Zigeuner – drei Perspektiven

Der Zigeuner, des -s, plur. ut nom. sing. Fäm. die -inn, der Nahme eines herum streifenden ausländischen Gesindels, welches bald nach dem Anfange des 15ten Jahrh. in Deutschland und dem westlichen Europa bekannt ward, aus den östlichen Gegenden kam, und aus Egypten herstammen wollte, daher sie in manchen Europäischen Sprachen auch Egyptier genannt werden. Einigen neuern Entdeckungen zu Folge soll dieses Volk von der Indostanischen Gränze herstammen […]. Der Nahme ist aus dem Pers. Zengi, Türk. Tschingane, daher denn das Russ. und Ungar. Tzigan. In Niedersachsen nennet man sie Tatarn, weil man sie daselbst für Tartarischer Abkunft hielt.

So steht es in Adelungs „Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Sprache“, 4. Band, 1801. Wesentlich dezenter wird im Brockhaus Conversations-Lexikon 1809 von den Zigeunern gesprochen: Die Zigeuner, ein Volk, das sich von jeher einen Namen, wenn gleich nicht von der besten Art, gemacht hat, wurde zuerst ungefähr 1417 bekannt. […] Sie führen bekannter Maßen eine unabhängige freie Lebensart, lieben Musik und Tanz, und verdienen sich damit, so wie durch ihre Wahrsagekünste, wohl auch durch Handarbeit ihr Brot. […] Auch haben sich die Regenten (Catharina II. Maria Theresia, Joseph II.) viel Mühe gegeben, das Volk nach und nach zur Feldarbeit oder zu Handwerken, auch zum Kriegsdienst anzugewöhnen, oder sie den übrigen Nationen einzuverleiben; allein noch scheinen diese Zwecke nicht sehr erreicht worden zu sein.

Insgesamt neutral wird auch 100 Jahre später in Meyers Großem Konversations-Lexikon über die Zigeuner informiert; es finden sich jedoch kritische Untertöne. Und dann liest man schwarz auf weiß: Die Z. fanden anfangs wohl überall eine gute Aufnahme, wurden aber infolge ihrer Betrügereien und Diebstähle bald auf das grausamste verfolgt, ohne daß man jedoch das unheimliche Volk auszurotten vermochte. (Band 20, 1909 – zwei Schreibfehler von mir korrigiert)

Die Zigeuner blieben über Jahrhunderte in allen Ländern Fremde und wurden schlecht behandelt, oft verfolgt, am schlimmsten weil systematisch im Dritten Reich. So ist in den letzten Jahrzehnten ein Streit um den Namen „Zigeuner“ entstanden, den man politisch korrekt jetzt durch „Roma“ ersetzen soll, wie man breit im Wikipedia-Artikel (und im DWDS) nachlesen kann. Dagegen gibt es aber auch von Seiten der Zigeuner Widerstand, wie Rolf Bauerdick berichtet.

Die Zigeuner/Roma waren also überall Fremde, damit Außenseiter und aller Untaten verdächtig. Das zeigt sich in Sprichwörtern, wo man die Meinung des Volks unzensiert hört – die zweite Perspektive (Quelle ist Wander: Deutsches Sprichwörter-Lexikon Bd. 5, 1880):

Den Zigeuner betrügt der Jude, den Juden der Grieche und den Griechen der Teufel. (Hier werden verschiedene Betrügergruppen genannt, unter denen Zigeuner nicht einmal die schlimmsten sind.)

Der Zigeuner verkauft um einen Groschen seine Seele und um einen Heller seine Tochter. (Vielleicht wird im ersten Satz darauf angespielt, dass Zigeuner sich ohne große Bedenken verschiedenen Religionen anpassten, wenn es günstig war. Gegen den zweiten Satz steht das Sprichwort: Ein Zigeuner hat sein Kind lieb, und wäre es auch schwarz, wie der Satan. Dieses Sprichwort kann man übrigens auf jede Mutter und jeden Vater übertragen.)

Was dir ein Zigeuner gestohlen, kann nur ein anderer wieder holen.

