürftige Übersicht)

http://wwwu.edu.uni-klu.ac.at/jpichler/wieland.html (Referat eines Studenten: Inhalt und Aufbau des Romans)

https://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=4348 (Rezension)

https://www.iasj.net/iasj?func=fulltext&aId=67451 (Einführung, Analyse der Hauptgestalten)

http://webdoc.sub.gwdg.de/ebook/serien/hr/escripta/6_2013.pdf (Liebe und Sexualität im Roman)

https://de.wikipedia.org/wiki/Christoph_Martin_Wieland (C. M. Wieland)

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/lebensgeschichte-29 (dito)

Es gibt verschiedene Hörbücher und natürlich moderne Ausgaben des Textes.

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