Hoffmann von Fallersleben: Rokokos Glaubensbekenntnis – Text und Analyse

Hoffmann von Fallersleben: Rokokos Glaubensbekenntnis (1841)

Swer lobt des snecken springen,

und des ohsen singen,

der quam nie da der lebarte spranc

unt da diu nahtegale sanc.  (Vridanc)

     Mel. Ich war erst sechszehn Sommer alt,

             Unschuldig und nichts weiter.

 

Ich stimme für die Monarchie,
Da gibt‘ s noch Rang und Stände;
Mit Republik geht Poesie
Und alles Glück zu Ende.

Ich stimme für die Monarchie;
Wenn wir darin nicht wären,
Wie könnten wir doch ohne sie
So viele Leut‘ ernähren?

Ich stimme für die Monarchie,
Für Würden, Titel, Orden;
In Republiken sind noch nie
Verdienste was geworden.

Ich stimme für die Monarchie,
Wo die Zensur noch waltet,
Wo nicht der Presse Despotie
Nach Herzenslüsten schaltet.

Ich stimme für die Monarchie,
Wo weise wird regieret,
Weil Grundbesitz mit Hab‘ und Vieh
Nur ist repräsentieret.

Ich stimme für die Monarchie,
Die gibt noch gute Rente;
Es gab die Republik noch nie
Vier oder fünf Prozente.

Drum lass ich mir die Monarchie

Auch nun und nimmer rauben:

Wir haben Eine Liturgie

Und Einen Gott und Glauben.

(https://archive.org/details/bub_gb_n5E9AAAAYAAJ/page/n245/mode/2up)

Sechsmal sagt der anonyme Sprecher: „Ich stimme für die Monarchie…“; das setzt eine Situation voraus, in der abgestimmt wird, ob man eine Monarchie oder eine Republik (V. 3) als Staatsform haben will. In der Überschrift wird der Sprecher als Rokoko oder, in Hoffmanns Schreibweise, Rococo identifiziert; wenn man diesen Namen nicht als beliebig wie Hinz und Hunz ansieht, muss man den räsonierenden Herrn (als Frau kann ich ihn mir 1841 nicht vorstellen) als Verkörperung des Rokokos verstehen. Zu dessen Verständnis hilft die erste Strophe: Rokoko als Stil einer adeligen oder reichen Oberschicht der Vergangenheit, welche die leichten und schönen Formen des Lebens pflegt; welche „Rang und Stände“ (V. 2) schätzt, weil sie selber im höchsten Rang steht; deren Leben „Poesie“ statt Arbeit ist (V. 3), einfach vom Glück (und den eigenen Privilegien) begünstigt (V. 4). Da Rokoko abstimmt, ist sein „Glaubensbekenntnis“ (Überschrift) metaphorisch zu lesen: Ausdruck seiner Überzeugung; erst in der letzten Strophe verschiebt sich die Bedeutung, wie unten zu zeigen ist.

Die sieben Strophen bestehen aus vier Versen im Jambus, die im Kreuzreim miteinander verbunden sind; der einzelne Vers weist vier Takte auf, wobei dem jeweils zweiten Vers eine Silbe fehlt (weibliche Kadenz), was eine kleine Pause hervorruft; nur in Strophe (2) geht der Satz hinter V. 6 weiter, sonst endet mit dem zweiten Vers der Strophe ein Satz, ebenso wie mit dem letzten. In diesem zweiten Vers wird (bis auf Strophe 2 und 7) eine „gute“ Eigenschaft der Monarchie genannt, mit der das Votum für die Monarchie begründet wird. Dem Aufbau der Strophen gemäß kann man sinnvolle Reime nur für den jeweils zweiten und vierten Vers erwarten. Das einleitende „Ich“ (V. 1, 5 usw.) kann man betont sprechen, das Ich setzt sich selbstbewusst gegen andere Wähler ab.

In Strophe (1) argumentiert Rokoko also ganz offen mit den Vorzügen der Monarchie für die Oberschicht und ihr schönes Leben; der Reim V. 2/4 betont den Kontrast zwischen Monarchie und Republik.

In Strophe (2) wird mit einer rhetorischen Frage (sachlich völlig unsinnig) für den Bestand der Monarchie argumentiert: Wenn man den Reichen nicht so viele Abgaben entrichten muss, bleibt in Wahrheit für die Armen mehr übrig. Der Reim V. 6/8 verbindet eine Bedingung mit ihren Folgen.

In Strophe (3) wird das Unwesen der Titel und Orden als Vorzug der Monarchie gepriesen; der zweite Teil des Arguments (V. 11 f.) unterstellt, dass dergleichen für „Verdienste“ verliehen würden; dabei bleibt noch offen, worum sich ein derart Ausgezeichneter – wenn überhaupt – verdient gemacht hat. Der Reim V. 10/12 ist den Verdiensten und Orden gewidmet.