Wenn der Zigeuner nicht stiehlt, er nicht als Mensch sich fühlt. (Diese beiden Sprichwörter brauchen nicht kommentiert zu werden; sie schlagen sich im Meyers-Artikel nieder und man fragt sich, ob das bloß Vorurteile sind oder Urteile, die vielleicht doch auf vielfacher Erfahrung beruhen oder, wie in Schnurres Erzählung „Jenö war mein Freund“ vermutet wird, auf einem anderen Eigentumsbegriff.)

Bemerkenswert ist nun, dass in der Aufklärung das „Lob der Zigeuner“ durch Friedrich Hagedorn (1708-1754) erklingt: Ihre andersartige Lebensweise gilt – hier noch etwas hölzern – als vorbildlich, die dritte Perspektive:

Uraltes Landvolk, eure Hütten

Verschont der Städter Stolz und Neid;

Und fehlt es euch an feinen Sitten,

So fehlt’s euch nicht an Fröhlichkeit,

Ihr scherzt auf Gras und unter Zweigen,

Ohn‘ allen Zwang und ohne Zeugen.

[…]

Ihr rennet nicht nach hohen Ehren:

Ihr wünscht euch nicht an Titeln reich.

Kein Zwiespalt in geweihten Lehren,

Kein Federkrieg verhetzet euch.

Ihr seid (was kann den Vorzug rauben?)

Von Einer Farb‘ und Einem Glauben.

Das schönste Zigeuner-Gedicht stammt von Nikolaus Lenau (1802-1850):

Die drei Zigeuner

Drei Zigeuner fand ich einmal

Liegen an einer Weide,

Als mein Fuhrwerk mit müder Qual

Schlich durch sandige Heide.

 

Hielt der eine für sich allein

In den Händen die Fiedel,

Spielte, umglüht vom Abendschein,

Sich ein feuriges Liedel.

 

Hielt der zweite die Pfeif im Mund,

Blickte nach seinem Rauche,

Froh, als ob er vom Erdenrund

Nichts zum Glücke mehr brauche.

 

Und der dritte behaglich schlief,

Und sein Zimbal am Baum hing,

Über die Saiten der Windhauch lief,

Über sein Herz ein Traum ging.

 

An den Kleidern trugen die drei

Löcher und bunte Flicken,

Aber sie boten trotzig frei

Spott den Erdengeschicken.

 

Dreifach haben sie mir gezeigt,

Wenn das Leben uns nachtet,

Wie mans verraucht, verschläft, vergeigt

Und es dreimal verachtet.

 

Nach den Zigeunern lang noch schaun

Mußt ich im Weiterfahren,

Nach den Gesichtern dunkelbraun,

Den schwarzlockigen Haaren.

Hier spricht der Romantiker, der auch noch weitere Zigeuner-Gedichte verfasst hat (http://www.zeno.org/Literatur/M/Lenau,+Nikolaus/Gedichte/Gedichte/Fünftes+Buch/Mischka), ebenso wie Georg Friedrich Daumer (http://www.zeno.org/Literatur/M/Daumer,+Georg+Friedrich/Gedichte/Hafis/Poetische+Zugaben/Zigeunerisch, 1846).

Mein Fazit: Man darf auch heute noch „Zigeuner“ sagen, wenn man das Wort nicht abschätzig verwendet.

Man findet die alten Belege (und viele schöne Sagen und Märchen zum Thema), wenn man bei http://www.zeno.org in der Suchmaske das Wort Zigeuner eingibt; siehe zum Beispiel https://also42.wordpress.com/2019/11/05/geschoepf-sein-theorie-oder-erfahrung/. Vgl. auch diese Zigeunergeschichte!

One thought on “Zigeuner – drei Perspektiven

  1. … und es nützt nichts, wenn man Roma sagt, aber mit den Menschen nichts zu tun haben will. In meiner Kindheit hießen sie Kötten, und mir wurde verboten, mit den Kindern zu spielen. Sie wohnten in Baracken nahe der Müllkippe, und in der Schule saßen die Zigeunerkinder natürlich in der letzten Bank. Eine Zeitlang war ich mit einem der Jungen befreundet, und ich fand das Leben bei ihm zu Hause aufregend, spannend, lebendig.

Kommentare sind geschlossen.