Gelesen: Rückblick 2019

Wenn auf 2019 zurückgeblickt wird, kann ich nicht mit Reisen und Reisezielen aufwarten, weil wir in diesem Jahr wegen meiner Probleme mit den Schultergelenken schlicht nicht verreist sind. Meine Abenteuer haben sich im Wesentlichen im Kopf abgespielt, ich habe einige aufregende Bücher gelesen.

Deren letztes war Wolfram Eilenberger: Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 – 1929 (Klett-Cotta). Darin wird abwechselnd von Wittgenstein, Heidegger, Walter Benjamin und Ernst Cassirer erzählt, von ihrem Leben und von dem, was sie gedacht und geschrieben haben. Von ihnen ist nur Heidegger in Deutschland geblieben; Wittgenstein war ohnehin Österreicher und hat sich später nach England orientiert, Benjamin und Cassirer sind vor den Nazis geflohen. [Der Blick auf die Weimarer Republik hat sich 2018/19 aus meiner Beschäftigung mit Kästner ergeben.]

Weniger aufregend als eindrucksvoll war Hermann Brochs Roman „Die Schuldlosen“, der aus elf Novellen besteht und eine komplexe Entstehungsgeschichte aufweist. Von den elf sind „Methodisch konstruiert“ und „Die vier Reden des Studienrats Zacharias“ hervorzuheben, in denen besagter Lehrer Zacharias auftritt – Prototyp eines widerlichen deutschen Spießers, eine Sumpfblüte, die geradezu nach braunem Sumpf lechzt.

Gabriele Tergits Roman „Effingers“, 1951 erschienen, wurde neu aufgelegt. Erzählt wird von den Schicksalen der jüdischen Familien Goldschmidt und Effinger, eines Bankiers und eines Uhrmachers, vom Aufstieg in der Kaiserzeit über die Krisen in der Weimarer Republik bis zur Heraufkunft der Nazis, Freuden und Leiden von vier Generationen, in Berlin und auf dem Land in Süddeutschland: ein großes Panorama.

Zum Schluss möchte ich noch zwei wirklich alte Bücher nennen. Friedrich Christian Laukhard hat ab 1792 seine Lebensgeschichte erzählt, die 1908 von Viktor Petersen neu herausgegeben worden ist: Studentenleben, Laufbahn an der Uni, Geschicke als preußischer Soldat, Beobachter im revolutionären Frankreich, Begegnungen mit vielen freundlichen Menschen. Man kann es auf www.archive.org einsehen (zwei Bände).

Dort findet man auch den ersten Band der Lebenserinnerungen von Carl Schurz. Er erzählt von seiner Kindheit in Lieblar, seiner Schulzeit, dem Beginn des Studiums in Bonn und seinen Aktivitäten in der Revolution 1848/49, der Befreiung des Professors Kinkel aus der Festung Spandau, dem Exil in Europa, der Auswanderung nach Amerika und seinen politischen und militärischen Kämpfen in der Neuen Welt.