In Strophe (4) spielt der Dichter ironisch mit dem Begriff Despotie, den Rokoko gerade nicht mit der gelobten Zensur, sondern mit der Pressefreiheit verbindet. Der Reim V. 14/16 beruht auf dem Kontrast von „Freiheit“ unter der Zensur und dem „Terror“ der freien Presse. Der ungewöhnliche Plural „Herzenslüste“ verdankt sich dem Metrum, welches noch die Silbe -e brauchte.

Auch in Strophe (5) spricht Rokoko offen zynisch: Die Regierung sei weise, da nur die Grundbesitzer im Parlament repräsentiert sind – in Preußen wurde das Dreiklassenwahlrecht erst 1849 eingeführt, das den unteren Klassen ein Minimum an Mitsprache einräumte. Der Reim V. 18/20 verbindet These und Begründung.

Auch das Argument in Strophe (6) beruht auf den Vorteilen, welche Kapitalbesitzer aus einer Monarchie zögen – dass es in der Republik keine Renten oder Zinsen gäbe, ist zudem nicht erwiesen. Der Reim V. 22/24 gilt der Rente von Kapitalanlagen.

In Strophe (7) fasst Rokoko seine Argumentation zusammen: Er will unbedingt an der Monarchie festhalten; verräterisch ist das Pronomen „mir“ (V. 25), mit dem die Monarchie als sein eigen, schlicht gesagt: mit seinem Eigentum verbunden, beansprucht wird. Die Alliteration „nun und nimmer“ bekräftigt seine Entschlossenheit (V. 26). In den beiden letzten Versen bekommt das politische „Glaubensbekenntnis“ Rokokos eine religiöse Dimension, als er seine Treue zur Monarchie begründet: Deren Verehrung stelle, anders als in den Konfessionen, eine gemeinsame Liturgie dar und hänge an einem einzigen Gott (dem König) – die Wörter „eine“ und „einen“ sind also zu betonen oder auch groß zu schreiben. Schon in Rom war die Berufung auf den einen Gott politisches Programm, und hundert Jahre nach Hoffmann wurde laut „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ geschrien. Mit der religiösen Überhöhung wird im Sinn des Dichters das Glaubensbekenntnis entlarvt. Der Reim V. 26/28 verbindet die Treue zum König mit der religiösen Verbrämung.

Das Motto des Gedichts stützt diese Lesart, indem das hinterwäldlerische Lob von Schneckensprung und Ochsengesang – hier dem Lob der Monarchie gleichzusetzen – abgetan wird, weil es den Leopardensprung und den Gesang der Nachtigall nicht kennt: Damit wird die Weite, Schönheit und Freiheit der Republik in einer Analogie im Kontrast offenbar, während das Lob der Monarchie den Verehrern von Schneckensprung und Ochsengesang vorbehalten ist.

Ich war erst sechzehn Sommer alt“ ist ein Gedicht von Matthias Claudius; es wurde von J. F. Reichardt und auch von Kapellmeister Schulz vertont und war 1841 ein Volkslied; es hat Hoffmann den Rhythmus seines Gedichtes vorgegeben.

Übersetzung des Mottos durch Dr. Rolf Keuchen:

Wer das Laufen der Schnecke

und das Singen des Ochsen lobt,

der kam nie dahin, wo der Leopard lief

und wo die Nachtigall sang.   (Freidank)

https://archive.org/details/bub_gb_n5E9AAAAYAAJ/page/n223/mode/2up (Hoffmann von Fallersleben: Unpolitische Lieder, Zweiter Teil, 1841)

https://archive.org/details/hoffmannsvonfal01gersgoog/page/n5/mode/2up (ders.: Zeit-Gedichte)

https://gedichte.xbib.de/gedicht_Fallersleben.htm (Gedichte, z. T. fehlerhaft)
Hoffmann von Fallersleben

https://de.wikipedia.org/wiki/August_Heinrich_Hoffmann_von_Fallersleben

https://www.von-fallersleben.de/ (mit Gedichten)

Vormärz

https://www.geschichte-abitur.de/restauration-und-vormarz/vormarz

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch/artikel/vormaerz-und-junges-deutschland

https://www.inhaltsangabe.de/wissen/literaturepochen/vormaerz/

Sonstiges

https://de.wikipedia.org/wiki/Karlsbader_Beschl%C3%BCsse (Karlsbader Beschlüsse)

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/deutscher-bund/karlsbader-beschluesse-1819.html (dito)

https://de.wikipedia.org/wiki/Rokoko (Rokoko)

https://www.goruma.de/kunst-und-kultur/bau-und-kunststile/rokoko (dito)

https://www.volksliederarchiv.de/ich-war-erst-sechzehn-sommer-alt-phidile/ (Ich war erst sechzehn Sommer alt)